Vollzeitstelle und ein Kind im Strampleralter? Wie geht das zusammen? Für Magdalena Henken-Viereck ist das kein Problem. Ihr Baby nimmt sie mit ins Büro. Acht Wochen nach der Geburt ihrer Tochter hat sie wieder angefangen zu arbeiten.
Hanna lässt, nun ja, unüberhörbar einen fahren. Warum sollte sie auch nicht, sie ist erst seit wenigen Wochen auf der Welt, ihre Verdauungsgeräusche muss sie noch nicht kontrollieren können. Hanna liegt in einer Babyschale vor dem Schreibtisch ihrer Mutter Magdalena Henken-Viereck. Ihre Mutter sitzt nicht am Schreibtisch. Henken-Viereck hat auf dem Parkett eine Decke ausgebreitet und kniet neben Hanna. „Die Nähe zu ihr ist mir sehr wichtig“, sagt sie. Deswegen arbeitet die 36-Jährige lieber vom Fußboden als vom Bürostuhl aus. Selbstverständlich ist das nicht. Henken-Viereck hat eine Vollzeitstelle. Acht Wochen nach der Geburt ihrer Tochter hat sie wieder angefangen zu arbeiten. Und ihr Baby nimmt sie mit ins Büro.
Magdalena Henken-Viereck trägt Dreadlocks, Nasenpiercing, bunte Kleidung und gendert. Sie leitet das Theologische Mentorat der Diözese Rottenburg-Stuttgart, ihr Büro ist hell und stuckverziert und befindet sich in einer Villa mit Buntglasfenstern in Tübingen. Als Mentoratsleiterin ist Henken-Viereck zuständig für die rund 230 Studenten der Katholischen Theologie an der Tübinger Universität. Sie begleitet sie während des Studiums, bereitet sie auf das Berufsleben vor, führt Beratungsgespräche, kümmert sich um Persönlichkeitsentwicklung, vermittelt Praktika, organisiert Morgengebete, Grillpartys oder Vorträge einer Militärseelsorgerin. Sie mag die Zusammenarbeit mit den jungen Menschen und dieser Altersgruppe, der die ganze Welt offensteht und die doch Orientierung braucht. „Das ist meine Traumstelle“, sagt sie. Aber die Traumstelle kam zeitgleich mit Hanna.
Auch Stillen gehört zum Berufsalltag
Hanna heißt eigentlich anders, ihren eigentlichen Vornamen möchte Henken-Viereck lieber nicht in der Zeitung und im Internet sehen. Hanna hat es gemütlich in ihrer Schale, gelegentlich wackelt sie mit dem Zeh, schmatzt und fiept ein wenig und grinst vor sich hin. Ihre Mutter steckt ihr den Schnuller in den Mund oder nimmt sie auf den Arm, während sie der Autorin dieses Textes diverse Fragen beantwortet. Multitasking? Läuft. „Es ist mir wichtig, im Gespräch aufmerksam zu sein“, sagt Henken-Viereck. „Ich möchte meinen Job gut machen und nicht schlechter, weil ich meine Tochter dabeihabe.“
Die Beratungsgespräche mit Studenten laufen auch so ab. Henken-Viereck fragt sie im Vorfeld, ob das okay sei, so auf dem Boden. Dass ihr Arbeitsalltag mit Baby funktioniert, hängt an der Resonanz aller Beteiligter. Wenn Hanna während eines Gesprächstermins unruhig wird, stillt Henken-Viereck sie eben während eines Gesprächs. „Zum Glück sind Studierende in dieser Hinsicht entspannt“, sagt sie.
Magdalena Henken-Viereck stammt aus Villingen-Schwenningen. Mit der Katholischen Kirche ist sie aufgewachsen. Ihr Vater ist Pastoralreferent, Henken-Viereck hat ministriert, ist ins Burgund nach Taizé gefahren, wo sich christliche Jugendliche aus aller Welt treffen, hat sich aufgehoben gefühlt. Nach dem Abitur arbeitete sie an einer Schule in Peru, studierte Katholische Theologie in Tübingen, lernte ihren heutigen Mann kennen. Nach dem Abschluss ließ sie sich in Tettnang zur Pastoralreferentin ausbilden, arbeitete als Stadtjugendseelsorgerin in Reutlingen.
