Ein Produkt wie aus einem Science-Fiction-Film und ein Gründerduo mit einem Traumstart – davon überzeugte sich unsere Autorin Elena Baur bei einem Besuch der Nordstetter Firma „hTRIUS“. Doch was stellen sie her?
Licht scheint durch die Fenster und zwischen den vielen Pflanzen hindurch, moderne Monitore und ergonomische Stühle stehen an den höhenverstellbaren Tischen und neben der Kaffeemaschine stehen Cornflakes-Packungen – diese Wohlfühlatmosphäre überkam mich beim Betreten der Räumlichkeiten von „hTRIUS“. Mit einem freundlichen Lächeln empfängt mich Verena Junt, die Marketing-Managerin.
Sie ist Teil des jungen Teams, das derzeit aus 33 Mitarbeitern besteht und sich stetig vergrößert. Sie entwickeln etwas, das aussieht, als wäre es einem Science-Fiction-Film entsprungen – Exoskelette. Exoskelette sind eine Art mechanisches Skelett, das den menschlichen Körper bei bestimmten Bewegungsabläufen unterstützen soll. Im Falle des „BionicBack-Exoskelett“, wie das junge Unternehmen ihr bisher einziges Produkt nennt, ist es eine Unterstützung für den Rücken.
So unterstützt das Fabrikat aus Nordstetten Logistikarbeiter, Handwerker, Garten- und Landschaftsbauer und auch Produktionsarbeiter wie in der Kommissionierung. So zählen zum Beispiel Amazon, der Stuttgarter Flughafen, der Europapark, Hermes und weitere Betriebe zu den Abnehmern der Horber Exoskelette.
Blick auf Made in Germany
Produktion, Lager und Büro Alles bei „hTRIUS“ hat sehr kurze Wege. Der Weg zum Chef ist nur ein paar Schreibtische, der Weg in die Produktion nur ein paar Schritte weit. Das zeigt mir Verena Junt in einem kleinen Rundgang. Kaum im nächsten Raum angekommen, stehe ich mitten in der Produktion. Denn: Alles wird in Horb-Nordstetten produziert. „Wir schauen auf Made in Germany oder auf Material aus Europa“, zeigt sie auf.
Auf einem Tisch zu meiner Linken liegen verschiedene Schnitt- und Textilmuster. An einem Prototyp an einer Schaufensterpuppe zeigt die Marketing -Managerin mir ein besonders angepasstes Model. Es werde extra für die Bedürfnisse einer Branche angepasst. Dabei betonte Junt aber, dass es ein Produkt sei, nur eben mit Weiterentwicklungen. Die Skelette werden also nicht maßangefertigt. Die Philosophie lautet: „Kleine Anpassungen für jede einzelne Herausforderung“.
Zwei bis drei Tausend Exemplare in ein paar Wochen
Das werde ich später noch am eigen Leib erfahren. Die Standardgröße sei hierbei M, aber es gebe auch eine kleinere Version S, für zum Beispiel etwas zierlichere Frauen im Pflegebereich, so Junt.
Doch davor bleibt mein Blick noch auf einem weiteren Aspekt hängen. In verschiedenen 3-D-Druckern wurden gerade Teile erschaffen. Mit diesen Teilen würden neue Prototypen gebaut werden, die im selben Raum in der Konstruktion verbaut und getestet werden, erklärt die Marketing-Managerin.
Im letzten der fünf Räume hängt an Kleiderständern und Haken fast der gesamte Raum mit bereits fertiggestellten Exoskeletten voll. In ein paar Wochen können tausend Exemplare produziert werden, erklärt uns später der Geschäftsführer Dominik Heinzelmann.
Selbsttest Dann darf ich mich selbst von der Entlastung überzeugen. Bis zu 30 Prozent Belastung und bis zu 86 Prozent Ermüdung könne durch das Tragen des Exoskeletts reduziert werden, verspricht das Team. Getragen wird das Exoskelett wie ein Rucksack. Für die Stabilität und Kräfteverteilung unterstützen Riemen an den Beinen. Da mir tatsächlich die „Normal-Größe M“ nicht passte, bekomme ich die kleine Größe.
