Stilles Gedenken: Sechs Monate nach dem Flugzeugunglück von Smolensk, bei dem der polnische Präsident Lech Kaczynski und 95 weitere Menschen ums Leben kamen, erinnern Bürger in Warschau mit Holzkreuzen an die Verstorben. Foto: AP

Der Bruder des ums Leben gekommenen Präsidenten ist empört.

Warschau/Smolensk -  Ein beschwipster Luftwaffenchef, Psychoterror gegen die Piloten und fatale Fehler des schlecht ausgebildeten Kapitäns: Russische Ermittler haben Polen die alleinige Verantwortung für die Flugzeugkatastrophe von Smolensk im April vergangenen Jahres zugewiesen. Beim Absturz der Präsidentenmaschine waren damals der polnische Staatschef Lech Ka-czynski und 95 weitere hochrangige Vertreter der Nation ums Leben gekommen.

In Warschau stieß die extrem kurzfristig anberaumte Präsentation des Untersuchungsberichts auf heftige Kritik. Angehörige der Opfer sprachen von einer "skandalösen Desinformationskampagne". Der Bruder des getöteten Präsidenten, Ex-Regierungschef Jaroslaw Kaczynski, nannte den "einseitigen Bericht" eine "Verhöhnung Polens". Premier Donald Tusk brach seinen Urlaub ab, um sich mit seiner Regierung über das weitere Vorgehen zu beraten. Erst vor wenigen Wochen hatte er die russischen Ermittlungen als unzureichend und inakzeptabel zurückgewiesen.

Seit dem Absturz vor neun Monaten reißen die Spekulationen über die Unglücksursache nicht ab. Die Tupolew 154 war nach mehreren missglückten Versuchen beim Landeanflug in dichtem Nebel in einen Wald gerast und zerschellt. Hatte der Tower die Piloten nicht gewarnt? Oder hatte Kaczynski Druck auf den Kapitän ausgeübt, weil er seinen Besuch in Katyn gefährdet sah. Dort wollte er der Opfer des stalinistischen Massenmords an polnischen Offizieren gedenken.

Die russische Version der Ereignisse ist eindeutig: "Die Piloten hätten sich niemals zur Landung entschließen dürfen", sagte die Leiterin der Untersuchungskommission, Tatjana Anodina. Die russischen Fluglotsen hätten dringend davon abgeraten. Im Cockpit aber habe der angetrunkene polnische Luftwaffengeneral Andrzej Blasik den Kapitän zur Landung gedrängt. "Er hatte 0,6 Promille Alkohol im Blut", erläuterte Anodina und sprach von Psychoterror gegen die Crew. Pilot Arkadiusz Protasiuk habe gesagt: "Wenn wir nicht landen, hängen sie mich auf."

Der Tower in Smolensk hat die Piloten zu spät gewarnt

Ob Blasik und der ebenfalls im Cockpit anwesende Protokollchef Mariusz Kazan im Auftrag von Präsident Kaczynski handelten, ließ Anodina offen. "Darauf haben wir keine Hinweise", sagte sie knapp. Klar sei aber, dass die Piloten nicht für einen Landeanflug in Smolensk bei schwierigen Witterungsbedingungen ausgebildet gewesen seien. Die wiederholt von Polen geäußerte Kritik am Verhalten der russischen Verantwortlichen fand in dem Bericht fast keinen Widerhall. Die Vertreter Warschaus waren in der als zwischenstaatliches Luftfahrtkomitee eingesetzten Untersuchungskommission nur als Beobachter zugelassen.

Den polnischen Experten zufolge hat der Tower in Smolensk die Piloten erst spät und nur halbherzig vor einer Landung gewarnt. Außer den Lotsen war dort ein russischer Offizier anwesend, der nach polnischer Lesart auf Weisung aus Moskau kein eindeutiges Landeverbot aussprach. Anodina hielt dem entgegen: "Eine Landeerlaubnis hat es nicht gegeben." Aus polnischer Sicht war auch der Militärflughafen in einem schlechten Zustand. Die Lotsen hätten den Piloten zudem wichtige Informationen über die Flugbedingungen vorenthalten.

Die einseitige Präsentation des 20000 Seiten umfassenden Untersuchungsberichts droht das gerade erst verbesserte russisch-polnische Verhältnis wieder aus dem Gleichgewicht zu bringen. Nach jahrelangem Zwist hatte Dmitri Medwedew beim ersten Staatsbesuch eines russischen Präsidenten in Polen seit 2002 vor wenigen Wochen noch von einem "neuen Geist der Zusammenarbeit" geschwärmt. In Moskau war davon gestern wenig zu spüren.

Kaczynski-Bruder spricht von haltlosen Spekulationen

In Warschau kritisierte Jaroslaw Kaczynski nicht nur die russischen Ermittler für ihre "haltlosen Spekulationen". Der Chef der national-konservativen Partei PIS wies auch Regierungschef Donald Tusk eine Mitschuld am "Skandal-Bericht" zu. Tusk habe keinerlei Anstrengungen unternommen, um die polnische Beteiligung an den Ermittlungen zu stärken. Bereits früher hatte der Bruder des getöteten Präsidenten Tusk beschuldigt, gemeinsame Sache mit dem Kreml zu machen.

Doch in Polen waren auch selbstkritische Stimmen zu hören. Der Untersuchungsbericht bestätige eine "traurige Einsicht", kommentierte die Zeitung "Gazeta Wyborcza". "Zu der Tragödie von Smolensk haben vor allem unser polnisches Chaos und unsere Verantwortungslosigkeit geführt."

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: