An Weihnachten kehrt auch im Gefängnis Stille ein. Die Arbeit ruht, eine nachdenkliche Atmosphäre breitet sich aus. Doch viele Gefangene erleben auch schöne Gemeinschaft.
Matthias Weckerle, Leiter der Justizvollzugsanstalt Rottenburg, hat mit langjährigen Häftlingen eines gemeinsam: Er ist an Heiligabend im Gefängnis – und zwar jedes Jahr. Allerdings: Er verbringt an dem Feiertag freiwillig ein paar Stunden hinter den Gefängnismauern. Denn Weihnachten ist auch im Gefängnis eine besondere Zeit. „Ich selbst muss an den Feiertagen glücklicherweise nicht arbeiten, bin aber am Heiligabend immer in der Anstalt und kann meistens auch mindestens bei einem der Gottesdienste dabei sein“, sagt er.
Unserer Redaktion gibt Weckerle einen Einblick, wie Weihnachten für die Häftlinge in Rottenburg abläuft. Er sagt: „Im Mittelpunkt der Weihnachtsfeierlichkeiten bei uns im Gefängnis stehen natürlich die Gottesdienste, die unsere evangelischen und katholischen Seelsorgerinnen und Seelsorger mit den Gefangenen feiern und zu denen auch alle Gefangenen unabhängig von ihrem Glauben oder Religionszugehörigkeit eingeladen sind. Gerade bei den Gottesdiensten in der Adventszeit und an Weihnachten sorgen immer auch Gefangene oder Chöre und Musikgruppen von außerhalb für musikalische Begleitung und tragen dazu bei, dass die Gottesdienste besonders feierlich sein können. In unserer Außenstelle in Maßhalderbuch (offener Vollzug) findet an Heiligabend sogar traditionell ein Gottesdienst in unserer dortigen Kapelle statt, den die Gefangenen und die Kirchengemeinde Ödenwaldstetten gemeinsam feiern.“
Gemeinsames Kochen und Essen
Auch über die Feierlichkeiten hinaus gestalten die Häftlinge gemeinsame Freizeit. Weckerle sagt, dass Gefangene die Möglichkeit haben, von einem Teil ihres Arbeitslohns in der Anstalt einzukaufen, zum Beispiel Lebensmittel. In Abteilungsküchen können die Häftlinge das ganze Jahr über zusätzlich zur Gemeinschaftsverpflegung, die von der Anstalt zur Verfügung gestellt wird, kochen oder backen. „Und tatsächlich ist es dann auch so, dass sich Gefangene gerade auch an Weihnachten zusammentun, sich gemeinsam überlegen, was sie an den Weihnachtstagen kochen wollen und dann auch zusammen kochen und essen“, berichtet Weckerle.
Häftlinge, die viele Jahre in der JVA verbringen müssen, finden sich in einer besonderen Gruppe zusammen. Weckerle sagt: „In unserer Anstalt gibt es ein besonderes Gruppenangebot für Gefangene, die längere Freiheitsstrafen zu verbüßen haben. Die Gruppe heißt „Ü4-Gruppe“ – für „über vier Jahre“. Über das Jahr hinweg trifft sich die Gruppe regelmäßig zu unterschiedlichen Aktivitäten. In der Vorweihnachtszeit werden unter der Anleitung von Bediensteten bei einem Termin traditionell Weihnachtsplätzchen gebacken.“
„Weihnachtsbasteln“ hat Tradition
Ein andere Tradition, die es in Rottenburg seit vielen Jahren gibt, ist das „Weihnachtsbasteln“. Weckerle sagt: „Auch in diesem Jahr haben mehr als 20 Gefangene zusammen weihnachtlich gebastelt – die Ergebnisse können von den Gefangenen entweder an ihre Angehörigen verschenkt werden oder sie dienen zur weihnachtlichen Dekoration in der Anstalt und beim Schmücken der Christbäume und Adventskränze, die es in allen Bereichen der Anstalt gibt. Mit weihnachtlichen Produkten aus unseren Arbeitsbetrieben sind wir übrigens auch regelmäßig beim Rottenburger Nikolausmarkt mit Ständen vertreten.“
Die Stimmung im Gefängnis an den Weihnachtstagen sei schon immer ganz besonders – für viele Gefangene sei es aber auch eine besonders schwierige Zeit, sagt Weckerle. „Die Trennung von der Familie oder Freunden, gerade von den Kindern, wird da vielen schmerzhaft deutlich. Man spürt deshalb oft eine nachdenkliche und ruhige Atmosphäre. Gleichzeitig wird über die Feiertage auch in unseren Arbeitsbetrieben nicht gearbeitet – schon dadurch wird es ruhiger und auch dadurch, dass die vielen Baustellen, die wir in der Anstalt immer haben, auch pausieren müssen.“
Für die Gefangenen, für die die Arbeit wertvoll ist für Ablenkung und Tagesstruktur, könne es dadurch aber natürlich auch langweilig werden.
Weihnachtsamnestie und andere Geschenke
Dürfen Häftlinge Geschenke von außerhalb der JVA bekommen?
JVA-Leiter Weckerle erklärt, dass es für alle Gegenstände, die Gefangene haben dürfen, klare Regeln gibt. Geregelt sei auch, wie sie diese Gegenstände bekommen können. Der Grundsatz sei, dass alles über Vermittlung der Anstalt bezogen werden müsse, damit das JVA-Personal die Herkunft der Artikel kennt und verhindern kann, dass über diese Gegenstände oder versteckt in diesen Gegenständen Verbotenes oder Gefährliches in die Anstalt geschmuggelt wird. „Deshalb müssen die Gefangenen ja auch die Lebensmittel, die sie beim Kochen verwenden wollen, über den Anstaltseinkauf erwerben und können sie sich nicht von außen schicken lassen. Das gilt auch für zum Beispiel Bücher, Elektrogeräte oder Spiele – alles muss in der Anstalt erworben werden. Geschenke von außen sind da leider nicht möglich“, sagt Weckerle. Das Justizvollzugsgesetzbuch für Baden-Württemberg sieht allerdings die Möglichkeit vor, dass sich Gefangene monatlich einen bestimmten Geldbetrag (das sogenannte „Sondergeld“) von außerhalb einzahlen lassen können, den sie dann beim Anstaltseinkauf verwenden können. Aktuell sind das 104,50 Euro monatlich.
Weihnachtsamnestie
Weihnachtsamnestie bedeutet, dass Gefangene, deren Entlassungstermin eigentlich zwischen Mitte November und Anfang Januar liegt, unter bestimmten Voraussetzungen durch eine Gnadenentscheidung der Staatsanwaltschaft schon vor diesem Zeitraum entlassen werden können, erklärt Weckerle. In diesem Jahr sei es in Baden-Württemberg so geregelt, dass die Gefangenen, deren eigentlicher Entlassungstag zwischen dem 13. November und dem 6. Januar lag oder liegen würde, schon am 12. November entlassen werden konnten. „In diesem Jahr haben in Rottenburg 32 Gefangene von dieser Regelung profitiert“, sagt der JVA-Leiter.