Im oberen Kandertal hat die Weidesaison begonnen, die bis Oktober dauert.
Traktoren mit Viehanhängern rumpeln durchs Marzeller Oberdorf bis zum Steinmättle. Oberhalb des Dorfs öffnet sich der Blick auf eine Weidelandschaft, wie man sie aus Postkarten kennt. Saftiges Grün, gelbe Blumen, Wald, Berge und ein blauer Himmel bilden den Rahmen, in dem sich nun zwölf Jungbullen tummeln.
Zuvor wurde das Vieh ausgeladen, wo es zunächst im Sammelpferch verbleibt, bis es sich beruhigt hat. „Die Munis sind am Anfang immer etwas am Hampeln“, erklärt einer der Weidewarte. Als das Gatter geöffnet wird, halten die Tiere kurz inne, dann galoppieren sie los, es gibt hier und da ungestümes Gerangel, schließlich grast die Herde einmütig Seite an Seite auf ihrer Weide.
Seit 9 Uhr sind die Mitglieder des Weide- und Landschaftspflegeverbands Marzell an diesem Tag bei der Arbeit. Sieben Rinder aus Hertingen wurden auf die Mattstall-Weide aufgetrieben, um 10 Uhr fand der Auftrieb auf der Riederen-Weide mit 13 Rindern aus Kandern und Kaltenbach statt, um 11 Uhr der Auftrieb der Jungbullen auf der Steinmättle-Weide, weitere acht Rinder grasen auf der Blaubuck-Weide – insgesamt 40 Stück Vieh in Marzell, verteilt auf vier Weideflächen.
In Lütschenbach fand der Weideauftrieb ebenfalls statt. Nach der Bioweide-Zertifizierung grasen erstmals 16 Biorinder und zehn konventionelle Rinder auf den Weiden des Weide- und Landschaftspflegevereins Lütschenbach. Der Viehauftrieb in Kaltenbach findet in der kommenden Woche statt. Zusammen mit Vogelbach werden es an die 50 Stück Vieh sein, die den Sommer auf den Weiden rund um Malsburg verbringen.
Während eines guten Weidejahrs werden die Rinder und Bullen zwischen 80 und 100 Kilogramm an Gewicht zulegen, sagt Florian Lindemer, Vorsitzender des Weide- und Landschaftspflegeverbands Marzell. Hauptsächlich sind es Limousin- und Charolais-Rinder, die als sehr robuste Rasse mit guter Fleischqualität gelten. Aber auch Fleckvieh und ein reinrassiges Hinterwälder Rind sind darunter. Die Marzeller Weiden sind bio-zertifiziert, 70 Prozent sind Biorinder, der restliche Teil konventionelle Rinder.
Rinder pflegen Landschaft
Der Marzeller Weideverband unterhält 30 Hektar gepachteter Weidefläche. Ursprünglich gehörten die Weiden einheimischen Bauern, deren Viehwirtschaft längst nicht mehr existiert. Ohne die Verbände, die die Viehbeweidung übernehmen, wären die Weiden längst zugewachsen. Die Rinder, die den Sommer über auf den Weiden grasen, sind Landschaftspfleger und sorgen für die Offenhaltung der Landschaft.
Weidewirtschaft betreibt niemand aus finanziellen Gründen. Im Gegenteil. Es ist ein bürokratischer und hoher zeitlicher Aufwand, Fördergelder müssen beantragt werden. Mitglieder leisten pro Weidesaison an die 600 Stunden Arbeitsaufwand. Die Weiden müssen gerichtet, Drähte gespannt, Pflöcke geschlagen werden, hinzu kommt die Kontrolle des Viehs, die von den Weidewarten ausgeführt wird. Und immer spielt ein wenig die Sorge wegen des Wetters mit. Wird es zu heiß, gibt es wenig Wasser, ist der Bewuchs entsprechend spärlich, bedeutet das ein frühes Ende der Weidesaison.
In Marzell ist man zuversichtlich, wie beim anschließenden Hock mit Grillen deutlich wurde. Die oberen Quellen schütten gut, das Gras ist gut gewachsen. Doch ein heißer Sommer kann alles verändern. Gedanken machen sich die Verantwortlichen auch um den Nachwuchs. „Wir wollen mehr Jugend miteinbeziehen“, sagt Florian Lindemer. Derzeit zählt der Verein 48 passive und 16 aktive Mitglieder – alles Männer. Von denen einige ihre Töchter und Söhne zum Weideauftrieb dabeihatten.
Tag für Kinder anbieten
Um Interesse zu wecken und über die Bedeutung der Weidehaltung aufzuklären, will der Verein im Sommer einen Tag für Kinder und Jugendliche anbieten, an dem sie mit auf die Weide können um einen Einblick erhalten, weshalb die Rinder jeden Sommer auf die Weide kommen – um die Landschaft im oberen Kandertal zu pflegen. Und was alles zu tun ist, damit diese so erhalten bleibt.