Baden-Württemberg versucht mit einer ungewöhnlichen Maßnahme, dem Mangel an Landärzten entgegenzuwirken. Hausärzte, die sich ab August in einer arztfreien ländlichen Gemeinde niederlassen und dort eine Praxis eröffnen, erhalten eine Prämie von 30.000 Euro. Foto: dpa

Gegen Ärztemangel auf dem Land: Grün-Rot lobt Prämie aus, Verband setzt auf Regiopraxen.

Stuttgart - Im Fernsehen sieht alles so leicht aus. Da steigt der gut aussehende Landarzt in sein schickes, stets geputztes Auto, fährt gemütlich von Hausbesuch zu Hausbesuch, winkt unterwegs dem Bauern auf der Weide zu oder erhält von der Bäuerin einen Korb frisch gepflückte Kirschen und verdreht – wenn’s das Drehbuch erlaubt – der Tochter vom Unternehmer mit schmachtendem Blick gleich noch den Kopf. In der Realität sieht der Alltag von Landärzten im Regelfall ganz anders aus. Immer mehr klagen über unregelmäßige Arbeitszeiten, über Wochenenddienste, mangelnde Freizeit und fehlendes Privatleben. Wohin das führt, zeigt eine neue Übersicht des Sozialministeriums. Das Haus von Ministerin Katrin Altpeter (SPD) hat jetzt eine Liste von Kommunen zusammengestellt, in denen die Versorgung mit Ärzten schon schlecht ist oder in den nächsten Jahren schlecht werden dürfte. Wie erwartet sind es dabei vor allem ländliche Regionen wie der Alb-Donau-Kreis, der Kreis Biberach, der Ortenaukreis, der Schwarzwald-Baar-Kreis, der Kreis Tuttlingen und der Ostalbkreis, die auf einen Ärztemangel zusteuern. Oder, wie es das Ministerium umschreibt, die „akute Fördergebiete“ beziehungsweise „bedrohte Fördergebiete“ sind. Im Klartext: Hier muss etwas getan werden, damit es auch künftig noch oder wieder einen Allgemeinmediziner vor Ort gibt.

Altpeter hat deshalb am Montag ein Förderprogramm gestartet. Es sieht vor, dass ein Hausarzt, der sich in einer arztfreien, ländlichen Gemeinde niederlässt, mit bis zu 30.000 Euro Fördergeld rechnen kann. Die Sozialministerin will damit verhindern, dass noch mehr Arztpraxen auf dem Land schließen, weil sich kein Nachfolger findet. Diesen Trend hatte auch die alte schwarz-gelbe Landesregierung bereits gesehen und deshalb Anfang 2011 ein Förderprogramm gegen den Ärzteschwund gestartet. Die damalige Sozialministerin Monika Stolz (CDU) packte sieben Millionen Euro in einen Fördertopf – unter anderem, um mit 1,5 Millionen Euro die ärztliche Versorgung in ­Pflegeheimen zu verbessern.

„Das Ziel ist die Verbesserung der ambulanten Versorgung“

Ein großes Ziel der Initiative war es aber, die ärztliche Versorgung auf dem Land zu sichern. Dabei ging es der damaligen Koalition darum, junge Arztfamilien aufs Land zu locken, die sich dort nicht nur aus beruflicher, sondern auch aus privater Sicht wohlfühlen – und bleiben. Doch der Erfolg dieser Idee hielt sich offenbar in Grenzen. „Es gab kaum Rückmeldungen“, so der Sprecher von Ministerin Altpeter.

Die Probleme aber sind dieselben geblieben. Also entschied sich das Ministerium, die Förderrichtlinien nicht mehr ausschließlich auf die Niederlassung von Arztfamilien zu beschränken, sondern sie für Allgemeinmediziner sowie Kinder- und Jugendärzte zu erweitern – unabhängig davon, ob er oder sie eine Familie mitbringt oder alleine kommt. „Das Ziel ist die Verbesserung der ambulanten Versorgung“, sagt Altpeter. Insgesamt liegen zwei Millionen Euro im Fördertopf, die ersten Mittel können ab August fließen. Die Sozialministerin jedenfalls ist zuversichtlich, dass es durch die Finanzspritze gelingt, „dass sich mehr Ärztinnen und Ärzte als bisher zum Beispiel im Schwarzwald oder auf der Schwäbischen Alb niederlassen“.

Bei der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) als Dachverband registriert man den neuen Vorstoß der grün-roten Koalition mit Wohlwollen. „Es ist prima, dass sich die Landesregierung dieses Themas annimmt“, sagte ein KVBW-Sprecher am Montag unserer Zeitung. Denn es werde „immer schwieriger, Landarztpraxen nachzubesetzen“.

Ein Arzt muss nicht mehr am Ort seiner Praxis leben

Die Vereinigung selbst versucht seit einigen Jahren, gegen den sich abzeichnenden Ärztemangel auf dem Land anzugehen – obwohl Baden-Württemberg mit 7900 Allgemeinmedizinern und 7700 Fachärzten immer noch als gut versorgt gilt. Immer öfter gebe es nun aber Nebenbetriebsstätten, bei denen ein Arzt im Nachbarort eine Art Filiale aufmacht und dort tageweise selbst präsent ist oder einen Arzt als Angestellten verpflichtet. Gleichfalls im Trend liegen auch Regiopraxen oder Arztzentren, bei denen sich mehrere Mediziner mit unterschiedlichen Fachrichtungen zusammentun und ein Ärztehaus gemeinsam betreiben. Das spart Verwaltungskosten und ermöglicht leichter die gegenseitige Vertretung.

Die größte Hoffnung auf Besserung der Mediziner-Lage könnte freilich eine Gesetzesänderung bringen, die seit Anfang 2012 gilt. Seither gibt es keine Residenzpflicht mehr für einen Arzt. Soll heißen: Er muss nicht mehr am Ort seiner Praxis leben. „Wir erhoffen uns, dass das die Attraktivität, sich auf dem Land niederzulassen, weiter verbessern wird“, so der KVBW-Sprecher. Aber ist ein Landarzt noch ein Landarzt, wenn er 20 Kilometer entfernt wohnt? Da fehlt ihm die nötige Bürgernähe und das Ohr an den Sorgen der Patienten, werden die einen beklagen. Da hat er sein ungestörtes Privatleben, werden es die anderen verteidigen.