Das ZKM Karlsruhe besitzt eine der wichtigsten Sammlungen von Medienkunst. Jetzt hat es seine Highlights wieder zum Laufen gebracht und geht damit auch auf Zeitreise mit dem technischen Fortschritt. Das Publikum darf aktiv werden.
Am Ende prügeln sich die Museumsbesucher. Eben waren sie noch harmonisch und im Gleichklang im Raum unterwegs, dann aber schleicht sich eine Unwucht ein, sodass es zu Tumulten kommt. Hier stürzt eine junge Frau, dort scheint jemand zum Schlag auszuholen. So unheimlich das sein mag, die interaktive Arbeit „Captured“ von Hanna Haaslahti ist eine der begehrtesten im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe. Willig lassen die Besucher ein Foto von sich machen, dass der Computer umgehend verwandelt in eine dreidimensionale Figur. Und die mischt sich auf der großen Leinwand ins Getümmel. Und schon wenig später kann man sich zuschauen inmitten dieser virtuellen Aggression.
„The Story That Never Ends“ – Neupräsentation von Medienkunst der letzten Jahrzehnte
In der neuen Ausstellung im ZKM kann man an vielen Stellen selbst aktiv werden, denn der Reiz von neuen Technologien in der Kunst war von Beginn an, direkter mit dem Publikum interagieren zu können. So mischen die Besuchenden mitunter an Arbeiten mit, selbst wenn sie es gar nicht bemerken. So bringt man allein durch seine schiere Anwesenheit Lichter zum Leuchten oder löst zarte Klänge aus.
Seit dreißig Jahren sammelt das Karlsruher ZKM Kunst, die sich neuen Technologien widmet – angefangen bei Videos, die Künstler in den 1960-er Jahren plötzlich begeistert produzierten bis hin zu Algorithmen, die selbstständig Porträts produzieren. „The Story That Never Ends“ nennt sich die Neupräsentation, die auch bewusst macht, dass technische Innovationen, die eben noch als Zukunftsmodell gepriesen wurden, oft eine sehr kurze Lebensdauer haben - und damit auch die Kunst schnell altmodisch wirken kann. Allein die 27 riesigen Röhrenmonitore, auf denen Marie-Jo Lafontaine starke Kerle an Fitnessmaschinen zeigte, weisen deutlich ins vergangene Jahrtausend.
Harte Arbeit für die Restaurierungsabteilung des ZKM Karlsruhe, die oftmals ihre liebe Not hat, noch Ersatzteile zu finden, um die alten Systeme wieder zum Laufen zu bringen. Das ZKM besitzt nicht nur eine beachtliche Sammlung für Medienkunst, sondern hat sich auch darauf spezialisiert, die alten Video- oder Lichtarbeiten oder die frühe Computerkunst wieder flott zu machen.
An sich gehören die Pflege und Restaurierung der eigenen Bestände zu den klassischen Aufgaben eines Museums, da das ZKM aber zeigen will, mit welchen besonderen Herausforderungen man bei dieser speziellen Sammlung zu tun hat, widmet sich die Neupräsentation auch ausführlich der eigenen Restaurierungsabteilung – eine Nabelschau, die in Zeiten knapper werdender Mittel für die Kultur vermutlich ein notwendiger Schachzug ist.
Einmal sich selbst erschießen
Interessanter als die alten Disketten und diversen Interviews mit Mitarbeitenden sind letztlich aber die Werke selbst. Denn wo sonst kann man schon in Erfahrung bringen, in welchem Gefühlszustand man sich gerade befindet? Bei einer Arbeit von Eva Jäger und Guillemette Legrand verrät die Gesichtsemotionserkennung, ob man gerade traurig, überrascht oder doch wütend ist.
Wie harmlos muten dagegen die kinetischen Arbeiten aus der Sammlung an, die noch ohne Strom auskamen. Jesús Rafael Soto spannte einen Faden vor einer linierten Fläche, sodass es vor den Augen flirrt und flimmert. Wenn Ute Friederike Jürß dagegen 1995 aufs Alter anspielen wollte, fragt man sich schon, ob es wirklich so viel technischen Aufwand benötigte, um einen Ausschnitt faltiger Haut zu zeigen, die vermutlich von einem Elefanten stammte.
In der neuen Ausstellung wollte man vor allem das zeigen, was lange im Depot lagerte, weil man sich nicht recht an die Restaurierung wagte. Einige wenige Künstler darunter haben sich international einen Namen gemacht – wie Nam June Paik, der früh Fernseher in seinen Skulpturen nutzte, oder Wolf Vostell, der Fernsehgeräte in Beton einschloss, um die Zeit buchstäblich anzuhalten. Auch der amerikanische Videokünstler Bill Viola ist vertreten, der in „Stations“ (1994) auf fünf Leinwänden lebensgroße Personen im Wasser schwebend zeigt. Und wie sie da so nackt durchs Nichts gleiten, werden existenzielle Fragen nach dem Werden und Vergehen wach.
Manchmal lassen sich Künstler von der neuen Technologie aber auch verführen, ihr mehr Bedeutung einzuräumen als dem Inhalt ihrer Arbeit. Herbert W. Franke war nicht einmal Künstler, sondern Physiker, hat aber trotzdem Bilder mithilfe eines Messgeräts erzeugt, das elektrische Spannung sichtbar machte. Mehr Spielraum für Interpretationen eröffnet da Lynn Hershman Leeson. Sie lässt das Publikum durch ein Gewehr schauen, um ein besonderes Opfer ins Visier zu nehmen: Auf dem eingespielten Live-Bild sieht man prompt sich selbst, wie man gerade hinter der Knarre steht.
Medienkunst nicht nur fürs Museum
Forschung
Das ZKM wurde nicht als klassisches Museum gegründet, sondern als eine Institution, die Kunst und wissenschaftliche Forschung verbindet und Künstlerinnen und Künstlern Zugang zu neuesten Technologien ermöglichen will.
Ausstellung
bis 20. September 2026, geöffnet Mittwoch bis Freitag 10 bis 18 Uhr, Samstag, Sonntag 11 bis 18 Uhr. adr