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Jungingen Lange Themenliste zügig abarbeiten

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Exakt fünf Monate inzwischen schon im Amt: Der neue Junginger Bürgermeister Oliver Simmendinger. Foto: Renner Foto: Schwarzwälder Bote

Jungingen. Ein Bürgermeister, der mitten im Shutdown seinen Dienst antrat: Jungingens Bürgermeister Oliver Simmendinger berichtet im Interview von seinen ersten Tagen als neues Gemeindeoberhaupt.

Anfang Januar waren Sie zum neuen Jungingen Bürgermeister gewählt worden, als noch niemand an Corona dachte. Wie waren die ersten Tage nach dem Amtsantritt ab 1. April für Sie?

Da ich erfreulicherweise von der Verwaltung und dem stellvertretenden Bürgermeister Bernd Bumiller schon im März in die laufenden Corona-Gespräche einbezogen wurde, war schon abzusehen, dass es eine sehr spezielle Situation sein würde. Genauso war es dann eben auch. Änderungen in der Corona-Verordnungen waren quasi an der Tagesordnung und es musste möglichst zeitnah darauf reagiert werden. Sei es im Kindergarten, wo die Einschnitte besonders massiv waren, aber eben auch in allen anderen Bereichen. Meine IT-Kenntnisse beispielsweise, konnte ich bei der Schaffung der Home-Office-Möglichkeiten für die Mitarbeiter gleich gut einbringen. Die ersten Tage würde ich deshalb schon als herausfordernd und gewiss alles andere als "normal" bezeichnen.

Inwieweit hat der Lockdown Ihre Aufgabe am Anfang erschwert?

Es war praktisch keine Zeit, sich in Themen einzuarbeiten oder sich gar über die Prozesse und Abläufe im Rathaus einen Überblick zu verschaffen. Von der ersten Minute an standen konkrete Themen an, über die entschieden werden musste und wo eben auch seitens der Mitarbeiter in der Verwaltung keine Routine bestand. Nach allen getroffenen Entscheidungen in der Verwaltung, egal ob aus dem Gemeinderat oder eben auch im Zusammenhang mit Corona, stand im Anschluss immer die Umsetzung, die es überdies zu überwachen beziehungsweise zu kontrollieren galt und gilt.

Sie waren davor in der IT bei einem Automobilzulieferer tätig. Was war die größte Umstellung für Sie?

Die größte Umstellung war und ist gewiss der nun persönliche und tägliche Kontakt zu Menschen. In den Jahren zuvor war ich im Home-Office vom Kollegenkreis doch eher isoliert, weshalb es recht wenig zwischenmenschliche Kontakte gab. Das hat sich glücklicherweise zum Positiven geändert und ich genieße es nun sehr, täglich von freundlichen Menschen umgeben zu sein, die Begrüßung am Morgen, der kurze Plausch auf dem Flur, aber auch die fachliche Auseinandersetzung gemeinsam am Tisch, egal ob mit Mitarbeitern, Mitbürgern oder Besuchern.

Was war bisher die größte Herausforderung für Sie?

Die größte abgeschlossene Herausforderung war die Freibad-Öffnung. Durch die massiven Auflagen und Einschränkungen durch Corona gab es schon bei der Planung etliche Hürden. Nach der Planung mussten alle Auflagen unter Zeitdruck umgesetzt werden, und insgesamt war es einfach besonders schwer, die Bälle "Kosten", "Besucherfreundlichkeit" und "Gesundheitsschutz" so zu jonglieren, dass am Ende noch etwas Vernünftiges“ dabei herauskommt. Schaut man sich die Besucherzahlen seit den Sommerferien an, scheint uns das aber auch angesichts der vielen positiven Rückmeldungen gut geglückt zu sein. Ich möchte an dieser Stelle ein großes Lob an meine Mitarbeiter aussprechen, die sich enorm ins Zeug gelegt haben um die Öffnung rechtzeitig und so gut organisiert hinzubekommen.

Haben Sie sich von Ihrem Vorgänger Harry Frick Tipps geben lassen oder verfolgen Sie Ihren eigenen Stil?

