Ein Gespinst aus Licht schwebt über den Bahnsteigen: die U-Bahn-Station Kronenplatz in Karlsruhe. Foto: Brigida González

Wer in Karlsruhe erleuchtet werden will, muss unter die Erde gehen: Allmann Sattler Wappner Architekten und der Lichtdesigner Ingo Maurer haben sieben neue U-Bahn-Stationen gestaltet.

Karlsruhe - Jeder Station ihr eigenes Gesicht, ein unverwechselbarer Style aus Farbe und Material, eine die Wiedererkennbarkeit erleichternde ID – U-Bahnhöfe in vielen Großstädten sind so designed. Das Münchner Büro Allmann Sattler Wappner Architekten, das sich 2021 zu allmannwappner umfirmiert hat, und der 2019 verstorbene Münchner Lichtdesigner Ingo Maurer haben sich in Karlsruhe bei ihrem 2004 zum Sieger eines geladenen Architekturwettbewerbs gekürten Entwurf für eine andere Philosophie entschieden. Die sieben Stationen des neuen Stadtbahntunnels unterscheiden sich zwar aufgrund ihrer geografischen Lage in ihrer Geometrie, sind aber gestalterisch aus einem Guss. So formen die Architekten die neue „Karlsruher Untergrundbahn“ mit 3, 6 Kilometern Länge räumlich zu einer Einheit.

 

Kontrast zum oberirdischen Reizüberfluss

Die Unterwelt in der badischen Fächerstadt soll der oberirdischen urbanen Reizdichte eine meditative Raumwirkung entgegensetzen, betonen die Architekten in ihrer Projektbeschreibung. Dass dieses Kalkül aufgeht, liegt zu einem Gutteil an der durchdachten und subtilen Handhabung der Materialien, mit der sie die Ingenieurbauwerke, die U-Bahnhöfe darstellen, ausgestaltet haben. Im Zentrum steht der Gedanke einer zunehmenden Veredelung, je tiefer man von der Oberfläche nach unten in das Tunnelsystem vordringt.

Frei gestelltes U als Signet

Als Exempel sei die Station Marktplatz (Pyramide) herausgegriffen. Dort weist auf Straßenebene das Signet der Karlsruher U-Bahn, eine filigrane graue Stele, der ein frei gestelltes gelbes U wie ein Zweizack aufsitzt, auf den Treppenabgang hin. Die mit italienischem Granit verkleideten Brüstungen scheinen sich förmlich aus dem Boden herauszustülpen – denn mit dem Naturstein ist auch der Marktplatz belegt.

Gestockter Beton und Terrazzo

Im Zwischengeschoss tritt das Infrastrukturbauwerk nackt zutage – hier regiert Beton. Die Wände wurden gestockt, also nach einer traditionellen handwerklichen Methode behauen. Die Handarbeit verfeinert die Flächen, verleiht ihnen nahezu den sinnlichen Charakter eines Natursteins, eine zum Anfassen verleitende Struktur, die mit dem gesprenkelten Terrazzoboden harmoniert. Die in dieser Zone bündig in die Decke eingelassenen konusförmigen Leuchten sind unregelmäßig angeordnet, so erhält der Raum eine unauffällige Lebendigkeit.

Strahlende Helligkeit unter der Erde

Auf dieser Ebene dürfte jede Passantin, jeder Passant von der breiten Glasfront zwischen den beiden Abgängen zu den Bahnsteigen angezogen werden, die den Blick hinab in die Halle eröffnet. Vor dem Betrachter entfaltet sich ein Breitwand-Panorama, in dem Architektur und Lichtdesign eine umwerfende ästhetische Symbiose eingehen. Was dabei auf Anhieb in den Bann zieht, ist die strahlende, aber nicht blendende Helligkeit der Halle, die man unter der Erde schlichtweg nicht erwartet.

Wer sich auf die unterste Ebene begibt, wird von einem Raum mit nahezu sakralem Charakter umfangen: pur, weit, bis zu zwölf Meter hoch. Boden und untere Wandhälfte sind mit großformatigen Betonwerksteinen belegt, deren Weiß eine minimale Grautönung hat. Eine mit Akustikputz beflockte Trockenbaukonstruktion im gleichen Ton bedeckt die obere Hälfte der Wände und die Decke. Weil die Übergänge von Boden und Decke zu den Wänden zudem sanft gerundet sind, erscheint der Raum wie eine mit einem seidigen Futteral ausgekleidete Schale.

Ins Bild gesetzte Elektrizität

Trotz ihrer Monochromie wirkt die Haltestelle nicht klinisch steril. Farbakzente setzen die fein ausgeführten roten Schriftzüge der Stationsnamen. Solche Details werden von der großartigen Lichtinszenierung überstrahlt. Der viel gerühmte Ingo Maurer hat hierzu sein Lichtsystem aus horizontal gespannten Metallseilen und Halogenleuchten, „YaYaHo“, das in den Achtzigern zum Megatrend avancierte, in eine neue Dimension überführt. Die kupfernen Trambahn-Oberleitungen dienten ihm als Inspiration – sein Leuchtsystem im Karlsruher Untergrund ist ins Bild gesetzte Elektrizität.

Fahrgäste im Lichtspiel

LED-Röhren sind in Fahrtrichtung auf quer zum Gleis gespannten Stahlseilen verteilt. In ihrer regelmäßigen, aber nicht sofort zu durchblickenden Anordnung scheinen die Leuchtstäbe wie ein Geschwader über die Köpfe der Fahrgäste hinwegzuziehen. Die Architekten sprechen von „feinsinnig arrangierten Noten einer Symphonie“. Wie immer man das Bild deuten will: Es beschäftigt das Auge und steigert die kontemplative Wirkung des Raums. Der Fahrgast bleibt nicht nur passiver Betrachter. In das Gespinst der Stahlseile integrierte rote, blaue oder grüne Spots erzeugen einen farbigen Schattenwurf, sobald jemand darunter vorbeigeht oder stehen bleibt – die Passantin wird zum Regenbogen-Farbklecks-Fabrikator.

Bei vielen U-Bahnhöfen ist man froh, wenn man sie hinter sich lassen und wieder nach oben steigen kann. In Karlsruhe könnte man Ewigkeiten unter der Erde verweilen.

Umstrittenes Kunstprojekt

Kombilösung
Der neue, nach zwölf Jahren Bauzeit im Dezember 2021 fertiggestellte Stadtbahntunnel, der die City T-förmig untertunnelt, ist Teil eins der Karlsruher Kombilösung, für die die Einwohner 2002 per Bürgerentscheid votiert hatten. Vier neue U-Bahnhöfe fädeln sich in Ost-West-Richtung unter der Kaiserstraße, der zentralen Shoppingmeile, auf. Auf dem horizontalen T-Balken liegt auch die Haltestelle Marktplatz (Kaiserstraße), von hier zieht sich eine Nord-Süd-Achse mit drei weiteren Stationen in Richtung Hauptbahnhof. Teil zwei ist der Autobahntunnel entlang der Kriegsstraße samt neuer oberirdischer Straßenbahn, der noch nicht fertiggestellt ist. Die Tunnelbauten gelten in Karlsruhe als „Jahrhundertprojekt“, die Kosten belaufen sich auf 1,5 Milliarden Euro.

Kunstbeitrag
„Genesis“ heißt das Kunstprojekt des Künstlers Markus Lüpertz, das in den sieben Haltestellen installiert werden soll. Die 14 jeweils acht Quadratmeter großen Keramikreliefs erzählen die Schöpfungsgeschichte nach. Das Projekt, das vom Architekturbeitrag völlig losgelöst ist, wird durch Spenden und Sponsoren finanziert und ist umstritten, weil der Künstler ohne Wettbewerb beauftragt wurde.