Der Tennenbronner Christian Günter ist seit Jahren Kapitän und Leistungsträger beim SC Freiburg. Im großen Interview hat er mit unserer Redaktion über den FV Tennenbronn, Christian Streich, seine Verletzung, das Thema Handspiel und die Saison mit dem SCF gesprochen.
Geboren ist er in Villingen-Schwenningen, aufgewachsen in Tennenbronn und zum Profi-Fußballer gereift beim SC Freiburg: Die Rede ist von SCF-Kapitän Christian Günter. Der achtfache Nationalspieler, der bereits 319 Bundesligaspiele absolviert hat und 31 Jahre alt ist, hat sich vor einer Trainingseinheit Zeit für ein Gespräch mit unserer Redaktion genommen und zu vielen verschiedenen Themen Stellung bezogen.
Hallo Herr Günter, wie lange haben Sie sich noch über die Niederlage beim FC Bayern geärgert und wie schnell war der Fokus dann wieder auf dem Spiel am Wochenende gegen Bochum?
An dem Abend und vielleicht noch am nächsten Tag hat es mich beschäftigt. Ich bin aber schon eine Weile im Geschäft und weiß, dass der Blick schnell nach vorne geht. Ich trauere auch nicht nach, auch wenn es bitter gelaufen ist, weil es schon eine fragwürdige Schiedsrichter-Entscheidung war. Das können wir aber nicht mehr ändern, und es lag auch nicht nur an dieser Situation, dass wir verloren haben. Wir haben ein gutes Spiel gemacht, aber es verändert natürlich eine Partie, wenn du in München hinten liegst.
Es ist für die Spieler und auch Fans ein leidiges Thema: Wie sehr nervt Sie das Thema Handspiel?
Wenn man selber betroffen ist, nervt es einen umso mehr. Nach der Schiedsrichter-Schulung vor der Saison hatte ich schon das Gefühl, dass es etwas klarer wird. Das Problem sind einzelne Entscheidungen, wo der VAR den Schiedsrichter unnötig raus winkt. Ich finde eine Entscheidung des Schiedsrichters auf dem Feld muss dann auch mal gelten und nicht nach der achten Kameraperspektive revidiert werden. Ich hoffe jedenfalls, dass das besser wird.
Saisonstart geglückt
Aufgrund der neuen Kapitänsregel dürfen nur noch Sie mit dem Schiedsrichter diskutieren. Wie nehmen Sie diese Änderung wahr?
Da geht es glaube ich mehr darum, die Schiedsrichter zu schützen, dass es nicht mehr so impulsiv wird. Uns wurden Szenen gezeigt, wo zehn Spieler beim Schiedsrichter sind und ihn belagern. Von dem her glaube ich schon, dass es eine gute Sache ist und hoffe aber trotzdem, dass auch andere Spieler außer der Kapitän normal mit den Schiedsrichtern reden können.
Kommen wir zum sportlichen: Weiterkommen im Pokal beim VfL Osnabrück, Sieg gegen den VfB Stuttgart und nun die Niederlage in München. Man könnte die Annahme treffen, dass sie zufrieden sind?
Absolut. Zu Saisonbeginn ist es sowieso immer ein wenig ungewiss, und dann gab es ja bei uns noch den Wechsel auf der Trainer-Position. Wir hätten das vorher vermutlich so unterschrieben. Der VfB ist eine Top-Mannschaft – so ein Team zu schlagen ist uns letzte Saison nicht gelungen. Dann geht es ja auch immer um die Art und Weise, wie man in München auftritt. Diese war absolut in Ordnung. Dass Thomas Müller halt auch mal ein Weltklasse-Tor macht, ist dann so. Wir wissen aber auch, dass die Aufgaben, die nun folgen, nicht minder schwierig sind.
Sie haben mit Julian Schuster noch zusammengespielt, wie ist nun das Gefühl unter ihm zu trainieren und eine andere Ansprache als die von Christian Streich zu hören?
Christian Streich hat mich natürlich komplett geprägt, und ich habe auch nichts anderes gekannt. Von dem her ist das schon eine eine Veränderung, die viele neue Dinge mit sich bringt. Das macht es aber auch interessanter. Christian Streich hat es auch über Jahre hervorragend hinbekommen und hat immer wieder Dinge verändert. Nur deswegen hat es auch so lange funktioniert. Julian kommt aus einer anderen Trainer-Generation und macht es auf eine tolle Art sehr gut. Auch auf der taktischen Seite gibt es kleinere Veränderungen – die Freiburger Identität bleibt aber bestehen. Da findet er eine sehr gute Mischung.
Glauben Sie, dass es in dieem Zusammenhang besser ist, dass keine internationalen Partien anstehen und dadurch mehr Trainingszeit bleibt?
