Die vor einem Jahr verstorbene Juliette Villemin bei Proben zu ihrem Stück „Die Seherinnen“; im Hintergrund sitzt Bernhard M. Eusterschulte. Von der Coronapandemie inspiriert, ging es der Choreografin 2021 um die Frage, wie wir ohne Worte kommunizieren. Foto: Daniela Wolf/DW

Vor einem Jahr starb Juliette Villemin überraschend. Seither ist ihr Team mit vielen Fragen konfrontiert – und mit Fördereinrichtungen, die auf solche Fälle nicht vorbereitet sind.

Mitten aus dem Leben gerissen – so heißt es, wenn der Tod einen Mensch plötzlich trifft, wenn Familie und Umfeld geschockt zurückbleiben. So war es auch, als im vergangenen Januar die in Stuttgart lebende Choreografin Juliette Villemin im Alter von 49 Jahren gestorben ist. Die gebürtige Spanierin wurde auch mitten aus dem Schaffen gerissen.

 

Mit welch schwierigen Entscheidungen das Team der Künstlerin durch deren überraschenden Tod konfrontiert war, das schildert stellvertretend Anika Bendel. „Für die freie Szene war völlig neu, dass ein künstlerischer Nachlass fortgeführt werden muss. Wir hatten zum Zeitpunkt des Todes von Juliette fünf unterschiedliche Projekte am Laufen“, erzählt die Tänzerin und Kulturmanagerin, die eng mit der Choreografin zusammengearbeitet hatte.

Weitermachen – oder alles abbrechen? Anika Bendel war nicht nur als Tänzerin in alle Projekte involviert, sondern hat diese verwaltet und war in Kontakt mit den Förderern. Sie kannte Passwörter und Planungsstände. „Ich wusste aber auch, welche zuwendungsrechtlichen Konsequenzen ein Abbruch gehabt hätte“, sagt Bendel. Da sie nicht mehr befugt war, hätten die Erben Verwendungsnachweise einreichen müssen – mit dem Risiko, dass Fristen und Auflagen nicht eingehalten werden. Schlimmstenfalls wäre Villemins Familie mit Rückforderungen von bis zu knapp 100 000 Euro konfrontiert gewesen.

Anika Bendel Foto: DW/Daniela Wolf

Gilt eine Vollmacht über den Tod hinaus?

„Wir wollten die Familie in dieser Situation nicht alleinlassen und mussten innerhalb kürzester Zeit die Zuständigkeiten juristisch klären“, erzählt Anika Bendel, hinter der ein intensives Jahr liegt. „Da war der große Verlust, den wir als Menschen erlebt hatten. Aber da waren auch die Förderinstitutionen, die mit unseren Fragen überfordert waren.“ Zum Beispiel beim Thema Vollmachten. Als formlose Zweizeiler seien diese für manche Projekte vorhanden, erklärt Anika Bendel. „Auf keiner steht aber, ob sie mit dem Tod erlischt.“

Schwierige Suche nach Gastspielpartnern

Das Team von Juliette Villemin, zu dem auch Bernhard M. Eusterschulte als Kooperationspartner und Luisa Budscherak als Musikerin gehörten, hat entschieden, alle Projekte abzuschließen. Dafür haben Bendel, Budscherak und Eusterschulte eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts gegründet. Offen war zum Beispiel das Projekt „The Unseen Sign“; für den bereits fertigen Teil „Die Seherinnen“ gab es eine Gastspielförderung. Doch Anika Bendel gelang es nicht, Spielorte aufzutun. „Gastspiele sind schon unter normalen Konditionen schwierig zu akquirieren“, kritisiert die Kulturmanagerin die Strukturen ihrer Branche. „Wenn wir schon schwer Veranstalter finden, die lebende Künstlerinnen einladen, wie soll das mit einer toten Künstlerin gelingen?“ Zum Glück stimmte der Förderer zu, stattdessen eine Dokumentation des Projekts als Filmpremiere zu zeigen.

