Auf Weihnachten im Kreis der Familie müssen die Insassen der JVA Rottweil verzichten. Worüber sich die Häftlinge dennoch freuen, und wie sie die Feiertage verbringen.
Gemeinsam unter dem Weihnachtsbaum sitzen, Geschenke auspacken, ein Festmahl im Kreis der Liebsten genießen und schöne Stunden miteinander verbringen: Auf diese Erlebnisse müssen die Insassen der JVA Rottweil verzichten. Wie läuft das Weihnachtsfest hinter Gittern ab? Was ist erlaubt, was verboten? Und wie geht man im Gefängnis mit den Themen Einsamkeit und Trauer um? Wir haben nachgefragt.
Für die 21 Männer, die derzeit am Standort Rottweil inhaftiert sind, ist es nicht die letzte Station. Sie sitzen hier – aus Gründen der Flucht- oder Verdunklungsgefahr – in Untersuchungshaft, warten also auf ihren Prozess und wissen nicht, ob sie nach dieser Zeit wieder auf freiem Fuß sein oder in einem anderen Gefängnis untergebracht werden.
Belastende Situation
Einige sind Wiederholungstäter und kennen diese Situation schon, für viele ist sie aber neu. „Für die Insassen ist das eine belastende Situation. Sie wissen nicht, wie es für sie weitergeht, und ob das soziale Umfeld weiter zu ihnen hält“, erklärt die Leitende Regierungsdirektorin Stefanie Hörter, seit Juli Leiterin der JVA Rottweil.
Von Raub bis zu Rauschgiftdelikten ist bei den vorgeworfenen Taten quasi alles dabei. Und im Durchschnitt verbringen die Insassen rund sechs Monate in Untersuchungshaft. Wie in jedem anderen Gefängnis gibt es für den Alltag dabei einen strikten Ablaufplan, erklärt uns Vollzugsdienstleiter Tim Zell. Denn Struktur sei wichtig.
Um 6.30 Uhr beginnt der Tag
Um 6.30 Uhr werden die Insassen geweckt. Nach dem Frühstück dürfen manche von ihnen für sieben bis acht Stunden arbeiten. Dabei handelt es sich um leichte Montagearbeiten. Für die Häftlinge ist die Arbeit ein Privileg, können sie so doch Geld verdienen und zwei Mal im Monat per Listenbestellung einkaufen. Daher gebe es auch eine Warteliste.
Einmal täglich steht eine Stunde Hofgang auf dem Plan. Über die Weihnachtsfeiertage wird der Zeitplan ein bisschen aufgelockert. So stehe den Häftlingen mehr Freizeit außerhalb des Haftraums zur Verfügung, erklärt der Anstaltsleiter.
Gottesdienst und Kinderpunsch
An Heiligabend dürften sie erst einmal ausschlafen. Später werde Kinderpunsch ausgeschenkt. Außerdem finde ein ökumenischer Gottesdienst statt, und der Rottweiler Posaunenchor sorge für musikalische Unterhaltung.
Dabei geht es weniger um die religiöse Komponente von Weihnachten. Schließlich sind in der JVA auch viele verschiedene Nationalitäten – und entsprechend viele religiöse Bekenntnisse – vertreten. Es geht vielmehr um das Beisammensein und darum, mal etwas Anderes zu sehen und sich freier zu fühlen, wie Tim Zell erklärt.
So auch in den Folgetagen, an denen die Häftlinge im Gemeinschaftsraum zum Reden und Kartenspielen zusammenkommen und sich von den Gedanken über ihre Zukunft ablenken können. Soziale Kontakte seien in der Haft sehr wichtig, weiß Stefanie Hörter.
