Saeid Fazloula ist Botschafter für Integration durch Sport. Rechts: Moderatorin Anna Wunderlich Barrera Foto: Marzell Steinmetz

Vom gefeierten Kanuten zum Flüchtling – Saeid Fazloula erzählt in Rottenburg, wie er in Deutschland eine neue Heimat fand.

Sportliche Erfolge, Niederlagen, private Schicksalsschläge – Saeid Fazloula hat das alles erlebt. Er hat sich immer wieder hochgekämpft und erreicht, was er wollte. Der Sport habe ihm geholfen. „Deutschland hat mich gerettet“, erzählte er in der Rottenburger Volkshochschule. Ein Dokumentarfilm über sein Leben wurde gezeigt.

 

Anna Wunderlich Barrera und Madeline Brings vom Bundesprogramm Integration durch Sport moderierten. Weitere Gäste waren Gerhard Aichele und Khadime Seye vom TV Derendingen.

Nach der Weltmeisterschaft folgt die brutale Verhaftung

Fazloula ging es gut im Iran. Er war erfolgreicher Kanute, wurde 2014 bei den Asien-Games Vizemeister. Er war berühmt, hatte Geld, ein Auto und ein Haus, glaubte, durch den Sport reich zu werden. Doch „manchmal liegt nur ein einziger Moment zwischen Erfolg und Scheitern“.

Nach der WM 2015 in Italien wurde er im Iran brutal verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, zum Christentum konvertiert zu sein – weil er in Italien den Mailänder Dom besucht hatte. Er sei Moslem, dennoch drohte ihm die Todesstrafe. So floh er. In Frauenkleidern reiste er zur türkischen Grenze, dann mit dem überfülltem Schlauchboot übers Meer, weiter über Athen und den Balkan nach Deutschland.

Rückkehr zum Sport

In Karlsruhe begann er wieder mit dem Kajaksport. Die „Rheinbrüder“ wurden sein neuer Verein und seine Heimat. Über einen Journalisten kam der Kontakt zu Detlef Hofmann zustande. Fazloula sagte zu ihm: „Ich will nur paddeln.“ Hofmann half ihm. Heute sagt er: „Ich weiß, was der Verein für mich getan hat.“ Geld konnte er im Sport nicht verdienen. Er lernte Deutsch, machte eine Fitnesstrainer-Ausbildung und fand Arbeit. Sportlich schaffte er es in die deutsche Nationalmannschaft. 2021 nahm er im Refugee-Team in Tokio an Olympia teil. Dann kam die Trennung von seiner Freundin, er bekam Depressionen, trank. Doch er wollte sich nicht kaputt machen. Er lernte seine jetzige Frau kennen. Sein Sohn kam übmit zu Olympia 2024 in Paris. Danach beendete er seine Karriere. Heute ist er Jugendtrainer beim Karlsruher Sportclub.

„Deutschland gibt jedem eine Chance“, so Fazloula. Er nutzte sie – mit Willen und Kampf. Ein Flüchtling, sagt er, könne auch etwas zurückgeben. Diskriminierung spürt er. „Wenn ein Ausländer Fehler macht, machen alle Fehler.“ Politik und Religion führten oft zu Streit, deshalb halte er sich zurück.

Diskussion und weitere Einblicke

Diskriminierung
 In der anschließenden Diskussionsrunde sprach eine Zuhörerin das Thema Diskriminierung an. Die politischen Strömungen gegen Flüchtlinge hat Fazloula wahrgenommen: „Ich weiß, wenn ein Ausländer Fehler macht, dann machen alle Fehler.“ Seine Erfahrung mit Politik und Religion ist, dass am Ende nur Streit dabei herauskomme. „Deshalb halte ich mich hier zurück“, meinte er.

Schiedsrichter
Um sich zu integrieren, muss man nicht unbedingt an olympischen Spielen teilnehmen. Ein Beispiel dafür ist Khadime Seye. Als er nach Tübingen an die Universität gekommen sei, habe er sich zunächst sehr fremd gefühlt. Weil er im Senegal die Schiedsrichter-Lizenz hatte, kam er auf die Idee, in Deutschland Fußballspiele zu leiten. Er fragte beim Turnverein (TV) Derendingen an, ob er für ihn pfeifen dürfe. Beim TV war er gleich willkommen, und über den Verein bekam er auch die Möglichkeit, die D- und C-Trainerlizenz zu absolvieren.

Vereinsarbeit
Wie gelingt beim TV Derendingen Integration?, wollte Moderatorin Madeleine Brings wissen. „Durch Toleranz und Wertschätzung, man hilft“, erklärte Gerhard Aichele, einer von drei Vorständen des Turnvereins in der Tübinger Südstadt mit 1800 Mitgliedern. Integration beginnt für ihn bei der Jugend. Vereinen rät er, mit Behörden und Schulen zusammenzuarbeiten. Wichtig sei, dass Kinder sportliche Angebote bekämen, doch hierbei müssten die Vereine aktiv werden.