DFB-Kapitän Joshua Kimmich, der in der Jugend des VfB Stuttgart groß wurde, hat einen Reifeprozess durchlebt – was auch mit seinen vier Kindern zu tun hat.
Eines hat sich nicht geändert. Joshua Kimmich will spielen. Immer. Ehrgeizig, zäh, stets in der Lage, alle drei oder vier Tage den Fokus neu auszurichten und an die 100 Prozent zu kommen, das charakterisierte den neuen Kapitän der DFB-Elf schon immer. Wo andere eine Pause brauchen, läuft Kimmich heiß – auch beim letzten Gruppenspiel in der Nations League an diesem Dienstag in Budapest gegen Ungarn (20.45 Uhr/ZDF), das zumindest war am Montagnachmittag der Plan.
„Körperlich und vom Kopf her ist Joshua immer in der Lage durchzuspielen“, sagt Julian Nagelsmann dazu. Diese Haltung zeigt sich so auch im Trainingsalltag. Da, so der Bundestrainer weiter, sei Kimmich „einer, der schreit, lass uns noch eine dritte oder vierte Halbzeit spielen, wenn die anderen sagen, wir haben genug.“
Kimmich aber hat nie genug – was ihm seiner Vergangenheit oft negativ ausgelegt wurde. Dann, wenn der Überehrgeiz zum Vorschein kam. Wenn Kimmich das, was einen Sportler eigentlich auszeichnet, in der öffentlichen Wahrnehmung plötzlich zum Problem wurde: Wenn er mal wieder nicht verlieren konnte. Wenn er herumschrie und polterte, manchmal auch gegen die Kollegen – und nach einer Niederlage am liebsten auf dem Platz geblieben wäre für eine direkte Revanche. Wenn er auch da nicht genug bekam.
All das schlummert immer noch im 29-Jährigen, dessen Ehrgeiz sich einst in der Jugend des VfB Stuttgart entwickelte. Aber es bricht nicht immer gleich heraus, das ist der Unterschied zu früher. Denn Kimmich hat eine neue Gelassenheit entwickelt, er steht öfter mal über den Dingen. Der Grund, so schön wie simpel: seine vier Kinder.
Der Papa und seine Kinder
„Sie applaudieren mir nicht, wenn ich nach einem gewonnenen Spiel nach Hause komme, und sie sind auch nicht traurig, wenn wir gerade bei der EM im eigenen Land ausgeschieden sind“, sagte der Profi des FC Bayern München kürzlich dazu: „Die Kinder wollen morgens um halb sieben mit mir Fangen spielen, egal, was der Papa auf dem Fußballplatz erlebt hat.“ Fußball, so Kimmich weiter, sei wichtig: „Aber ich definiere mich nicht mehr allein über meinen Beruf.“
Das war lange Zeit anders – etwa nach dem Vorrunden-Aus bei der Wüsten-WM vor zwei Jahren in Katar. Da stand Kimmich im Beduinenstadion von Al-Khor vor der Schar der Reporter und hatte feuchte Augen nach den Sturzbächen von Tränen, die er vorher in der Kabine vergossen hatte. Kimmich berichtete mit stockender Stimme davon, sich innerlich leer zu fühlen und nicht zu wissen, ob er nun in ein emotionales Loch falle.
Eineinhalb Jahre später dann war Kimmich wieder traurig. Wieder flossen Tränen – dieses Mal war der gebürtige Rottweiler aber gefasster und reflektierter. Dabei nagte auch das Viertelfinal-Aus der DFB-Elf gegen Spanien in Stuttgart bei der EM an Kimmich, klar. Er verkraftete es aber leichter. Weil er schon da innerlich gereift war – und die Kinder daheim warteten, die eine Niederlage des Papas auf dem Platz noch nicht interessiert.
Ebenso wenig wie dessen sportpolitische Haltung, die bei Kimmich als neuem Kapitän der DFB-Elf von großem Interesse ist. Auch auf diplomatischer Ebene schadet es ihm dabei nicht, wie nun auch auf dem Platz öfter über den Dingen zu stehen, gelassen und reflektiert zu sein. So wurde der Spielführer dieser Tage nach der nächsten hochumstrittenen WM-Vergabe nach Saudi-Arabien 2034 gefragt. Kimmichs Tenor, klar und ruhig vorgetragen: Der Fußball soll für die Fußballer an erster Stelle stehen. Politiker sollen sich um die Politik kümmern.
Politische Fachleute
Mit der Erfahrung der auch in gesellschaftspolitischen Fragen desolaten WM 2022 in Katar will Kimmich sagen, dass es für die Weltpolitik bessere Fachleute gibt. Aber, so der Kapitän: „Generell sollten wir Spieler für Dinge wie Werte und Menschenrechte einstehen.“ Womöglich wird Kimmich nach seiner Profikarriere Diplomat oder Politiker, auszuschließen ist das nach solchen Aussagen nicht. Auf dem Platz aber hat er erst mal Großes vor. Der Mann, der bisher 96 Länderspiele absolviert hat, will nach mehreren vergeblichen Anläufen endlich seinen ersten großen Titel mit der DFB-Elf gewinnen.
Ob er dann bei der WM 2026 noch als Profi des FC Bayern firmiert, ist offen. Die Entscheidung über seinen im Sommer auslaufenden Vertrag bezeichnet Kimmich wenig überraschend als „sehr, sehr wichtig“. Vor der EM in diesem Jahr durchlebte er seine schwierigste Phase beim Rekordmeister. Denn beim FC Bayern war es nicht klar, wie es für Kimmich weitergeht. Trainer Thomas Tuchel hatte ihm nicht wirklich vertraut – im Gegensatz zu dessen Nachfolger Vincent Kompany, unter dem er nun wieder aufblüht.
In diesen Tagen ließ Kimmich durchblicken, wie sehr ihn in München auch die interne Kritik in den vergangenen Monaten verletzt hat. „Wir wissen auch, wie meine Situation vor acht bis zehn Wochen noch war, da hatte man so das Gefühl: Wann ist der Kimmich endlich weg?!“, sagte er: „Jetzt sehen wir, wie schnell es gehen kann.“ Fakt ist: Eine Vertragsverlängerung beim FC Bayern ist aufgrund der jüngsten Entwicklungen alles andere als ausgeschlossen.
Für den Mann, der inzwischen mehr und mehr über den Dingen steht.