Saigon, 1975, die Amerikaner evakuieren Südvietnamesen (links): Die Situation in Afghanistan (rechts) lässt solche Bilder wieder aus dem Gedächtnis steigen. Foto: imago/UPI/Hubert van Es

Die Bilder vom US-Rückzug aus Afghanistan erinnern viele Menschen an den Vietnamkrieg. Aber die Bilder aus Afghanistan waren lange Zeit viel wirkungsloser als die aus Vietnam.

Stuttgart - Wenn man erst einmal den richtigen Begriff hat, dann hat man ein Ziel. Für Joe Bidens Administration hieß der Kompassbegriff in den vergangenen Wochen „End of Mission“, Missionsbeendigung in Afghanistan. Zu diesem täuschend friedlichen Wort wollte man die passenden Bilder liefern: ordentlich eingeholte US-Flaggen, das propere Verladen von Gütern, das geregelte Abheben von Passagierflugzeugen.

 

Man hätte dann Passendes für die Geschichtsbücher und den nächsten Wahlkampf gehabt, hätte ein Märchen illustrieren können: „Als wir erhobenen Hauptes gingen, war in Afghanistan noch etwas zu retten. Sorry, dass die Afghanen das dann nicht hinbekommen haben.“

Wut und Mediengedächtnis

Dass solche Bilder wie erhofft funktioniert und je etwas anderes als zynische Bemerkungen hervorgerufen hätten, darf man bezweifeln. Aber das PR-Projekt Missionsbeendigung ist sowieso gescheitert. Der Wettlauf der Begrifflichkeiten führte über Evakuierung zu Flucht.

Die Welt wird eingeholt von Erinnerungen an das Ende des Vietnamkriegs. Bilder von heute werden von den Bildern von damals überschrieben. Ein Hubschrauber über der US-Botschaft in Kabul, egal, wie gewöhnlich sein Aussehen und Flugverhalten, bekommt von Fantasie, Wut und Mediengedächtnis interpretierende Ausschmückungen angehängt. Jedes betrachtende Auge wird zum Photoshop-Labor, das den Chopper in Schieflage kippt und Menschen hinzufügt, die sich verzweifelt an die Maschine klammern. Diese Ausschmückung hat nichts mit Sensationslust zu tun, sondern mit politischer Erkenntnis. Wie in Vietnam hat der Westen es in Afghanistan nicht geschafft, die Herzen und Gehirne mit den eigenen Werten zu durchdringen. Er verstrickte sich in ein marodes Scheinsystem korrupter Eliten. Am Ende lässt er nun jene im Stich, die unter hohem Risiko beim Projekt Freedom and Democracy geholfen haben.

Die Leiter zur letzten Chance

Kabul im August 2021 wird für viele Beobachter von einem Foto beschrieben, das am 29. April 1975 in Saigon entstand. Die Aufnahme des niederländischen Journalisten Hubert van Es zeigt einen amerikanischen Huey-Helikopter auf einem Aufzughäuschen auf dem Flachdach eines Gebäudes. Auf der Dachebene weiter unten drängen sich Menschen. Die steile Leiter hinauf zum Landeplatz ist dicht besetzt, ein Mann oben streckt dem vordersten Kletterer eine helfende Hand entgegen. Die Geste ist gerade durch den offensichtlichen Widerspruch rührend: Alle Wartenden unten werden nie und nimmer in das Fluggerät passen.

Einladung zum Fehlschluss

Das Foto zeigt zwar nicht die Evakuierung der US-Botschaft in Saigon, wie damals irrtümlich gemeldet wurde, sondern die Pittman Apartments in der Gia-Long-Straße, wo die CIA eines ihrer Quartiere hatte. Aber was Van Es knipste, beschreibt die historische Situation korrekt. Dies war der letzte Flug, der vom Pittman-Dach aus möglich war. Wer es nicht an Bord schaffte, saß fest.

Die Überlagerung der Fotos aus Vietnam und Afghanistan lädt allerdings zu einem großen Fehlschluss ein: als hätten Bilder aus den beiden Kriegszonen schon länger ähnliche Wirkung und Bedeutung gehabt. Das Gegenteil ist richtig. Die Bilder aus Vietnam wühlten die westliche Welt komplett um. Die Bilder – und Romane, Comics, Filme, Serien, Reportagen – zur Lage in Afghanistan wurden grimmig achselzuckend an den Rand geschoben. Das hat damit zu tun, dass in den USA keine allgemeine Wehrpflicht mehr herrscht, dass keine Collegeabgänger der Mittelschicht fürchten mussten, in den Krieg geworfen zu werden. Aber es zeugt auch von einer tieferen Desillusionierung des Westens. Man findet Krieg immer noch furchtbar. Aber man glaubt auch nicht mehr an den Frieden. Man kann auch nicht mehr– anders als viele Linke in Vietnam-Tagen –leicht verblendete Sympathien mit den Programmen und Zielen der Kriegsgegner hegen. Man will verdrängen.

Der Abszess der Lüge

Als Robert Altman 1970 seine schwarze Komödie „M.A.S.H.“ über ein Militärlazarett im Koreakrieg ins Kino brachte, der 1972 eine langlebige TV-Serie folgte, gingen die Figuren in die Populärkultur ein. Jedem war klar, dass Vietnam gemeint war. Man sah die Satire als Skalpell, das den Abszess der Lüge öffnete. 2011 legte etwa die US-Journalistin Kim Barker ihr Buch „The Taliban Shuffle“ vor und ließ mit den Werkzeugen der Ironie, des Sarkasmus und der Unverblümtheit alle Phrasen über afghanische Stabilität auffliegen. Mit Tina Fey wurde das als „Whiskey Tango Foxtrot“ auch verfilmt. Aber es wurde nicht wie „M.A.S.H.“ auf breiter Front als Gegenentwurf zu Beschönigungen und Billigpathos begrüßt, sondern betreten durchgewunken, nach dem Motto „Na ja, ob man darüber auch noch Witze machen sollte?“

Ja, für einen Moment wird man sich jetzt der Wirkung der Bilder aus Afghanistan hingeben, wird vielleicht Empörung aufbringen. Aber das hat dann auch einen Zug von emotionaler Ersatzhandlung, von kurzem Ausgleich für die lange Resignation und Apathie. Dass danach nicht mehr allzu viele Bilder über die reale Lage in Afghanistan in die Welt gelangen – dafür werden die Taliban mit ihrem Programm von Entrechtung, Isolation und Bilderverbot schon sorgen.

Das Vietnam-Debakel

Ursprung
Die USA erben den Vietnamkrieg von Frankreich. Die einstige Kolonialmacht in Indochina hinterlässt 1954 nach blutigen Niederlagen ein geteiltes Land. Der kommunistische Norden hat nun das Ziel, den demokratischen Süden zu erobern.

Rutschpartie
Die USA beginnen ihr Engagement mit Beratern, Truppen folgen. Der Aufwand eskaliert in den 60ern unaufhaltsam, die Frontlinien bleiben unklar. Außer der nordvietnamesischen Armee stehen die USA den Vietcong gegenüber, der Guerilla-Truppe im Süden. Teils laufen die Ausweitungen des  Krieges heimlich, unter Täuschung von Presse und Parlament, ab: eine Rutschpartie ins Illegale.

Ende
Der Streit um den Krieg zerreißt die US-Gesellschaft. Desillusionierte Soldaten erkennen, was die Politik leugnet: das korrupte Regime im Süden ist nicht zu retten. Ab 1970 ziehen die USA schrittweise Truppen ab, 1975 ist die Niederlage des Südens komplett.