Seit gut einem Monat steht bei der Gefängnis-Großbaustelle eine Aussichtsplattform. Und die ist – in Blickweite zum Testturm – seither gut frequentiert. Der riesige Anstaltsbau macht neugierig.
Es dürfte im Moment die größte Baustelle im Landkreis Rottweil sein: Seit etwas mehr als einem Jahr entsteht im „Esch“ bei Rottweil die neue Justizvollzugsanstalt des Landes. Oberbürgermeister Christian Ruf spricht vom „mit Abstand größten Infrastrukturprojekt, das das Land Baden-Württemberg je in unserer Stadt verwirklicht hat“.
Die Ausmaße des Projekts lassen sich nicht nur bei einem Spaziergang rund um das Gelände erfahren. Den besten Blick über das Geschehen auf der Baustelle bietet die Aussichtsplattform des TKE-Testturms aus der luftigen Höhe von 232 Metern. Doch auch vom neuen Info-Point, der von Vermögen und Bau Konstanz Anfang Juli direkt an der Großbaustelle aufgestellt worden ist, haben Besucher einen guten Blick auf das Baufeld.
502 Haftplätze
502 Haftplätze soll das Gefängnis künftig bieten. 52 davon werden barrierefrei ausgestaltet sein. Geplant sind insgesamt 18 Nutzungsbereiche mit einer Gesamtnutzfläche von 25 463 Quadratmetern. Das ist etwas mehr als die Größe von dreieinhalb Fußballfeldern oder von fast 280 Wohnungen.
Das Gelände der neuen Justizvollzugsanstalt wird mit dem anfallenden Aushub modelliert. Das heißt, dass aller Aushub auf dem Gelände verbleibt. Bei geplanten 160 000 Kubikmetern Erdbewegungen sind das immerhin rund 16 000 Lastwagenladungen, die nicht abgefahren werden müssen. Das schont Ressourcen, reduziert die CO2-Emissionen und spart somit Geld.
Apropos Geld: Das Land Baden-Württemberg kalkuliert für das Vorhaben mit Kosten von 280 Millionen Euro. Und nach mehr als einem Jahr Bauzeit liegt das Projekt nach wie vor im Plan – sowohl was den Fortschritt der Arbeiten anbelangt, als auch was die Kosten betrifft. Wie Alexander Häuptle, stellvertretender Leiter des Amtes Vermögen und Bau Konstanz, auf Anfrage bestätigt, ist die Fertigstellung bei einer Gesamtbauzeit von circa vier Jahren weiterhin für 2027 vorgesehen. Und auch die Kosten „liegen innerhalb des vorgesehenen Budgets“. Dabei sind schon 70 Prozent der Leistungen bezogen auf die Gesamtbaukosten von 280 Millionen Euro ausgeschrieben.
Spatenstich am 26. Juni 2023
Am 5. Juni 2023 haben die Vermessungsarbeiten zum Baustart begonnen. Eine Woche später sind die ersten Bagger angerollt und am 26. Juni folgte symbolisch der Spatenstich durch Finanzminister Danyal Bayaz, Justizministerin Marion Gentges und Rottweils Oberbürgermeister Christian Ruf. Nachdem zu Beginn die Humusschicht auf dem Baufeld als Teil der ökologischen Ausgleichsmaßnahmen abgeschoben wurde und sich ab August die Erd- und Tiefbauarbeiten anschlossen, wachsen mittlerweile die ersten Gebäudeteile in die Höhe. „Aktuell laufen die Rohbauarbeiten, der Zaunbau, der Mauerbau sowie die Restarbeiten für den Erd- und Tiefbau“, erklärt Häuptle. Demnächst gehe es dann mit ersten Technikgewerken los. Und: „Wir beweiden die ökologischen Ausgleichsflächen am Neckartalhang und beginnen im Herbst mit der Lichtschutzpflanzung rund um die Anstalt“, so Häuptle weiter.
Das Energiekonzept
Besonderer Wert wird auf die energetische Ausrichtung der neuen Anstalt gelegt. So übertrifft der Gebäudeenergiestandard die gesetzlichen Vorgaben um circa 30 Prozent. Des Weiteren wurde ein nahezu klimaneutrales Energiekonzept entwickelt, die Beheizung erfolgt über Wärmepumpen und Hackschnitzel, die Dächer werden als Biodiversitätsdächer ausgeführt und mit Photovoltaikmodulen belegt. Die geplante PV-Leistung beträgt rund 1,8 Mega-Watt.
Die alten Gefängnisse
Die neue Anlage soll künftig das bestehende Gefängnis am Rand der historischen Innenstadt ersetzen und für den Vollzug von Straf- und Untersuchungshaft an männlichen erwachsenen Gefangenen zuständig sein. Doch nicht nur. Der Neubau sei Bestandteil eines umfassenden Haftplatzentwicklungsprogramms, erklärt das Justizministerium, mit dem die Struktur und Leistungsfähigkeit des baden-württembergischen Justizvollzugs durch Schaffung größerer und effizienter Vollzugseinrichtungen verbessert werde.
Mit seiner Fertigstellung werde der Neubau ältere und kleinere Justizvollzugsanstalten und Außenstellen, die aufgrund ihrer Größe und Ausstattung kein Entwicklungspotenzial aufweisen, ablösen. Das wird die Justizvollzugsanstalt Rottweil an ihrem bisherigen Standort einschließlich ihrer Außenstellen in Oberndorf, Hechingen und Villingen-Schwenningen sowie die Justizvollzugsanstalt in Waldshut-Tiengen betreffen.
Die örtlichen Zuständigkeiten der zu schließenden Justizvollzugsanstalten und Außenstellen werden zum ganz überwiegenden Teil auf die neue zu errichtende Vollzugseinrichtung in Rottweil übertragen, wie Justizministerin Marion Gentges ankündigt. Für alle Bedienstete ist eine Weiterbeschäftigung in der neuen Justizvollzugsanstalt Rottweil möglich und vorgesehen.
Info Justizvollzugsanstalt
Die kleineren und älteren Justizvollzugsanstalten und Außenstellen:
Die Justizvollzugsanstalt Rottweil besteht aus der in Rottweil selbst gelegenen Hauptanstalt sowie den drei Außenstellen in Hechingen, Villingen-Schwenningen und Oberndorf. Die Hauptanstalt verfügt über 20 Haftplätze, die Außenstelle Hechingen über 32, die Außenstelle Oberdorf über 16 und die Außenstelle Villingen-Schwenningen über 18. Mit Ausnahme der Außenstelle Oberndorf, die 1909 errichtet wurde, stammen die Gebäude der Teilanstalten noch aus dem vorletzten Jahrhundert. Die Hauptanstalt in Rottweil wurde 1861 errichtet, die Außenstelle Hechingen 1876 und die Außenstelle Villingen-Schwenningen 1847. Die Justizvollzugsanstalt Waldshut-Tiengen hat 53 Haftplätze, das Gebäude stammt aus dem Jahr 1848.
Eckpunkte zur Historie: des Großprojekt JVA-Neubau: