Die Überraschung war groß: Der erstmals nominierte VfB-Kapitän Atakan Karazor stand am Freitagabend nicht im Kader der türkischen Nationalelf – aufgrund des Verfahrens gegen ihn? Wir haben die neuesten Informationen.
Die Vorfreude war riesig. So ein Länderspieldebüt, das ist etwas Großes, etwas Einmaliges in jeder Fußballerkarriere. Bei Atakan Karazor, dem Kapitän des VfB Stuttgart, waren die Dinge genauso gelagert. Erst vor wenigen Tagen hatte sich der Deutsch-Türke dafür entschieden, für die Türkei aufzulaufen, der Nationaltrainer Vincenzo Montella nominierte den defensiven Mittelfeldmann umgehend für die aktuell laufende Länderspielperiode.
Und dann: Stand Karazor im Nations-League-Spiel gegen Montenegro (1:0) am Freitagabend nicht einmal im türkischen Kader.
Wie türkische Medien hinterher berichteten, seien die „Belästigungsvorwürfe“ gegen Karazor der Grund für die Ausbootung. Eine Spanierin hatte den VfB-Profi im Urlaub auf Ibiza angezeigt und bezichtigte ihn der Vergewaltigung in der Nacht vom 8. auf den 9. Juni 2022. Bislang ist weder Anklage erhoben noch das Verfahren eingestellt worden.
Offenbar hat es in der Türkei zuletzt Zweifel an der Personalie Karazor gegeben – trotz der erstmaligen Nominierung. „Ich verstehe die Sensibilität in den sozialen Medien in den letzten Tagen. Fälle von Gewalt gegen Frauen und Kinder erschüttern uns alle“, hatte der stellvertretende Präsident des türkischen Fußballverbandes, Ceyhun Kazanci, angesichts der jüngsten Vorkommnisse in der Türkei schon vor der Länderspielpause gesagt.
Kazanci ergänzte aber auch, mit Blick auf Karazor: „Jeder Einzelne ist unschuldig, bis seine Schuld bewiesen ist. Er glaube, so der Verbands-Vize weiter, „an Karazors Unschuld“ – und daran, dass der VfB-Kapitän in Zukunft „einen großen Beitrag“ für die türkische Nationalmannschaft leisten werde. Weitere Informationen könne der Verband nicht geben, „weil der Fall noch nicht abgeschlossen ist“.
Karazor selbst hatte im Interview mit unserer Redaktion vor der vergangenen Saison gesagt, er wolle sich nicht zu den Vorwürfen äußern, „solange das Verfahren nicht abgeschlossen ist. Meine Anwälte sind mit dem Fall betraut, sodass ich mich auf meinen Beruf, den Fußball, konzentrieren kann.“
Das hätte er am liebsten auch am Freitagabend im Länderspiel gegen Montenegro getan. Was also ist da genau los im aktuellen Fall des VfB-Kapitäns und der türkischen Nationalelf?
Fakt ist: Es gibt bis heute keine offizielle Erklärung des türkischen Verbandes, dass Karazor aufgrund des Verfahrens nicht im Kader stand. Die Aussage des Vize-Präsidenten Kazanci, dass ihn die Fälle von Gewalt gegen Frauen erschüttern, fielen unabhängig von der ursprünglichen Karazor-Nominierung. Eine offizielle Begründung für die Kader-Ausbootung für die Partie gegen Montenegro am Freitagabend gibt es nicht. Montella habe die Entscheidung zur Nicht-Nominierung Karazors aus „technischer Sicht“ getroffen, berichtete die Zeitung „Malatya Söz“ bereits am Freitag – was auch immer das bedeuten mag.
Diplomatische Zwickmühle?
Nun liegt der Gedanke nicht allzu fern, dass sich der türkische Verband angesichts der jüngsten Vorfälle im Land mit besagter Gewalt gegen Frauen und Kinder bei Karazor in der politischen und diplomatischen Zwickmühle befunden haben könnte – und vor der Frage stand: Können wir einem Nationalspieler mit dem bekannten Verfahren in diesen Tagen zum Länderspieldebüt kommen lassen, obendrein noch bei einem Heimspiel?
Womöglich wird es auf diese und andere Fragen bald Antworten geben. Die erste, drängendste wird die Fußballwelt dabei bereits an diesem Montag bekommen. Am Abend tritt die Türkei in der Nations League auf Island an (20.45 Uhr) – spätestens eine Stunde vorher müssen die Verbände die offiziellen Aufstellungen und Kaderlisten bekanntgeben. Und dann wird zu sehen sein, ob Karazor dieses Mal dabei ist oder wieder nicht.
Falls der Mittelfeldmann wieder ausgebootet werden würde, würden sich nicht nur die Verantwortlichen des VfB Stuttgart höchstwahrscheinlich die Frage stellen, warum Karazor dann überhaupt nominiert wurde für die beiden Länderspiele. Und warum er dann, im nachgelagerten Falle, nicht schon nach dem ersten nach Stuttgart zurückreisen durfte.
Allerdings: Es gibt Anzeichen und Informationen von Branchenkennern des türkischen Fußballs, dass Karazor dieses Mal auf Island im Kader steht und zu seinem Debüt für die Türkei kommen könnte.
Sind es doch sportliche Gründe?
Für diesen Fall gäbe es dann wiederum zwei mögliche Erklärungsstränge für die Kader-Ausbootung im ersten Spiel am Freitagabend. Variante eins: Die Nicht-Berücksichtigung könnte rein sportliche Gründe gehabt haben, verbunden mit der sinngemäßen Ansage an Karazor: „Pass‘ auf, jetzt bist du noch nicht im Kader, aber auf Island, da darfst du dann ran.“ Das wiederum könnte damit zusammenhängen, dass Trainer Montella insgesamt mehr Spieler nominiert hat, als bei den Partien jeweils im Kader stehen dürfen.
Oder, zweite Variante, die sich auf der diplomatischen Ebene abspielen würde: Karazors Nicht-Berücksichtigung am Freitagabend hing tatsächlich mit dem laufenden Verfahren zusammen. Der türkische Verband hätte damit in der sensiblen Gemengelage im Land ein Zeichen nach außen gesetzt – stützt aber seinen Spieler und die Unschuldsvermutung, indem er dann eben auf Island spielen darf und der Fall fürs Erste damit abgehakt ist.
Erste Erkenntnisse wird es spätestens am Montagabend geben. Dann, wenn der türkische Aufstellungsbogen eine Stunde vor dem Anpfiff vorliegt.