Selbstverständlich möchte ich einen eigenen Stil verfolgen. Es wird auch gewiss viele Dinge geben, die bei mir anders laufen als bisher bei Harry Frick. Genauso gibt es aber auch Situationen, wo der Rat eines Bürgermeister-Kollegen hilfreich sein kann. Zu den erfahrenen, wenn auch im Moment nicht mehr aktiven Kollegen zählt sicher auch Frick. Telefonate sind deshalb keinesfalls ausgeschlossen, aber nicht an der Tagesordnung.

Bei Ihrer ersten Gemeinderatssitzung am 14. Mai gaben Sie zu, aufgeregt gewesen zu sein. Wie haben Sie im Rückblick die Sitzung wahrgenommen?

Auch in der Erinnerung bleibt es dabei: es war keine einfache Sitzung, nicht nur weil es meine erste war, sondern auch von den Themen her. Ich kann jedoch durchaus mit den getroffenen Entscheidungen mitgehen und die Rückmeldungen von den Gemeinderäten und meinen Mitarbeitern waren positiv. Ich kann also zufrieden sein.

Sie wohnen zwar in Jungingen, aber als Bürgermeister nimmt man seine Gemeinde sicherlich jetzt mit anderen Augen wahr. Wie würden Sie Jungingen einem Außenstehenden beschreiben?

Ich habe vor meiner Zeit als Bürgermeister die Gemeinde Jungingen immer als etwas Besonderes wahr genommen, weil Jungingen einfach unheimlich viel bietet und sich als idyllisches Dorf präsentiert. Das meine ich auch wirklich so, denn Jungingen wird nicht umsonst schon seit Jahrzehnten als die Perle des Killertals bezeichnet. Als Bürgermeister sieht man aber auch die weniger schönen Seiten, über die ich mich keinesfalls beschweren will, die aber vorhanden sind.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Beispielsweise wird das Dorf durch die B32, die Starzel und die Bahnlinie mehrfach durchtrennt. Alleine diese Tatsache bringt beispielsweise 14 Brücken mit sich, die es gilt instand zu halten. Doch was sich so einfach anhört, bedeutet unter Umständen hohen finanziellen Aufwand, der keinen echten Mehrwert für die Mitbürger bringt. Eine Brücke war vor und ist nach einer Sanierung da, allerdings geht der Gemeinde durch solche Sanierungen teils wichtiger finanzieller Spielraum verloren. An der Darstellung nach außen hat sich und wird sich dadurch aber gewiss nichts ändern.

Zwischenzeitlich haben Sie sich in die Materie einarbeiten können. Welche Projekte wollen Sie in den nächsten Monaten angehen?

Die Themen- und Wunschliste ist lang. Aber das alles muss auch finanziert und vom Gemeinderat gewollt werden. Deshalb steht für mich an erster Stelle eine strategische Ausrichtung und Grobplanung der Themen, sprich, wo die Reise hingehen soll. Dazu gehört nach wie vor mein im Wahlkampf angekündigtes Gemeinde-Entwicklungskonzept unter Einbeziehung der Bürgerschaft, die sich in sämtliche unterschiedliche Themenbereiche einbringen kann und soll. Parallel dazu gilt es jeweils die Themen herauszugreifen, die strategisch am besten zur Ist-Situation in Jungingen passen.

Können Sie auch hier ein Beispiel nennen?

Da das Städtebauförderungsprogramm im Bereich Bahnhofsstraße im kommenden Jahr ausläuft, möchte ich im Gemeinderat über einen dritten Bauabschnitt Bahnhofstraße beraten, denn sonst gehen uns unter Umständen wertvolle Fördermittel verloren. Sind wir erst aus dem Förderprogramm raus, bedeutet es viel Aufwand und auch Zeit um wieder in ein Förderprogramm hereinzukommen.

Auch das Thema Verkehr bewegt die Gemüter. Gibt es Visionen, wie der Verkehr im Ort verringert werden, auch man natürlich direkt an der B32 liegt?

In den 13 000 bis 14 000 Fahrzeuge, die täglich durch Jungingen beziehungsweise über die B32 rollen, sitzt in der Regel eine Person. Wie soll die Politik oder gar ein Bürgermeister dieses Verhalten von ganz vielen Einzelnen ändern, die größtenteils nicht einmal aus Jungingen kommen? Wir alle sind hier stark gefordert, denn wer will freiwillig auf den in den vergangenen Jahren gewonnen Komfort verzichten, zu jeder Zeit einfach dort hinzufahren wohin man möchte? Ohne den schwarzen Peter abschieben zu wollen, würde eine Verhaltensänderung bei jedem Einzelnen wohl mit Sicherheit den größten Effekt bringen.

