Gemeinsames Singen schafft Gemeinschaft – auch im „Omega“ in Donaueschingen ist Karaoke schon seit Langem mehr als ein Kneipenspiel. Foto: Schedler

Karaoke erobert das Nachtleben in der Stadt. Es hilft Clubs und Bars nach Corona auf die Beine. Und immer wieder gibt es da Gänsehautmomente, wie Wirte berichten.

Das grelle Scheinwerferlicht fällt auf eine Bühne, die zugleich Arena und Wohnzimmer ist. Im Publikum wechseln sich Bierglas und Cocktailschirm ab und jeder Gast ist zugleich Schiedsrichter, Fangemeinde und Ersatzchor.

 

Auf der Bühne ringt einer mit dem Einsatz, die Augen starr auf die flimmernden Zeilen des Monitors fixiert, während vertraute Hits so laut wie schief in den Raum geschleudert werden.

Minuten später umklammert ein anderer das Mikrofon, als sei es ein Rettungsring. In Donaueschingen ist das Kultformat Karaoke mittlerweile fest im Nachtleben angekommen.

Die Stimmung ist immer ausgelassen

Karaoke ist aber mehr als nur ein Kneipenspiel für Mutige mit Mikrofon. Es ist ein soziales Ventil, ein Experimentierfeld für Eitelkeit, Gemeinschaft und die Frage, wie viele schiefe Töne eine Freundschaft aushält.

Im Irish Pub in der Karlstraße sind die Karaoke-Abende inzwischen fester Bestandteil des Programms. „Unsere Karaoke-Abende sind immer unsere Monats-Höhepunkte, sowohl für das Team als auch für die Gäste“, erzählt Wirt Matthias Mash Binder. Die Stimmung sei jedes Mal ausgelassen, egal ob jemand ein nahezu perfektes Solo hinlegt oder so schief singt, dass am Ende alle gemeinsam mitgrölen.

Eine große Party, jeder bekommt Applaus

„Wir haben mehrere Mikros und es ist auch völlig in Ordnung, einfach in der Gruppe am Tisch zu singen. Es ist eine große Party und jeder bekommt Applaus.“ Manchmal gehe es sogar weit über Spaß hinaus: „Es ist immer wieder ein Gänsehautmoment, wenn ein guter Song Menschen zusammenbringt und plötzlich die ganze Kneipe im Chor singt.“

Karaoke im Irish Pub findet in der Regel einmal im Monat an einem Freitag oder Samstag statt. Feste Termine gibt es nicht. Die Ankündigungen laufen über die sozialen Medien und Aushänge vor Ort.

Am Ende singen ohnehin alle

Dass Karaoke dort inzwischen ein Publikumsliebling ist, bezweifelt niemand. „Wir haben viele Stamm-Sängerinnen und -Sänger, die immer dabei sind, aber es kommen auch ständig neue Gesichter dazu. Meistens ist volles Haus und am Ende singen ohnehin alle“, sagt Binder. Die Premiere feierte das Irish Pub an Halloween 2021. „Eigentlich hatten wir Karaoke schon früher geplant, aber die Pandemie hat uns ausgebremst. Nach Corona waren viele Gäste in einem Ausgeh-Tief, die Gewohnheiten hatten sich während der langen Pause verändert. Karaoke war da für viele ein befreiender Ausbruch aus dem Alltag.“

Auch im Omega hat Karaoke inzwischen einen festen Platz – allerdings mit einer anderen Note. Hier geht es nicht nur um Kneipen-Atmosphäre, sondern um Konzert-Feeling. „Das Besondere bei uns ist, dass es auf einer richtigen Bühne mit Lichttechnik, sattem Ton und vielen Zuschauern stattfindet“, erklärt Betreiber Julian Hischmann.