Hochschwanger und Traumstelle in Aussicht
Eigene Kinder wollte sie immer. Ihr erstes kam vor drei Jahren zur Welt, ein Junge. Nach der Geburt ihres Sohnes blieb Henken-Viereck ein Jahr lang zuhause. Damals war das kein Problem. Es war nicht mal ein Thema. Etwas anderes hatte sie nicht vorgehabt. Auch nach Hannas Geburt wollte sie wieder Elternzeit nehmen. Dann hätte sie sich wieder morgens ins Stillcafé gesetzt und mittags Babysportkurse besucht und zwischendurch geschaut, dass ihr zuhause nicht die Decke auf den Kopf fällt, wie sie sagt. Aber dann bekam sie diese Traumstelle in Aussicht gestellt, als sie hochschwanger war. Was tun?
Die Vereinbarkeit von Kindern und Beruf vor allem für Frauen ist gesellschaftlicher Diskurs wie Politikum. Studien zufolge profitieren Unternehmen nicht nur finanziell, wenn sie Fachkräften einen raschen Wiedereinstieg ermöglichen. Einen Betriebskindergarten haben aber längst nicht alle. Und selbst wenn der Mann Elternzeit nimmt und in der Superkita mit ethisch korrektem Holzspielzeug und Birkenbäumen im Garten ein Platz frei ist – vielleicht will die Fachkraft dem eigenen Knirps doch lieber von morgens bis abends groß werden sehen, anstatt zur Arbeit zu fahren?
Rollenkonflikte habe sie auch gehabt, sagt Magdalena Henken-Viereck. Möglichkeiten standen ihr unterschiedliche offen. Sie hätte in Teilzeit als Mentoratsleiterin einsteigen können. Aber sie zweifelte, ob sie mit 20 Prozent Arbeitszeit den Anliegen der Studenten gerecht werden könne. Und in Anbetracht eines Vollzeitjobs fragte sie sich, ob ihr Kind zu kurz käme.
40 Wochenstunden für die Care-Arbeit
Henken-Viereck hatte keinen Karriereplan. Aber sie hat immer gern gearbeitet. Ihre Hebamme ermutigte sie, es Vollzeit zu versuchen. Ihr Mann ermutigte sie. Er arbeitet in einem Unternehmen für Haushaltsauflösungen, ist flexibel. Zusammen schrieben sie eine Liste und berechneten haarklein, wie viel Zeit für welche Aufgabe draufgeht, Einkaufen, Wäsche, der ganze sogenannte Care-Arbeitsberg. Sie kamen auf 40 Wochenstunden. Den Haushaltsanteil übernahm fortan ihr Mann.
Vor allem aber stärke ihr Chef ihr den Rücken, wie Henken-Viereck-sagt. Mit Domkapitular Uwe Scharfenecker vereinbarte sie, dass sie teils im Homeoffice arbeiten und ansonsten ihr Kind mit ins Büro bringen darf. Laut Henken-Viereck war Scharfenecker sogar ausschlaggebend dafür, dass sie das Vollzeitmodell wagte. Er hatte ihr einen Artikel gezeigt. Der erste Satz hieß: „Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich in ihrer Einstellung zur Mutterschaft.“ Im September 2024 trat Henken-Viereck ihre Stelle an. Am 7. November kam Hanna zur Welt. Anfang Januar dieses Jahres ging Magdalena Henken-Viereck wieder zur Arbeit, gemeinsam mit Babyschale, Windeln, Feuchttüchern, Schnuller, Rassel und ihrer Tochter.
Henken-Viereck lebt mit ihrer Familie in Reutlingen, demnächst ziehen sie in ein Haus nach Rottenburg. Als arbeitende Mutter schwebt sie nicht immer auf einer rosaroten Zuckerwattewolke. Es ist auch anstrengend. Wie neulich, als sie morgens ihren Sohn in den Kindergarten bringen wollte, ihm vor der Abfahrt einfiel, dass er seine Zähne noch nicht geputzt hatte, Hanna bereits in der Trage verstaut und plötzlich ihre Mütze verschwunden war und Henken-Viereck doch um 9 Uhr in Tübingen hätte sein müssen. Stress! Aber Hanna ist glücklicherweise eine entspannte Zeitgenossin. Sie schläft problemlos. „Ich nehme nicht wahr, dass sie unter meiner Berufstätigkeit leidet“, sagt ihre Mutter.
Tradwifes sind für sie ein No-Go
Magdalena Henken-Viereck schwärmt von ihrer Arbeit. „Unsere Kirche ist in einer spannenden Phase, uns laufen die Leute weg“, sagt sie. Dagegen will sie mitangehen. „Mir macht es Spaß, innovativ und out of the Box zu denken.“
Ihr Berufsalltag ist eine Ausnahme. In der bundesweiten Arbeitskultur wie in der Diözese-Rottenburg-Stuttgart. Doch er führt mögliche Vorurteile über starre Mutterideale in der Katholischen Kirche ad absurdum. „Ich fände es schön, wenn mehr Arbeitgeber sich in dieser Hinsicht weiterentwickeln“, sagt Henken-Viereck. Wenn jemand motiviert sei, schnell in den Beruf zurückzukehren, solle das möglich sein.
Andere verurteilen wolle sie nicht, sagt sie. Aber den aktuellen sogenannten Tradwife-Trend findet sie „ganz krass“. Dabei glorifizieren Nutzerinnen in den sozialen Medien ihr Leben als traditionelle Hausfrau, die in Karoschürze und mit Schleife im Haar Buttercremetorten backt, putzt, Blumenarrangements in der Wohnung verteilt und dem Versorgerehemann ein wohliges Heim bereitet. Eigene Erwerbstätigkeit oder Kitas sind für Tradwifes ein No-Go, häufig kommen sie aus einem christlich-fundamentalistischen Umfeld. „Ich finde es erstaunlich, dass junge Frauen dieses Rollenbild bedienen, um einen Mann zu bemuttern“, sagt Henken-Viereck.
Erfüllend, herausfordernd, motivierend
Sie nimmt ihre Tochter nicht nur mit in ihr Büro, sondern auch zu allen Sitzungen und Tagungen, die sie im kirchlichen und akademischen Universum abspult. Andere Teilnehmer kommen oft auf sie zu und sagen ihr, wie toll sie das finden. Naserümpfen oder spitze Bemerkungen anderer? Gab es bisher nicht. „Es ist ein Geschenk, dass die kirchlichen Mitarbeiter und Kollegen mir so positiv begegnen.“
Manche sind richtig vernarrt in Hanna. Und reißen sich bisweilen darum, den Kurzzeitbabysitter geben zu dürfen. Neulich hat sich eine Studentin um sie gekümmert, als Henken-Viereck beim Mittagessen saß, beim Semesterabschlussgottesdienst betreute die volljährige Tochter einer Kollegin das Baby. Und mitunter ist Hanna auch ein Türöffner: Manch sonst eher verschlossene Student taut auf, wenn sie im Gespräch dabei ist und vor sich hinblubbert.
Nach drei Monaten mit Baby im Büro fragt sich Henken-Viereck zwischendurch immer noch, ob sie ihre Rollen als Berufstätige und Mutter erfüllt. Bereut hat sie ihre Entscheidung noch keinen Tag. In einem Jahr soll Hanna in die Kita. Magdalena Henken-Viereck empfindet ihr Leben momentan als erfüllend, herausfordernd, spannungsreich und motivierend gleichermaßen. „Ich liebe es, wenn etwas geht“, sagt sie.