Ein Abschluss, der sich gut anfühlte

Eine noch von Juliette Villemin organisierte Vorstellung ihrer letzten Produktion „Intimacy“ in Nürnberg stellte das Team vor die Frage, wie und ob die Wiederaufnahme ohne die Choreografin gelingen kann. „Trauen wir uns das auch emotional zu?“, erinnert Anika Bendel an die Zweifel der Mehrgenerationen-Besetzung, die Jüngste war damals 14 Jahre alt. „Wir haben dann entschieden, dass wir diesen Auftritt für Juliette machen wollen. Und es war für uns alle ein Abschluss auf der Bühne, der sich gut anfühlte.“

Filmporträt statt Bühnenproduktion

Auch für die anderen offenen Projekte konnte, insofern sie nicht an Schulen fortgeführt werden, die Förderung von ihrem ursprünglichen Zweck gelöst und Aufführungen zum Beispiel in filmische Konzepte überführt werden. „Juliette Villemin ist nicht mehr da. Es gibt niemanden, der ein Stück in ihrer Handschrift erarbeiten kann“, sagt Anika Bendel und ist zufrieden mit den gefundenen Lösungen.

Auch dass der Landesverband der freien Theater, der Juliette Villemin mit einer dreijährigen Konzeptionsförderung unterstützte, sich einverstanden damit erklärte, die Gelder vom vergangenen in dieses Jahr mitzunehmen, gehört zu den guten Nachrichten: „2023 war eine neue Produktion nicht denkbar. Jetzt wollen wir ein Filmporträt über Juliette machen, für das wir auf viel Material zurückgreifen können“, sagt Bendel.

Neue Tanzproduktion soll entstehen

Das grundlegende Thema über das Verhältnis von Privatem und Öffentlichem bleibt; Juliette Villemin sprach es in ihrem Stück „Intimacy“ an, auch im Film soll es anklingen. Unter dem Titel „The Community“ wird eine neue Tanzproduktion dazukommen, die künstlerische Leitung soll demnächst nach einer öffentlichen Ausschreibung vergeben werden. „Damit können wir die Arbeit von Juliette sichtbar und unsere besondere Situation transparent machen“, sagt Anika Bendel, die sich von Fördereinrichtungen wünscht, besser auf den möglichen Todesfall eines Künstlers vorbereitet zu sein. Diese Fragen will das Filmporträt aufgreifen.

Viel Arbeit für Villemins Team

Für Anika Bendel ist der Abschluss von Juliette Villemins Projekten auch Trauerarbeit. „Es fühlt sich an, als ob sie mich dabei unterstützt. Ich kann sie noch nicht loslassen und bin froh, dass ich ihre Erinnerung am Leben halten kann.“ Bis zum Auslaufen der Konzeptionsförderung Ende 2024 liegt ein intensives Jahr vor Villemins Team.

Info

Künstlerin
Juliette Villemin wurde in Bilbao in klassischem Tanz ausgebildet und studierte in Frankfurt Tanzpädagogik. Als Solistin hat sie am Hessischen Staatstheater in Wiesbaden und im Euskadischen Ballett in Bilbao getanzt; seit ihrem ersten Solo 2005 entstanden eigene Choreografien. Sie ist am 8. Januar 2023 in Stuttgart gestorben.

Nachlass
Anika Bendel, Bernhard M. Eusterschulte und Luisa Budscherak haben eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts gegründet, um Juliette Villemins Projekte abzuschließen. Die Tänzerin und Kulturmanagerin Anika Bendel kümmert sich ums Organisatorische. Der Regisseur Bernhard M. Eusterschulte ist weiterhin als künstlerischer Kooperationspartner in die kommenden Projekte involviert. Die Musikerin Luisa Budscherak führt die pädagogische Arbeit mit der Grundschule Gaisburg fort.

Film
Eine Dokumentation soll an die Arbeit von Juliette Villemin erinnern. Dafür sucht ihr Team nach Menschen, die möglicherweise für die Recherche relevantes Material besitzen. Ansprechpartnerin ist Anika Bendel (info@anikabendel.de).