Katia und Marielle Labèque Foto: Umberto Nicoletti

Das Jugendorchester Filarmónica Joven de Colombia war zu Gast in der Stuttgarter Liederhalle mit dem Pianoduo Katia und Marielle Labèque und Albtraumhaftem von Berlioz.

Klar, den Saal rocken kann die Filarmónica Joven de Colombia auch. Mit wilden Tänzen und südamerikanischen Rhythmen beginnt das kolumbianische Spitzen-Jugendorchester sein Programm im Beethovensaal: mit „Travesía“ des kolumbianischen Komponisten Wolfgang Ordoñez und mit „Nazareno“, einer Konzertsuite, die Gonzalo Grau aus Osvaldo Golijovs „Pasión según San Marcos“ arrangiert hat.

 

Die französischen Schwestern Katia und Marielle Labèque, die diese Bearbeitung 2008 in Auftrag gaben, sitzen auch an diesem Abend an den beiden Flügeln. Begleitet werden die alten Häsinnen des Konzertbusiness nicht nur vom musikalischen Nachwuchs, sondern auch von Grau höchstpersönlich, der allerlei Schlagwerk bearbeitet. Vor allem perkussiv ist auch das, was die vergnügten Pianistinnen hören lassen.

Eine mitreißende „Symphonie fantastique“

Gute Laune herrscht auch am Dirigierpult: Andrés Orozco-Estrada überbrückt die Umbaupause witzig-charmant parlierend. Dass er auch mit den 16- bis 24-Jährigen auf der Bühne gut kann, wundert nicht, zumal er ein äußerst plastisches, elegant-zupackendes Dirigat pflegt. Die über hundert jungen Frauen und Männer – alle in dunklen Anzügen und Chucks – folgen ihm: mit geballter Energie, Empathie, Elan, rhythmischer Verve, stets auf der vorderen Stuhlkante sitzend.

Die Zusammenarbeit führt zu einer mitreißenden Interpretation der „Symphonie fantastique“. In dem Werk hat Hector Berlioz 1830 den Fiebertraum einer empfindsamen, unglücklich liebenden und von Opium berauschten Künstlerseele vertont. Packend gelingt der weite dramatische Bogen dieses sinfonischen Albtraums – inklusive rauschendem Walzerdrive, Todesvisionen und furiosem Hexensabbat.

Fagott reimt sich plötzlich auf Schafott

Viel Detailarbeit hört man da, schönsten Streicherschmelz, satt aufspielende Bläser genauso wie perfekt Groteskes und eine Menge berührende Sologesänge: etwa, wenn Fagott sich plötzlich auf Schafott reimt, wenn die Klarinette zur Stimme der heroischen Liebe wird, wenn das schwermütige Englischhorn von romantischer Waldeinsamkeit spricht. Ein mitreißendes Drama, das in tosenden Applaus mündet.