Kein Besuch an Weihnachten
Und sie werden noch wichtiger angesichts dessen, dass die Insassen über die Weihnachtsfeiertage keinen Besuch empfangen dürfen. „Das ist personell bedingt leider nicht möglich“, erklärt Tim Zell. Denn die Besuche – normalerweise sind zwei pro Monat mit jeweils einer halben Stunde Dauer erlaubt – müssten wegen der laufenden Verfahren akustisch überwacht werden, in manchen Fällen auch unter Hinzuziehen eines Dolmetschers. In dieser Hinsicht seien die Regeln in einem Untersuchungsgefängnis etwas strenger als im Regelvollzug.
Auch Geschenke sind nicht erlaubt. Der Kontrollaufwand wäre einfach zu hoch, erklärt Hörter, insbesondere, da die Gefangenen aus auf den ersten Blick unkritischen Geschenken Verbotenes machen könnten. Stattdessen darf den Gefangenen Geld überwiesen werden, mit dem sie dann einkaufen können.
Ein besonderes Essen
Eine Überraschung gibt es für die Häftlinge trotzdem, finanziert von der Straffälligenhilfe: eine große Weihnachtstüte mit allerlei Leckerbissen sowie Tabak und Pflegeprodukten.
Essen nehme für die Häftlinge generell eine wichtige Rolle ein, erklärt Stefanie Hörter. „Für viele ist das ein Highlight des Tages.“ Am ersten Weihnachtsfeiertag wird deshalb auch etwas Besonderes aufgetischt: Sauerbraten.
Eine intensive Zeit
Dass bei den Häftlingen Wehmut aufkommt, lässt sich aber nicht vermeiden. „Weihnachten ist eine intensivere Zeit – für das Personal ebenso wie für die Häftlinge, die sich fragen, wie es für sie weitergeht“, meint Stefanie Hörter.
Komme es zu einem starken Stimmungsabfall bei einem Häftling, merke man das sofort, erklärt Tim Zell, wie nah das Justizvollzugspersonal an den Insassen dran ist. Dann nehme man sich auch mal länger Zeit, um sich mit jemandem hinzusetzen und zu sprechen.
Darüber hinaus sei der Sozialdienst – er hilft den Insassen bei ihrer Inhaftierung übrigens auch, Angelegenheiten wie die Unterbringung des Haustiers, die Wohnungsauflösung und Weiteres zu regeln – regelmäßig in der JVA und helfe bei der Krisenbewältigung.
88 Häftlinge in der JVA mit Außenstellen
In Rottweil und den Außenstellen Oberndorf, Villingen und Hechingen sitzen übrigens insgesamt 88 Gefangene. Rund 40 Prozent von ihnen sind Deutsche. Bei der Verständigung mit den anderen helfe ein Videodolmetscher, außerdem gebe es kleine und sehr nützliche Übersetzungsgeräte. Letztlich könne man vieles aber auch über die Verständigung mit Händen und Füßen regeln.
Um in Weihnachtsstimmung zu kommen, gibt es übrigens stets einen geschmückten Weihnachtsbaum, der in den Freizeitraum gestellt wird. Weil es in der JVA am Standort Rottweil so eng sei, bleibe leider wenig Kapazität für Aktivitäten, die etwas mehr Platz benötigen.
Das werde in der neuen JVA ganz anders sein, kündigt Hörter an. Die Gebäude, die gerade im „Esch“ entstehen, sollen Platz für mehr als 500 Häftlinge bieten. Zu den Untersuchungshäftlingen kommen dann auch jene aus dem Regelvollzug.
Außerdem wird es eine Suchtabteilung (45 Plätze), 15 Transgender-Haftplätze und 52 Plätze für mobilitätseingeschränkte Personen geben, die mit Häftlingen aus dem ganzen Land belegt werden.
Bis es soweit ist – 2027 soll die neue JVA bezogen werden – müssen Personal und Häftlinge allerdings noch mit den engen Platzverhältnissen in Rottweil auskommen, die zur Weihnachtszeit doch zumindest einen Vorteil haben: Man kennt sich, und es geht fast ein wenig familiär zu.