Das hat immer Vor- und Nachteile. Sonst hatten wir eben viele zusätzliche Spiele, wo man auch Dinge umsetzen kann. Aber ja, man kann sich die Dinge immer auch schön reden (lacht). Viel trainieren zu können und auch unter der Woche schon mal den Matchplan an anzugehen, ist sicher nicht schlecht. Trotzdem wollen wir immer den maximalen Erfolg, und hätten daher gerne international gespielt.
Trainer ist eine Option
Könnten Sie sich denn vorstellen, einen ähnlichen Weg wie Julian Schuster einzuschlagen und auch Trainer zu werden?
Ich kann mir viel vorstellen. Auf jeden Fall würde ich gerne im Fußball bleiben, es ist einfach mein Leben und macht extrem viel Spaß. Es gibt mehrere Positionen, die interessant für mich sein könnten. Da werde ich mir in den nächsten Jahren in Ruhe meine Gedanken machen.
Ein Wort zu Christian Streich: Sie haben 426 Mal unter ihm gespielt, wie wichtig war er für Ihre Entwicklung, und würde es den Bundesligaspieler Christian Günter ohne ihn geben?
Da könnte es schon kleine Zweifel dran geben (lacht). Er war jemand mit einem wahnsinnig wachsamen Auge und hat nicht nur auf Fußball, sondern auch auf andere Attribute, die bei den Profis wichtig sind, geschaut. Da habe auch ich enorm profitiert. Zudem hatte ich damals auch Glück, dass die Backup-Position für hinten links frei war. Man braucht als junger Mensch jemanden, der einen fordert. Ich bin ihm extrem dankbar. Er hat mir auch immer gesagt, dass ich weiter hart arbeiten muss, und das habe ich auch getan.
Sie waren lange ein Dauerbrenner und haben weder verletzt noch gesperrt gefehlt. Nach dem Unterarmbruch gab es aber Komplikationen, und sie fielen lange aus. Wie schwierig war diese Zeit?
Tatsächlich sehr schwer. Es gab viele Ungewissheiten, die ich so vorher noch nicht hatte und kannte. Man wächst auch an solchen Aufgaben und erdet sich wieder. Man genießt und schätzt es wieder viel mehr gesund zu sein. Ich ziehe auch wirklich den Hut vor Jungs, die in ihrer Karriere schon drei, vier, fünf Rehas gemacht machen. Das geht an die Substanz. Ich bin froh, dass es gut gegangen ist. Ich habe noch leichte Einschränkungen, aber den Fußball betrifft das nicht.
Wie wichtig sind Familie und Freunde in so einer Phase?
Ohne sie weiß ich nicht, ob ich das gepackt hätte. Meine Frau war mein größter Anker. Hochschwanger hat sie mir Infusionen angelegt und war immer für mich da. Mein Berater und mein bester Freund sind mir extrem zur Seite gestanden. Auch vom Verein, hier ist nochmals Christian Streich zu nennen, habe ich viel Rückendeckung gespürt. Das hat mir erneut zeigt, dass ich am richtigen Ort bin.
Zurück zu den schönen Themen: Sie sind seit diesem Jahr zweifacher Papa; leidet der Schlaf denn etwas im Moment?
Es ist auf jeden Fall nicht leichter mit Sport und Familie, wenn man nun zwei Kids hat. Wenn man vom Training heimkommt, ist schon immer Halligalli, aber es macht extrem viel Spaß, und ich würde da nichts missen wollen.
Tennenbronn als Sehnsuchtsort
Sie haben Tennenbronn als ihren Sehnsuchtsort bezeichnet: Die Menschen im Ort freuen sich sicherlich sowas zu hören. Wie groß ist die Bedeutung Ihrer Heimat?
Extrem! Ich schaffe es leider nicht mehr so oft, heim zu kommen, weil in den letzten Jahren mit der Nationalmannschaft und den internationalen Spielen viel los war. Ich werde das versuchen, wieder zu ändern und freue mich immer, meine Familie und Freunde dort zu sehen. Gerne bin ich auch immer wieder „Am Schächle“ (Anm. d. Redaktion: Heimat des FV Tennenbronn).
Der Verein feiert in diesem Jahr seinen 110. Geburtstag; am Samstag ist die Traditionsmannschaft des SC Freiburg zu Gast. Sie können an dieser Stelle auch gratulieren.
Dem FV muss ich sehr dankbar sein. Hier bin ich meine ersten fußballerischen Schritte gegangen, und ich war bis zur C-Jugend dort. Der Verein liegt mir sehr am Herzen, und ich kann ihn nur zum Jubiläum beglückwünschen. 2014 waren die Profis da zum Hundertjährigen, nun die Traditionsmannschaft. Ich hoffe, dass viele Zuschauer kommen und sich das Spiel anschauen.