Mit seinem aktuellen Soloprogramm „Träumt weiter!“ bestritt Frank Lüdecke den zweiten Kabarettabend in der aktuellen Saison der Markgräfler Gutedelgesellschaft.
Frank Lüdecke hat trotz eines Bandscheibenvorfalls und nach einer elfstündigen Zugfahrt von Berlin nach Neuenburg seine gute Laune nicht verloren. Mit seinem aktuellen Soloprogramm „Träumt weiter!“ bestritt er den zweiten Kabarettabend in der aktuellen Saison der Markgräfler Gutedelgesellschaft.
Wie immer war das Neuenburger Stadthaus voll besetzt.
Der „Handelsvertreter in Sachen Humor“ eröffnet den Abend mit einer „Hymne auf meinen Beruf“, begleitet von wohlklingendem Saitenspiel auf der akustischen Gitarre, den „Highway to Hell“ von AC/DC als Vorlage.
Dann kommt im Breitwandformat eine Kaskade von Stichwörtern und Schlagzeilen, die das ganze Elend umreißt, das die Welt momentan plagt.
In der Innenpolitik ist der Herbst der Reformen einem Winter der Enttäuschungen gewichen, der Kanzler passt immer noch nicht richtig ins Stadtbild, Dobrindt und Klöckner geistern herum, die AfD und das Bündnis, das bald ohne SW auftreten will.
Dann ein Looping nach Amerika, wo sich ein abgedrifteter Hersteller von Elektroautos und ein dementer Ex-Präsident ins Bild drängen, und schon ist man bei dem Russen, der mit seinem Männergetue immer schon suspekt war.
Die deutsche Bürokratie und die Lebensarbeitszeit, der höchste Strompreis der Welt und der Fachkräftemangel – alles Themen zum Aufregen, die Lüdecke da in seinem Rundumschlag antriggert.
Dabei hat er penibel recherchiert, kennt die Zahlen und Statistiken, mit denen er das trübe Bild der Jetztzeit malt. Wo sind wir denn noch Weltspitze? In Dressurreiten, Bobfahren und Chorgesang, so sieht’s aus. Und wie geht das mit den 29 Sondervermögen? „Ich erklär’s rasch“, verspricht er. Die Lösung ist simpel: Schulden.
Nachdem Lüdecke als Berliner sich ein bisschen am Provinzpublikum abgearbeitet hat, kommt er allmählich in die Spur.
Überlegt, was mit den jungen Leuten los ist, die sich nach dem Abitur erholen bis sie 32 sind, berichtet von seinen eigenen Erfahrungen mit der „Verschickung“, die ihn als Kind zu langen Fußmärschen nach Haitabu und zurück verdonnert hat, während heute die Jugend zur Selbstfindung mit dem Flieger nach Lloret de Mar spediert wird.
Das funktionierende Internet von Tansania versus das weniger gut funktionierende Internet hierzulande ist ebenfalls ein Ding, bei dem der „Typ vom Mediamarkt“ viel lernen könnte.
Und die Pisa-Studie, eigens erfunden, um die deutschen Schüler zu demütigen, ein Desaster! Sie können nicht mal auf einer Linie schreiben, das ist die Wurzel allen Übels. ChatGPT ist inzwischen sogar in der Lage, das Abitur zu bestehen. Die Schüler müssen deswegen ihre eigenen Texte mit Fehlern anreichern, damit nicht auffällt, dass die Arbeit von KI verfasst wurde.
Nach der Pause ein lustiges, rockiges Lied von einem Typen, der ein Leben lang überlegt, was er alles Tolles machen will und bisher nur den eigenen Spiegel und ein Stück Wald am Stadtrand als Publikum hat. Dann ketzerische Überlegungen, ob das Wahlrecht nicht doch an gewisse Qualifikationen zu binden wäre. Was aber die Gerontokratie beflügeln würde. Und ob wohl das Parteiensystem am Ende ist?
Egal, welche Antwort Lüdecke auf diese drängenden Probleme einfällt, er konterkariert sie kurz darauf selbst wieder mit galligen Gegenbeispielen. Es ist eben nicht so einfach, die Welt zu retten.
Das nehmen wir gerne mit, vor allem, wenn wir dabei so lustig unterhalten werden und das eine oder andere Bonmot wirklich Grips voraussetzt, um es zu kapieren. Aber da ist die Gutedelgesellschaft ja nicht auf den Kopf gefallen.