Selbsttest: Wie hilfreich ist das Exoskelett?
Als Testobjekt gilt es, einen vollen Wasserkasten anzuheben. Ohne das Exoskelett merkt man das Gewicht schon deutlich, mit dem unterstützenden Gerät geht es hingegen schon viel leichter. Sogar nur die Hälfe der Kraft durch das Exoskelett lassen einen Unterschied bemerkbar machen, wie ich durch Zufall herausfinde, da wir eine Seite des Exoskeletts vergessen hatten zu lösen.
Auch gibt es einen Unterschied in der Funktionsweise. Es gibt eine dynamische und eine statische Einstellung. Die statische helfe vor allem Fließbandarbeitern, da sie sich angenehm in das Hilfsmittel lehnen könnten, um zum Beispiel Teile zu sortieren, erklärt Junt mit Hilfe ihres Chefs Dominik Heinzelmann.
„Du wirst mal ein Erfinder“
Alles begann in einer Garage Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass alles 2020 in einer Garage und zwei motivierten und engagierten jungen Männern begann. „Du wirst mal ein Erfinder“, habe seine Nachbarin ihm immer gesagt, erzählt Heinzelmann und lacht. Und so kam es auch. Das Ziel sei es, Menschen fitter zu machen und Krankheitstage zu reduzieren. Sein Mitgründer ist Jonas Haag. Über die Corona-Pandemie habe das Duo Zeit gehabt, seine Idee zu entwickeln, berichtet Heinzelmann. Zeitnah seien sie mit ihrem ersten Prototypen nach Horb-Nordstetten gekommen.
In ihrem Team arbeiten Menschen aus verschiedensten Branchen – Mechatronik, Design, Marketing, Biotechnik, Maschinenbau und viele weitere. Die Herstellung sei sehr aufwenig, und für einen neuen Prototypen brauche das Team etwa ein halbes bis dreiviertel Jahr, erklärt Heinzelmann.
Der Preis und die Zukunft Und was sagt der Preis? Ein Exoskelett kostet zirka 3000 Euro pro Stück. Das hört sich viel an, doch Heinzelmann argumentiert mit einem guten Punkt. Im Handwerk koste ein Krankheitstag etwa 450 Euro pro Tag. Mit vier bis fünf Krankheitstagen, die man sich dadurch spare, sei das Exoskelett bezahlt und trage darüber hinaus zu einer gesteigerten Wertschöpfung bei.
Preis nach vier bis fünf Krankheitstagen wieder drin
Mit Blick auf die Zukunft werde sich die Produktion erweitern müssen, sagt Heinzelmann. Aber das sei ein schönes Problem. Denn noch wird die Firma weiterhin in Horb bleiben. Außerdem sei das Team schon fleißig an der Entwicklung eines neuen Produkts auch für andere Bereiche.
Hintergrund
Namensgebung
Der Name hTrius (gesprochen Hatrius) besteht aus drei Komponenten. Das h steht für „human“. Das ist das englische Wort für Mensch. Er steht in der Mitte und steht für alles was das Produkt beschreibt. Das „Tri“ steht für Usability (Benutzerfreundlichkeit), Technology (Technologie) und Support (Unterstützung). Und das „us“ steht für Work-Life-Balance, Sport und Gesundheit.
Gütesiegel
Der BionicBack wurde mit dem AGR-Gütesiegel „Geprüft & empfohlen“ ausgezeichnet. „Diese Auszeichnung bestätigt die Wirksamkeit und ergonomische Exzellenz unseres Exoskeletts durch führende Experten aus den Bereichen Medizin, Therapie und Forschung“, so hTrius. Das Siegel wurde nach der Prüfung von Ärzten und Therapeuten verschiedener Fachrichtungen nach strengen Kriterien bewertet.