Cem Özdemir geht bei seiner Kanzelrede in der Stadtkirche auch auf den US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump und dessen Kompromisslosigkeit ein. Foto: Lutz Rademacher

Cem Özdemir hielt am Palmsonntag die Kanzelrede in der Kirche St. Johann. Der Andrang war so groß, dass zusätzliche Bänke aufgestellt werden mussten. Er spricht über Kompromisse in der Demokratie und erntet minutenlangen Applaus.

Fünf Jahre hat Gisela Rösch vom Kirchenförderverein gebraucht, um den Politiker Cem Özdemir als Redner auf die Kanzel von St. Johann zu bekommen. Inzwischen ist er Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft sowie für Bildung und Forschung. Und die Mühe hat sich gelohnt. Sein Vortrag „Kompromiss als Lebenselixier der Demokratie“ lockte am Sonntag, 13. April, so viele Zuhörer in die Stadtkirche, dass zusätzliche Bänke gestellt werden mussten und Schatzmeister Klaus Saier die Anwesenden dazu aufforderte zusammenzurücken.

 

Schon öfters in Donaueschingen

Donaueschingen ist für den bekannten Politiker von Bündnis 90/Die Grünen nicht unbekannt. Er war schon öfter in der Stadt. Durch Wolfgang Kaiser, ehemaliger Schatzmeister der Grünen. Zuletzt an dessen 70. Geburtstag. Es sei wunderschön in Donaueschingen, so Özdemir. Um 15.30 Uhr war er mit dem Auto angereist, anschließend ging es ins Pfarrhaus zum Kaffee mit Pfarrer Loks, Oberbürgermeister Erik Pauly und Gisela Rösch. Er habe sich gefreut, dann noch etwas Zeit zu haben, um sich umzuschauen – natürlich mit einem Abstecher zur Donauquelle.

Cem Özdemir erweist sich als wahrer Besuchermagnet. Die Kirche St. Johann ist bei seiner Kanzelrede so voll, dass weitere Bänke herbeigeschafft werden müssen und die Gäste eng zusammenrücken müssen, damit Platz für alle ist. Foto: Lutz Rademacher

Ob er schon einmal von einer Kanzel gesprochen hat? Nein, sagt Cem Özdemir, das sei das erste Mal. Aber er habe schon in Kirchen gesprochen, unter anderem in Gönningen bei Reutlingen zum Tulpenfest. Die Kanzel in Donaueschingen sei geschichtsträchtig. „Es sind alles tolle Kanzelredner gewesen, die hier gesprochen haben“, so Özdemir. Die Liste der Redner habe er im Vorfeld studiert. Dabei beschäftigt einer ihn besonders: Im vergangenen Jahr hätte Gerhard Baum reden sollen. Dieser musste wegen Krankheit absagen und ist dann verstorben. Er habe mit Baum in der Theodor-Heuss-Stiftung gearbeitet und ihn sehr geschätzt. Deshalb habe Özdemir beschlossen, seine Rede mit einem Zitat von Gerhard Baum zu schließen, um an diesen „ganz großartigen Liberalen“ zu erinnern, der heute fehle. Zu seiner angekündigten Kandidatur als Ministerpräsident wollte er sich nicht äußern: „Da fließt noch viel Wasser die Donau hinunter.“

Beifall will kaum enden

Die 30. Donaueschinger Kanzelrede wurde von Andreas Rütschlin an der Orgel umrahmt und startete passend mit Variationen über „Einigkeit und Recht und Freiheit“ von Joseph Haydn. Als Cem Özdemir dann die Kanzel betrat, war es still in der Kirche. Erst nach seinem etwa 30-minütigen Vortrag brach Beifall aus, der nicht verebben wollte. Von Anfang an fesselte Özdemir die Zuhörer, zunächst mit seiner eigenen Biografie. Dass er als Sohn türkischer Gastarbeiter in Bad Urach geboren wurde, ist den meisten bekannt. Weniger bekannt ist die Geschichte seiner Eltern und Großeltern, die sich im Spannungsfeld verschiedener Volksstämme und Auslegungen des Glaubens bewegten. Diese Erzählungen prägten den jungen Cem. Er habe früh gelernt, dass nicht immer die eigenen Leute die Guten und die anderen die Bösen sind. Er habe eine tiefe Skepsis gegenüber jedem Ort von Nationalismus, religiösem Eifer und Fanatismus jeder Art. Niemand sei in Besitz der Wahrheit. Und er habe gelernt, Kompromisse zu schließen. Er stehe jetzt als Politiker auf der Kanzel.

