Alice Cherop ist heute 38 und mit einem „modernen Mann“ verheiratet. Foto: /Christoph Link

Die Kenianerin Alice Cherop ist 2002 als Teenager vor der Beschneidung aus ihrem Elternhaus geflohen. Ein StZ-Bericht damals hatte ein enormes Echo – wie geht es Alice heute?

Das Treffen mit Alice Cherop im schick-glitzernden Einkaufszentrum Rupta in Eldoret auf dem kenianischen Hochland, dort, wo Kenias berühmte Marathonläufer auf den weiten Ebenen zwischen Maisfeldern trainieren – es startet mit Verzögerung. Alice Cherop war noch nie in dieser Mall, sie wartet lieber an der Straße, vereinbart war aber ein Treffen im Foyer, doch ein Wachmann an der Einlasskontrolle stellt per Handy die Verbindung her.

 

Es ist ein Wiedersehen nach 21 Jahren, der damalige Afrikakorrespondent der unserer Zeitung hatte im Februar 2002 unter dem Titel „Im April kommt das Mittelalter zurück“ über die „Beschneidungssaison“ in Kenia berichtet und wie die damals 17-jährige Alice vor der weiblichen Genitalverstümmelung, wie sie in ihrer Ethnie, der Kipsigis, gang und gäbe ist, davongerannt ist. Zweimal hatten die Eltern vergeblich versucht, sie zu beschneiden, beim dritten Versuch – am 5. Dezember 2001 – wurde es ernst. Sie habe daheim eine Ziegenhaut entdeckt, wie sie bei rituellen Beschneidungen verwendet werde, berichtete Alice, und dann habe sie gemerkt, wie ihre Mutter aus dem Dorf mit einer Menge älterer Frauen auf das Haus zukam. Alice nahm sofort Reißaus.

Ein Bewerber hatte fünf Kühe geboten

Auch heute noch empfinde sie große Dankbarkeit für ihre Nachbarin Selina Tinga, die relativ wohlhabend ist und in einem mit Mauern und Stacheldraht bewehrten Steinhaus wohnt, wo Alice zunächst Zuflucht fand. Aber ebenso für die Leserinnen und Leser der Stuttgarter Zeitung, die nach dem ersten Bericht spontan Geld für die Übernahme der Schulgebühren für die plötzlich entwurzelte Alice Cherop spendeten; Dankbarkeit auch für die Richterin Wilbrodah Awino Juma, die seit 2005 die Spenden für die Beschneidungsrebellin ehrenamtlich verwaltete, heute pensioniert ist und sagt: „Alice ist wie eine Tochter für mich.“

Alice Cherop sagt im Rückblick, dass es weniger die Schmerzen, die körperliche Verletzung gewesen sei, die sie fürchtete und ablehnte: „Ich wollte einfach nicht früh verheiratet werden. Ich wollte weiter zur Schule gehen.“ Sowohl in Selina Tinga als auch in deren Tochter Eve, beide unbeschnitten, fand Alice flammende Unterstützerinnen. Die Beschneidungslobby – in erster Linie die vier Brüder von Alice – traute sich nicht, die „Burg“ der Nachbarin Tinga zu stürmen, aber ihre Interessen waren offensichtlich. Ein Mädchen in Kenia zu verheiraten, das bedeutet wegen des Brautgelds vor allem auch eine Einnahmequelle. Ein erster Bewerber hatte für Alice bereits fünf Kühe geboten – damals umgerechnet 750 Euro – eine stattliche Summe, schnelles Geld für die verarmte Kleinbauernfamilie Cherop. Alice Cherop klagte nach der Flucht mithilfe des Zentrums für Menschenrechte und Demokratie mit Erfolg gegen ihre Eltern auf Unterlassung jeden Versuchs, sie zur Beschneidung zu zwingen – eine Ungeheuerlichkeit aus Sicht der Familie.

Alice Cherop: Meine Brüder sind immer noch wütend auf mich

Alice Cherop ist heute 38 und mit einem Lehrer verheiratet, einem „modernen Menschen“, der nichts von Beschneidung wissen will, sie hat zwei Jungen im Alter von elf und 15 Jahren, und mithilfe der Richterin Juma hat sie ein bescheidenes Haus in einem Dorf unweit von Eldoret bauen können. Sie hat die Schule beendet und danach an einer Hochschule Sozialarbeit und Kommunalentwicklung studiert. Mit ihren Eltern hatte sie sich nach einem Jahr der Distanz ausgesöhnt – sicherlich auch wegen der finanziell stabilen Lage durch die Leserspenden. Aber auf dem Happy End liegt noch ein dunkler Schatten, sagt Alice Cherop heute: „Meine Brüder und meine Cousins sind immer noch wütend auf mich. Sie sagen, es sei ein Fehler von mir gewesen, die eigenen Eltern vor Gericht zu bringen. Und sie sagen, ich müsse sie um Vergebung bitten.“ Vergebung wofür?

Mit einem Kinderschutzgesetz hatte Kenia das seit Jahrhunderten in vielen Ethnien verankerte grausame Ritual schon 2001 verboten, 2011 ist das Gesetz erheblich verschärft worden. Es sieht für die weibliche Genitalverstümmelung – das Entfernen von Klitoris oder bei stärkeren Eingriffen auch das Abschneiden von Klitoris, Schamlippen und Häuten der inneren Vagina – lange Haftstrafe bis zu lebenslänglich vor. Laut dem Kinderhilfswerk Unicef ist so eine Beschneidung oft mit einem hohen Infektionsrisiko auf Dauer verbunden, mit chronischen Schmerzen wegen der Narben und Fisteln sowie späteren Problemen bei einer Geburt. Britische Forscher stellten Mitte August eine Studie über die Female Genital Mutilation (FGM) in 15 Ländern in Afrika vor, wonach das Sterberisiko für Mädchen und junge Frauen sich durch die Beschneidung erheblich erhöhe. Auch in Kenia machte die Studie Schlagzeilen.

Es gibt besorgniserregende Tendenzen

Alice Cherop hat fünf Jahre lang als Sozialarbeiterin bei einer Menschenrechtsorganisation gearbeitet, die Mädchen und Frauen über die Gefahren der Beschneidung aufklärt. „Mit meiner Geschichte war ich ein Role Model für die Mädchen“, sagt sie. Gesundheitliche Probleme warfen sie beruflich zurück, derzeit sei sie „Hausfrau und Mutter“, aber sie plant einen Wiedereinstieg in ihren Beruf.

Obwohl die Beschneidungszahlen in Kenia stark zurückgegangen sind – von 21 Prozent im Jahr 2014 auf 14,8 Prozent in 2021 –, gibt es besorgniserregende Tendenzen. Und davon gleich mehrere. Es werde jetzt Druck auf erwachsene Frauen aufgebaut, sich der Beschneidung freiwillig zu unterziehen, etwa direkt nach einer Geburt, sagt Alice Cherop: „Man sagt ihnen, sie seien keine vollwertigen Mütter, sie dürften ihren Jungen eigentlich gar kein Essen darreichen.“ Die deutsche Entwicklungsorganisation Stiftung Weltbevölkerung hat zudem den Trend ausgemacht, die Beschneidung durch Medizinpersonal oder in Dorfkliniken vorzunehmen und nicht mehr von älteren Frauen daheim auf einer Ziegenhaut. Aber das täusche nur Sicherheit und eine falsche Legitimität vor. Unicef hat die „Medizinisierung“ der illegalen FGM schon als eine der größten Bedrohungen auf dem Weg zur Ausrottung der Beschneidung bewertet – und die soll laut UN eigentlich 2030 auf null gesetzt sein.

Auch Corona brachte einen Rückschlag. 22 Monate lang waren die Schulen in Kenia im Lockdown, die Gesundheitszentren hatten alle Hände voll zu tun und kümmerten sich weniger um die Aufklärung von Mädchen. Laut einer Befragung des Fachmagazins „BMC Public Health“ von 2022 in Kenia war in drei besonders betroffenen Regionen – Kajiado, Samburu und Marsabit – eine Mehrheit der Befragten davon überzeugt, dass die Beschneidungsrituale vor Corona zurückgegangen seien, aber während der Pandemie wieder in die Höhe schnellten. Als Hauptgründe genannt wurden die Schließung der Schulen und Internate, die ein Schutzraum sind, aber auch wirtschaftliche Einbußen und der längere Verbleib von Menschen, auch potenzieller Opfer, in den eigenen vier Wänden. Laut Unicef sind von 2022 bis 2030 noch 475 000 Mädchen von der Beschneidung bedroht – bei einer Gesamtbevölkerung von etwa 55 Millionen Menschen.

Auch die Kirchen versuchten zu sensibilisieren, sie böten in der „Beschneidungszeit“ alternative Rituale an, in den Schulen und Gemeinden liefen viele Aufklärungsprogramme, schreibt die pensionierte Richterin Juma per E-Mail. „Unsere Regierung setzt das Gesetz um, und jeder, der die FGM ausübt, wird die strafrechtlichen Konsequenzen spüren.“ Und trotz alledem finde sie noch statt, „denn manche Mädchen glauben, sie machten sich zum Gespött, wenn sie es nicht an sich vollziehen lassen“. Was ihren Schützling Alice angeht, sagt sie: „Mrs Tinga und ich werden immer fest an ihrer Seite stehen – und das wissen alle Männer in ihrer Familie.“

Alice Cherop sagt, dass sie und ihre kleine Familie heute keine Probleme hätten, ihre jüngere Schwester sei ihrem Beispiel übrigens gefolgt und habe die Beschneidung abgelehnt: „Sie ist sogar noch vor mir verheiratet worden.“ Alice hat während des Gesprächs an ihrer Soda nur genippt, sie verabschiedet sich und geht noch einmal auf eine Tour durch die Mall: „Das nächste Mal besuchen Sie uns in unserem Haus.“