Urban Priol sezierte im Burghof die Republik. Zwischen scharfer Analyse und Politiker-Parodien zeigte der Kabarettist, dass bei „Im Fluss“ wenigstens der Humor standhält.
Das Haus war ausverkauft – wie immer, wenn Urban Priol in den Burghof kommt. Der 64-jährige Aschaffenburger ist ein Urgestein des deutschen politischen Kabaretts, Mentor für alle, die gern mit spöttischem Scharfsinn sezieren.
Über seine vielen Bühnenformate hinaus wurde er einem Millionenpublikum durch „Die Anstalt“ im ZDF bekannt – gemeinsam mit seinem kongenialen Gegenpart Georg Schramm stellte Priol als Leiter, Schramm als renitenter Insasse, der Nation in den Nuller- und Zehnerjahren alle vier Wochen die Diagnose, die da meist lautete: schizoide Paranoia.
Priols Jahresrückblick „Tilt!“ ist Kult und heiß ersehnt von vielen Fans. An die zwei Stunden arbeitet sich Priol kurz vor Silvester an den Höhen und Tiefen der verstrichenen zwölf Monate, den Figuren aus Politik und Kultur ab, gelabt nur von seinem alkoholfreien Weizenbier auf dem Pult – und das seit 25 Jahren.
Frankensteins Gesellenstück
Nun also wieder Lörrach. „Im Fluss“ heißt das aktuelle Programm, und es fließt tatsächlich – schnell, sprudelnd, zuweilen reißend.
Drei Stunden inklusive Pause jagt Priol durch politische Untiefen, gesellschaftliche Strudel und ökonomische Schaumkronen. „Fachkräftemangel in der Politik“ identifiziert er als ein Hauptproblem, doch seine Diagnosen treffen tiefer: institutionalisierte Verantwortungslosigkeit, Inkompetenz als System, Dauerempörung als Grundrauschen.
Den amtierenden Kanzler zerlegt er besonders gründlich – er „tappe in jeden Napf“ mit seinem „Populistentourette“, wirke wie ein „beleidigter Firmendirektor aus den Sechzigern“, mit dem einzigen Antrieb „Kanzler sein und Kanzler bleiben“. Carsten Linnemann erscheint bei ihm als Generalsekretär aus dem 3D-Drucker; hinzu kommen Markus Söder, „der Breitbeinige aus Bayern“, und Jens Spahn als „Frankensteins Gesellenstück“.
Sondervermögen „im Kofferraum eines Golfs“
Und wenn Priol Markus Lanz nachäfft – „Wissen Sie, was ein Liter Kefir heute Morgen an der Tankstelle gekostet hat?“ – kichert selbst der nüchternste Zuhörer.
Priol montiert Witz, Analyse und Parodie zu einem eng getakteten Schnellkurs darüber, wie Politik, Medien und Gesellschaft einander im Kreis belügen. Sein Programm mäandert von der Koalitionsrhetorik („Wir möchten, wir beabsichtigen, wir prüfen“) zur Deutschen Bahn und zum „selbstbestimmten Sterben der deutschen Autoindustrie“.
Wen wundere es schon, wenn bei VW nach 90 Prozent Gewinneinbruch plötzlich sechs Milliarden Sondervermögen „im Kofferraum eines Golfs“ auftauchen für Boni und Dividenden.
Zwischendurch blitzt Erkenntnis auf: Deutschland, das Land mit dem „Diplom im Jammern“, redet wieder, streitet, politisiert – oder anders gesagt: beklagt sich in einem fort, ob Iran, Fußball oder Wetter („da hat der Deutsche gleich Puls“). Priol erklärt das nicht, er spielt es: als Gemurmel, Genörgel, Geraune – eine ganze Klangkomposition nationaler Selbstbespiegelung. Migration? Thema für viele sarkastische Volten: In Vancouver, wo Priols Tochter lebt, jammere man über die Hongkong-Chinesen; in Deutschland finde man die falschen Schuldigen gründlicher: „Wenn die Migration weg ist, fahren die Züge wieder pünktlich.“
„Vermutlich bist du selbst der Depp“
Dazwischen kleine Wahrheiten für den Hausgebrauch: „Wenn du nicht weißt, wer der Depp am Tisch ist, bist du vermutlich selbst der Depp.“
In der zweiten Hälfte zieht die Weltpolitik vorbei: Trumps Dauertheater, Merz’ „Unterwürfigkeitsparcours“ gegenüber Washington, der NATO-Gipfel, bei dem sich halb Europa in den Staub warf. Und wie Priol trocken bemerkt: Wenn’s nach Entdeckerrechten geht, hätten die Dänen dank Leif Eriksson mehr Anspruch auf Amerika als umgekehrt. Sein Appell: Die Mittelmächte sollten wieder Selbstbewusstsein entwickeln – und Narzissten durch Auslachen entmachten.
Am Ende fragt sich der Mann, der mit sichtlicher Freude auf der Bühne steht: „Priol, was strampelst du dich eigentlich ab?“ Seine Antwort ist stoisch und heiter zugleich: „Alles fließt. Die Kleinen hängt man, die Großen lässt man laufen und Bayern München wird wieder Meister.“ Das Publikum applaudiert begeistert.