Die mächtigen Schornsteine des alten Kesselhauses im Junghans-Gewerbepark sind verschwunden.
Die Kamine wurden vor wenigen Tagen abgerissen, da sie seit Jahrzehnten nicht mehr benötigt werden. „Aus Sicherheitsgründen“ sei der Rückbau erfolgt, informiert Manuel Kaltenbacher, der für die Liegenschaftsverwaltung im Gewerbepark Junghans zuständig ist. Ein gewaltiger Kran war im Einsatz, um die Schornsteine anzuheben und sicher abzulegen. Arbeiter im Drahtkorb stellten sicher, dass alles ordnungsgemäß ablief.
Vom Heizhaus – dem Bau 65 – aus wird nach wie vor der gesamte Gewerbepark beheizt. Und das funktioniert so: „Wir beziehen Gas. Über ein Blockheizkraftwerk und Fernwärme werden die Gebäude im Gewerbepark beheizt“, erklärt Kaltenbacher. Das Wärmenetz besitzt eine Länge von zweieinhalb Kilometern.
Legendäres Nebelhorn
Stadtarchivar Carsten Kohlmann kann aus seinem Archiv interessante Informationen liefern. So wurde die alte Kaminanlage einst für die frühere Dampfheizung benötigt. Diese ist aber bereits seit 1993 außer Betrieb – und der Zahn der Zeit nagte an den Schornsteinen. So manche älteren Schramberger werden sich noch an der dampfbetriebene Junghans-Nebelhorn erinnern, das bis Anfang der 1950er-Jahre lautstark über der Stadt ertönte und die Junghansbeschäftigten zur Arbeit rief. Das Horn war teilweise noch auf dem Fohrenbühl zu hören. Dieses hat die Familie Junghans einst von einer Amerika-Reise mitgebracht. Auf dem Rückweg auf einem Ozeanriesen kauften sie kurzerhand die 1,50 Meter hohe Schifffahrtssirene auf.
Die Umstellung von Steinkohleöfen und Dampfmaschine auf Gas kostete 1993 rund 6,5 Millionen Mark.
Die alte Anlage wurde 1941 in Betrieb genommen und versorgte die Junghans-Gebäude zu deren Glanzzeiten mit Energie und Wärme.
20 Tonnen Kohle pro Jahr
Hätte man damals die Kohlefeuerung weiterbetrieben, hätte man einen 104 Meter hohen Schornstein bauen müssen. Mit dem damaligen Kohlekraftwerk wurde acht bis zehn Tonnen Dampf pro Stunde erzeugt. Der Druck betrug 31,4 Bar und die Temperatur 420 Grad Celsius. 102 Grad hatte der Dampf noch, wenn er in den Heizkörpern ankam, wie unsere Redaktion in ihrer Ausgabe am 21. Mai 1993 berichtete.
Bis zu 20 Tonnen Kohle musste im Winter in die Öfen dirigiert werden. Da die Anlage sehr lange brauchte, bis sie auf Temperatur kam, bedeutete das eine Sieben-Tage-Woche für die vier Heizer. „Eine sehr harte Arbeit“, bescheinigte der damalige Projektleiter und Infrastruktur-Beauftragte bei Junghans, Gerhard Oehler in einem damaligen Bericht der „Schwäbischen Zeitung“. Die vier Heizer wurden durch einen Elektriker ersetzt. Für die 1730 Tonnen Kohle, die man pro Heizsaison brauchte, waren 322 Lastwagenfahrten nach Hausach und zurück notwendig.
Vorbild Kraftwerk
Die Dampfmaschine wurde dem Stadtmuseum Schramberg vermacht. Archivar Carsten Kohlmann sagt zum Thema: „In Erinnerung ist mir, dass der Gründer und langjährige Betreiber des ,Kulturbesens’, Harald Burger, das Gebäude gerne wie das legendäre ,Kraftwerk’ der ,Trendfactory’ im Neckartal Rottweil zu neuem Leben erweckt hätte“.