Kleine Effekte wären schon mal ein Anfang....

Um jedoch auf Jungingen zurückzukommen: wir können uns auf den Standort-Umzug der Spedition Barth von Burladingen nach Hechingen freuen, denn diese LKW fallen, jedenfalls zum Großteil, schon einmal weg. Bedenkt man, dass ein 40 Tonner die Straße etwa so sehr belastet wie 100 000 Autos ist das nicht nur seitens Gefahrenquelle, Lärm und Umwelt, sondern insgesamt eine enorme Verbesserung. Ein Konzept, das sich anderorts schon gut bewährt hat, sind die sogenannten Mitfahrbänke. Das ist etwas, was ich gerne versuchen beziehungsweise im Gemeinderat beraten möchte. Ich finde, das könnte sich insbesondere im Killertal gut bewähren, allerdings nur wenn Burladingen und Hechingen mitziehen. Mit der Anmeldung beim internationalen Stadtradeln-Wettbewerb möchte ich die Menschen dazu motivieren, wieder mehr auf das Fahrrad zu setzen. Möglichst nicht nur in der Freizeit, sondern bestenfalls auch, wenn es darum geht, zur Arbeit oder Schule zu kommen oder kleine Besorgen zu machen.

Das Vereinsleben wird im Zollernalbkreis groß geschrieben. Sind Sie selbst auch ein Vereinsmensch und bei allen schon vorstellig geworden?

Ja! Zu einigen Vereinen hatte ich bereits vor meiner Kandidatur guten Kontakt. Während des Wahlkampfes habe ich mich bei allen Vorständen darüber informiert, welche Berührungspunkte es seitens Gemeinde und Verein gibt, um im Fall einer Wahl am bestehenden festhalten zu können oder wenigstens die Bedürfnisse der Vereine zu kennen. Vor einigen Wochen fand auf meine Einladung hin ein erstes Vereins-Vorständetreffen im Gemeindesaal statt. Auch gibt es mittlerweile eine WhatsApp-Gruppe aller Vereinsvorstände, um insbesondere in Zeiten von Corona gegebenenfalls schnell Informationen an die Vereine verteilen zu können. Enge Kommunikation und ein offenes Miteinander sind mir wichtig, und das hat sich bisher auch bewährt. Einige nachträgliche Hauptversammlungen sind schon gelaufen, weitere folgen. Insgesamt tut es mir für das Vereins- und Dorfleben einfach leid, dass wegen Corona nahezu alle Veranstaltungen abgesagt werden mussten.

Norbert King hielt es von 1966 bis 1986 insgesamt 20 Jahre auf dem Amtssessel aus, Frick sogar 24 Jahre und Jürgen Weber immerhin neun. Wollen Sie Jungingen bis zu Ihrer Rente prägen?

Ja ich will!

Was gab für Sie den Anlass, sich erstmals Gedanken gemacht zu haben, Bürgermeister werden zu wollen?

Bürgermeister zu sein, ist etwas Besonderes! Das hatte ich schon in Kinder- und Jugendtagen immer wieder so erlebt, und diesen Eindruck hatte ich nicht zuletzt auch bei offiziellen Anlässen in Jungingen oder anderswo. Als klar war, dass Harry Frick nicht mehr antreten wird, fingen meine Gedanken an um dieses Thema zu kreisen. Der große Zuspruch innerhalb der Familie und im Freundeskreis, im Einklang mit meinen persönlichen Bedürfnissen und Zielen, gaben letztlich den Ausschlag, mich für dieses hohe Amt zu bewerben. Obwohl die 100 Tage längst überschritten sind, kann ich es manchmal noch nicht glauben, dass ich es wirklich geschafft habe. Ich bin sicher, endlich den passenden beruflichen "Deckel" zu meiner Person gefunden zu haben und freue mich jeden Tag darauf, mein Amt mit Würde und Engagement auszufüllen.

  Die Fragen stellte Jürgen Renner.

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