Kompromiss als Lebenselixier der Demokratie

Vielleicht habe Gott etwas dagegen. Oder macht er Kompromisse? Auf jeden Fall verteile er den Irrsinn und die Unvernunft halbwegs gleichgültig unter all seinen Schäfchen auf dieser Erde. Denn überall finden sich Menschen, die anderen Menschen Leid antun, nach ihrem Land und Besitz trachten und sie verfolgen, wenn sie anders denken. Wunden könne man aber auch zufügen durch Worte, Überheblichkeit, Besserwisserei, kurz durch Kompromisslosigkeit. Das dürfe man nicht zulassen. Damit kam Özdemir zum Kernthema „Der Kompromiss als Lebenselixier der Demokratie“. Jeder müsse bereit sein, über den Standpunkt des anderen nachzudenken. Beispielsweise in den derzeitigen Koalitionsverhandlungen. Da gebe es einen Friedrich Merz, dem die einen vorwerfen, er habe sich der SPD unterworfen und den die anderen auffordern, noch mehr auszugeben, um das Land voranzubringen. Er verteidigte die Entscheidung der Grünen, der Verfassungsänderung zur Lockerung der Schuldenbremse zuzustimmen. All das seien Kompromisse.

Politischer Mitbewerber ist Konkurrent, kein Feind

Zum Thema politische Mitte sagt er im anschließenden Gespräch: „Wir selber streiten wie die Kesselflicker in der Politik. Da müssen wir uns nicht wundern, wenn die radikalen Ränder immer stärker werden. Der politische Mitbewerber ist ein Konkurrent, aber kein Feind. Deshalb muss man so übereinander sprechen, dass man sich am Tag nach der Wahl nicht erst einmal entschuldigen muss.“ Alle müssten mutig genug sein, nachzugeben, um gemeinsam voranzukommen. Als abschreckendes Beispiel führte er die Entwicklung in den USA an. Es sei ein Ort geworden, in dem sich Hass, Gewalt und Kompromisslosigkeit wie eine ansteckende Krankheit verbreiten.

Gisela Rösch übergibt Cem Özdemir zur Feier des Tages ein eigens kreiertes Geschenk aus Schokolade. Der Minister freut sich. Foto: Lutz Rademacher

Immer mehr Menschen würden das glauben, was sie glauben wollen. Es sei kein Zufall, dass Donald Trump die Medien gängelt und aus dem Weißen Haus ausschließt. Er lasse keinen Standpunkt zu, außer seinen, wobei man manchmal den Eindruck habe, dass er seinen eigenen Standpunkt selbst nicht kennt. Er wolle keinen Kompromiss. Denn ein Kompromiss erkennt an, dass die Gegenseite ein berechtigtes Anliegen hat und wolle eine Lösung zum Wohle aller. Trump hingegen gehe nach dem Motto vor: „Ich habe Macht, die Lösung hat vor allem mein eigenes Wohl als Ziel. Dein Schicksal kümmert mich nicht“. Wenn er damit durchkomme, bedeute dies das Ende der amerikanischen Demokratie.

Erwin Teufel ist der Erste

Die Donaueschinger Kanzelreden
gründen in einer alten Tradition. Es handelt sich um eine Predigt von einem erhöhten Platz, meist im vorderen Drittel der Kirche. Dabei soll der Redner inmitten der Zuhörer stehen, sie ansprechen und zum Nachdenken anregen. Die Donaueschinger Kanzel stammt aus dem Jahr 1736. Von hier aus hielt Pfarrer Heinrich Feurstein seine Neujahrspredigt 1941/42 gegen die Tötung von geisteskranken Mitbürgern durch die Nationalsozialisten, die ihm schließlich zum Verhängnis wurde. Die heutigen Kanzelreden wurden 2003 vom damaligen Stadtpfarrer Hans-Peter Fischer ins Leben gerufen. Prominente Redner und Rednerinnen sprechen zum sogenannten Vergelt‘s-Gott-Tarif und leisten einen Beitrag zur Renovierung und Erhaltung der Stadtkirche. Erster Redner dieser inzwischen zur Tradition gewordenen Reihe war 2003 der damalige baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel.