Ein Bild aus dem Mai 2024: Die Polizei sichert Spuren am Tatort. Foto: Wolff

Seit sechs Monaten sitzt ein junger Marokkaner in Untersuchungshaft. Seit Donnerstag muss er sich vor dem Hechinger Landgericht verantworten. Im Mai hatte er offenbar einen Mann auf dem Balinger Bahnhofsvorplatz lebensgefährlich verletzt.

Der 23-jährige Mann, der von drei Vollzugsbeamten gefesselt in den Sitzungssaal geführt wird, wirkt gepflegt: altrosa Hoodie, darüber eine schwarze Weste, perfekte Rasur.

 

Anscheinend teilnahmslos hört er sich die Vorwürfe an: Mit einem Taschenmesser mit einer Klingenlänge von zwölf Zentimetern habe er, so die Anklage, die der Staatsanwalt verliest, am 15. Mai auf dem Balinger Bahnhofsvorplatz einen Landsmann lebensgefährlich verletzt. Bei einem Schnitt über die linke Gesichtshälfte, der bis auf den Knochen ging, seien zwei Arterien durchtrennt worden, was zu starkem Blutverlust führte. Er habe eindeutig versucht, den Menschen zu töten.

Die Rettungssanitäter konnten Schlimmeres verhindern, brachten den Verletzten ins Zollernalb-Klinikum. Die Polizei nahm den mutmaßlichen Messerstecher in Gewahrsam, es wurde Haftbefehl erlassen.

Aber warum ist es soweit gekommen? Er selbst, der zwischen dem Dolmetscher und dem Verteidiger sitzt, will keine Fragen beantworten – weder zur Person, noch zur Tat selbst.

Der Verteidiger liest eine Erklärung vor. Der zufolge war der Angeklagte zusammen mit dem späteren Opfer am Tag vor der Bluttat nach Stuttgart gefahren, um Kokain zu kaufen.

Zehn Gramm Koks, die man in der Wohnung des Angeklagten in Hechingen gemeinsam konsumierte

Etwa zehn Gramm, die habe man in der Wohnung des Angeklagten in Hechingen gemeinsam konsumiert – bis auf einen Rest, den man sich tags darauf „reingezogen“ habe, ehe man gemeinsam in den Zug stieg und nach Balingen fuhr. Es ging zum Landratsamt, wo die beiden ihre Ausweise abholen wollten, und danach zum Bahnhof, wo es zum Streit kam, der eskalierte.

Das spätere Opfer habe behauptet, dass er ihm 60 Euro schulde und habe versucht, in seine Bauchtasche zu greifen, heißt es in der Erklärung. Dabei sei ein Messer ins Spiel gekommen, das ihm nicht gehörte. Beim Handgemenge sei es zu der Verletzung gekommen.

„Kokskumpel“ hat angeblich geklaut

Das Opfer, das wegen einer anderen Sache ebenfalls in Untersuchungshaft sitzt und von Vollzugsbeamten in den Zeugenstand gebracht wird, schildert es anders: Ihm seien bei der Bahnfahrt von Hechingen nach Balingen 130 Euro aus dem Rucksack gestohlen worden. Er sei überzeugt, dass es sein Kokskumpel gewesen sei. Das Geld habe er zurückverlangt, und da habe der andere auf ihn eingeschlagen. Ein Messer? Habe er nicht gesehen. Ein Dritter, ebenfalls ein Landsmann, der dabei war, habe gerufen: „Pass auf, pass auf!“ Aber da habe der hier Angeklagte schon zugestochen.

Der ehemalige Marktleiter von „Euronics“ hatte das Geschehen aus der Distanz beobachtet und den Rettungsdienst gerufen. Seltsam findet er, dass das Opfer trotz Verletzung, Schlägen und Tritten „scheinbar kein Schmerzempfinden“ hatte. Seltsam auch, dass der Angreifer „extrem unkontrolliert“ zugeschlagen habe und trotz Martinshörnern, Polizei und Rettungsdienst nicht geflüchtet sei.

Die Verhandlung wird am Donnerstag, 14. November, um 9 Uhr fortgesetzt.