Kurt Eisenmann und SPD-Wahlkämpfer Martin Körner (re.) Foto: Jan Reich

Der Spitzenkandidat und Hoffnungsträger der Stuttgarter Genossen, Martin Körner, hat sich im Kiosk Karins Presseecke in der Gablenberger Hauptstraße 1 Sorgen und Nöte der Anwohner angehört. Im Stuttgarter Osten war die SPD einst eine Macht.

Der Spitzenkandidat und Hoffnungsträger der Stuttgarter Genossen, Martin Körner, hat sich im Kiosk Karins Presseecke in der Gablenberger Hauptstraße 1 Sorgen und Nöte der Anwohner angehört. Im Stuttgarter Osten war die SPD einst eine Macht.

Stuttgart - Irgendwie ungewohnt schaut er aus, der Spitzenkandidat und Hoffnungsträger der Stuttgarter Genossen. In Karins Presseecke in der Gablenberger Hauptstraße 1 hat Martin Körner die dunkel geränderte Brille aufgezogen. Von den Plakaten lächelt der ehrenamtliche Bezirksvorsteher dagegen hoffnungsfroh ohne Sehhilfe.

Weil er sich die Welt nicht nur mit dem rechten Auge beschauen will, holte Körner für die verlorene Kontaktlinse das Nasenfahrrad aus dem Etui. „Sie sehen besser aus als auf dem Plakat“, lobt ihn eine Frau, während sie ihre Zeitschriften in die Tasche ihres Gehwägelchens packt. „Das nehme ich als Kompliment“, bedankt sich Körner, und reicht seine unbebrillte Variante in Form einer Wahlpostkarte. „Das ist auch eines!“, gibt die Kundin zurück und schiebt auf dem schmalen Gehweg davon.

Körner ist in Gablenberg gut vernetzt und als Wahlkämpfer in mehreren Urnengängen gestählt. „38,6 Prozent beim Bundestagswahlkampf 2005, 800 Stimmen bis zum CDU-Kandidaten“, sagt Körner, „das Ergebnis habe ich noch drauf“. Damals wie heute gilt der nun 43-Jährige den Genossen als Hoffnungsträger. Der Bundespolitik hat er aber abgeschworen. Direkt vor der Haustür könne man sichtbar mehr bewegen.

Maximal drei Stimmen kann ein Kandidat von jedem Wähler erhalten. Die wollen hart erarbeitet sein. In Karins Presseecke, von Karin John-Schünemann und Rainer Schünemann seit rund zehn Jahren mit Herzblut und viel Einsatz (offen ist ab 5.30 Uhr!) betrieben, versucht Körner zu überzeugen. Das gelingt beim ureigensten SPD-Thema Wohnen nicht immer. „Man müsste bei diesem unglaublichen Mieterschutz einhaken, die kriegt man ja kaum mehr raus!“, fordert ein Kunde mehr Rechte für Vermieter. „Wir haben ein wunderbares Verhältnis zu unserem Vermieter, das gilt sicher für 98 Prozent, aber ich kenne ihre Angst“, zeigt sich der Kandidat Körner einfühlsam. Dass die Genossen in Stuttgart die Keule auspacken und Leerstand mit Geldbußen bestrafen wollen, lässt er unter den Tisch fallen. „Man wird nicht alles mit Gesetzen beheben können“, sag er.

Bei der nächsten Kundin kann sich Körner eher auf der gleichen Wellenlänge sehen. Die Frau ist Postbotin im Westen, wohnt aber im Osten. Der Lohn für die Lauferei sei noch in Ordnung, sagt sie auf Körners Fragen. „Aber wir brauchen eine neue Wohnung, wir müssen bis Oktober raus“, der Vermieter habe Eigenbedarf angemeldet.

„Wohnen ist ein großes Thema“, nickt ein ältere Mann mit Krücke, „ich habe jetzt 63 Quadratmeter für 500 Euro bei der Friedenau“, freut er sich. Die 900 Euro in der alten Bleibe seien nach dem Auszug der Kinder und dem Tod seiner Frau für ihn nicht mehr bezahlbar gewesen. Da bot die Baugenossenschaft, die in Stuttgart 1200 Einheiten vermietet, die Rettung. Mehr bezahlbaren Wohnraum zu schaffen ist ein Generalthema der SPD. Beim ihrem Rückzug im OB-Wahlkampf handelten die Genossen mit dem damaligen Kandidaten Fritz Kuhn (Grüne) Förderzahlen aus.

„Wenn sie drin sind im Rat, sollten sie die Klingenstraße zur Einbahnstraße machen und das Tempo mehr kontrollieren“, rät ein weiterer Kioskgänger. Entscheidungen dauern ihm viel zu lange. „Wie lange warten wir schon auf den Überweg beim Aldi?“ Körner versucht zu erklären, dass man abwägen müsse. Gleich fünf Zebrastreifen würden von der Verwaltung untersucht, er finde die besser als Ampeln.

Kommunalpolitik kann eben manchmal zäh sein. Wahlkampf auch. Körners Postkärtchen will nicht jeder. „Sie hängen doch hier überall rum“, lehnt einer die dezente Werbebotschaft mit Hinweis auf die Plakatierung ab. Mancher, der sich im Kiosk mit Zigaretten und Lesestoff eindeckt, hält wenig von Politik und offenbar nichts von ihren Akteuren. „Den Soli sollte es nur ein paar Jahre geben, den zahle ich heute noch!“ erregt sich ein jüngere Mann. „Ich auch“, versucht Körner eine vorsichtige Annäherung. „Pah!“ antwortet der Kunde im Weggehen.

Klage führt auch ein Stammkunde. In Gablenberg, sagt Kurt Eisenmann , „kann man kaum mehr einkaufen, keine Socke, kein Hemd, ein Bekleidungsladen fehlt“, sagt der 80-Jährige. Körner setzt auf die Städtebauförderung, also Geld von Bund und Land, das seit diesem Jahr fließt. Damit könnte man auch die Einkaufsstraße aufmöbeln. Kioskbesitzer Rainer Schünemann hat Zweifel, ob das gegen die bald übermächtige Konkurrenz helfen kann. „Das Milaneo beschäftigt uns im Handels- und Gewerbeverein, wir sind einfach sehr nach an der Innenstadt“, befürchtet er Umsatzschwund in den Statteilen. Ein Thema für den nächsten Gemeinderat.