Schon der erste Abend lockte Ende August rund 80 Besucher an. „Wir haben das zunächst ohne große Werbung getestet und es war gleich ein Erfolg.“ Entstanden ist die Idee durch eine Umfrage unter den Gästen. Ab sofort findet Karaoke dort jeden vierten Donnerstag im Monat statt. Und auch Hischmann weiß, dass es dabei weniger um stimmliche Perfektion geht: „Die Stimmung ist am besten, wenn alle gleich schlecht singen können. Deshalb sollte den Anfang auch nie jemand machen, der tatsächlich singen kann.“

Eine fest Größe

Auch im „Numbars“ gibt es längst Karaoke. „Bei uns wird nicht nur gesungen, sondern auch getanzt. Und jeder hat die Möglichkeit, ans Mikrofon zu treten, sei es mit einem heiteren Lied oder einer anspruchsvollen Ballade“, erklärt Jlyas Yildirim. Der Karaoke-Abend werde bereits seit vielen Jahren veranstaltet und habe sich zu einer festen Größe entwickelt. Die Resonanz sei durchweg positiv: „In der Regel nehmen zwischen 50 und 60 Gäste teil, es kommt immer gut an.“

Bei Bernhard Zipfel schon lange etabliert

Karaoke begleitet Bernhard Zipfel schon lange. Bereits in seiner ersten Bar, in der „Limba“, ließ er Gäste ans Mikrofon treten. „Das war der Anfang und es hat sich bis heute gehalten“, erinnert er sich. Seit 2019 hat sich Karaoke auch im Kulturbahnhof etabliert – damals mit der Liveband Surprize. „Die Band hat alles geschlagen. Über 350 Songs live, das war fantastisch“, schwärmt Zipfel. Doch aus gesundheitlichen Gründen der Musiker musste die Veranstaltung später auf Technik umgestellt werden. Geblieben ist das Konzept, zweimal im Jahr an Feiertagen wie Fastnachtssonntag und Silvester die Kneipe in eine Konzertbühne zu verwandeln.

„Karaoke macht Spaß und bei uns ist das ein Mega-Event“, betont Zipfel. „Mit Mischpult und allem drum und dran, wie ein großes Konzert.“ Die Resonanz ist riesig. „Den Leuten macht’s Spaß, und es ist immer voll“, erzählt der Wirt. Besonders an Fastnacht zieht das Karaoke-Spektakel ganze Musikvereine im Häs aus der Region an. „Für die ist das ein Muss.“

Schüchternheit wird überwunden

Zunächst seien viele Gäste noch schüchtern, bis der Funke überspringt. „Wenn das Eis gebrochen ist, läuft es von selbst. Und wenn es sein muss, gehe ich eben selbst als Rampensau voran“, sagt Zipfel und lacht. Danach sei es jedes Mal „eine runde Sache“. Die Songauswahl ist breit, die Begeisterung groß. Und wer Glück – oder noch besser Talent – hat, nimmt am Ende sogar den Wanderpokal mit nach Hause, der regelmäßig ausgespielt wird.

Karaoke

Die Herkunft
Karaoke hat seine Wurzeln in Japan. Das Wort bedeutet „leeres Orchester“ (kara bedeutet leer, okesutora heißt Orchester). Als Erfinder gilt der Musiker Daisuke Inoue, der 1971 in Kōbe ein Gerät entwickelt hat, das vorab eingespielte Instrumentalversionen abspielen kann, während Gäste dazu singen. Inoue vermietete seine Maschinen an Bars – ein Geschäftsmodell, das Karaoke schnell populär machte. Obwohl er kein Patent anmeldete, gilt er bis heute als Pionier. 2004 wurde er mit dem Ig-Nobelpreis ausgezeichnet, da Karaoke einen neuen Weg geschaffen habe, wie Menschen lernen, einander zu tolerieren. Von Japan aus trat Karaoke in den 1980er-Jahren seinen Siegeszug nach ganz Asien an und wurde ab den 1990er-Jahren auch in den USA und Europa zum Kultphänomen.