Annalena Baerbock oder Robert Habeck: Am 19. April wollen die Grünen bekannt geben, wer sie als Kanzlerkandidat in den Bundestagswahlkampf führt.
Berlin - Erstmals seit ihrer Gründung vor gut 40 Jahren melden die Grünen Anspruch aufs Kanzleramt an: Am 19. April werden sie bekannt geben, ob Parteichef Robert Habeck oder die Co-Vorsitzende Annalena Baerbock die Kanzlerkandidatur im Bundestagswahlkampf übernimmt.
Noch sei nicht entschieden, wer es werde, hieß es am Mittwoch in Parteikreisen. Derzeit laufe der „Endspurt bei der Klärung“. Dass die Grünen überhaupt das mächtigste Staatsamt in der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt ansteuern, ist allerdings bemerkenswert genug. Schließlich stellen sie aktuell die kleinste Fraktion im Bundestag und haben seit 1980 nur bei einer Bundestagswahl (das war 2009 mit 10,7 Prozent) ein zweistelliges Ergebnis erzielt.
Wenige Prozentpunkte hinter der Union
Jetzt kommen sie in Umfragen auf Werte von mehr als 20 Prozent und landen nur wenige Prozentpunkte hinter der CDU/CSU. Somit wäre es politisch heikel, wenn sie in der K-Frage auswichen. Dann käme sofort der Eindruck auf, dass es ihnen nur darum gehe, Juniorpartner in einer schwarz-grünen Koalition zu werden. „Viele unserer Anhänger nehmen Schwarz-Grün nur ungern hin und wollen uns keinesfalls als Beiboot der Union sehen“, meint ein Insider.
Während also selbst Partei-Übervater Joschka Fischer nie offiziell alleiniger Spitzenkandidat war, küren die Grünen jetzt jemanden, der (oder die) sogar als Kanzlerkandidat (oder –kandidatin) um Stimmen wirbt. Und das birgt Risiken für die Partei.
Grünen-Zuspruch hoch wie nie
Zum einen wird jemand, der Regierungschef werden will, von den Wählern strenger beäugt als die Nummer 1 einer politischen Kraft, die irgendwo zwischen acht und zehn Prozent pendelt. Nach den klassischen Gesetzen der Politik werden Ministerpräsidenten oder Bundesminister Kanzlerkandidaten. Beides waren Baerbock und Habeck aber nie, während sowohl SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz als auch die möglichen Unionsanwärter Armin Laschet und Markus Söder Regierungserfahrung in Führungspositionen mitbringen.
Richtig ist allerdings auch, dass derzeit Union und SPD in den Umfragen schwächeln, während die Grünen nie gekannten Zuspruch erfahren.
Riskant ist zum anderen, dass das Duo Baerbock/Habeck in dem Moment Geschichte sein wird, in dem einer von ihnen Grünen-Kanzlerkandidat ist. Beide demonstrieren nach außen traute Harmonie, seitdem sie im Dezember 2017 die Parteispitze übernahmen. Doch brennen beide eben auch vor Ehrgeiz: Beide wollen den Top-Job. Und wer ihn nicht bekommt, rückt automatisch in der internen Hierarchie und in den Augen der Öffentlichkeit einen Platz zurück.
Schon 2017 Überraschungskandidatin
Auf ihre Chance hat Baerbock beharrlich hingearbeitet. Die 40 Jahre alte Abgeordnete verfügt über enormen Rückhalt in der Partei und kennt sich glänzend in Sachfragen aus – sei es der Klimaschutz oder die Außenpolitik. „Sie hasst es, Fehler zu machen“, sagt einer, der sie gut kennt. Neben dem Hang zum Perfektionismus hat sie auch Machtwillen.
Als sie im Dezember 2017 völlig überraschend für den Parteivorsitz kandidierte, hätte niemand erwartet, dass sie in der K-Frage gegen Habeck bestehen könnte – gegen den Talkshowkönig, Publikumsliebling und Bestsellerautor, der mit seiner Rhetorik das liberale Bürgertum verzückt. Doch hat der 51 Jahre alte Habeck den Rollenwechsel vom „public intellectual“ zum Dicke-Bretter-Bohren-Politikernicht recht geschafft. Welches Ministerium ihm auf den Leib geschneidert sei, können selbst seine Bewunderer in der Partei nicht sagen.
Machtbewusste Frau
Wer also wird’s am 19. April? Niemand von Gewicht in der Partei will dazu öffentlich etwas sagen. Habeck selbst hat neulich bei „Anne Will“ eine holprige Prognose gegeben. Wenn „Baerbock als Frau sagen würde, ich mache es, weil ich eine Frau bin – und die Frauen haben das erste Zugriffsrecht – dann hat sie es, natürlich.“ Das klang so, als könne Baerbock Kanzlerkandidatin werden, weil sie halt eine Frau sei und eine feministische Partei schlecht einen Mann einer Frau vorziehen könne.
Wenn Baerbock es wird, dann allerdings, weil sie Baerbock ist, sprich: weil sie sich machtbewusst und nervenstark den Top-Job erkämpft hat. Wie sagte sie 2017, als sie für den Parteivorsitz antrat? Sie wolle nicht nur die „Frau an Roberts Seite“ sein. Vielleicht kommt am 19. April eines hinzu: Wird sie die erste Kanzlerkandidatin der Grünen, ist sie auch die Frau, die Robert Habeck zur Seite gedrängt hat.