Nie hatte Julia Nawalnaja eine politische Rolle angestrebt. Nach dem Tod ihres Mannes will sie nun das Werk Alexej Nawalnys fortführen.
Sie sitzt dort, wo stets ihr Mann saß. Sie wirkt entschlossen, auch wenn ihre Stimme brüchig ist. „Hallo. Ich bin Julia Nawalnaja. Es hätte ein anderer Mensch auf diesem Platz sein sollen, aber diesen Menschen hat Wladimir Putin getötet. Putin hat mir das Liebste genommen, was ich hatte. Und ich weiß, ihr habt nicht weniger verloren als ich“, sagt die Frau des in Haft umgekommenen russischen Oppositionspolitikers Alexej Nawalny in ihrer Videobotschaft am dritten Tag nach Bekanntwerden von Nawalnys Ableben. In neun Minuten macht die 47-Jährige auf dem Youtube-Kanal ihres Mannes deutlich, dass sie es nun ist, die seinen Kampf weiterkämpfen will. „Indem Putin Alexej tötete, tötete er auch eine Hälfte von mir, die Hälfte meines Herzens, die Hälfte meiner Seele. Aber ich habe noch eine andere Hälfte, und diese sagt mir, dass ich kein Recht habe aufzugeben“, sagt Julia Nawalnaja im Studio des „Team Nawalny“.
All die Jahre hatte sich die Moskauerin geweigert, eine politische Rolle einzunehmen. Sie war als kühl wirkende Frau an der Seite ihres Mannes zu sehen. Nun hat das Schicksal Julia Nawalnaja in eine neue Rolle gedrängt: „Ich werde die Sache meines Mannes fortführen, für ein wunderbares Russland der Zukunft, ein Land, wie Alexej sich das immer vorgestellt hatte“, sagt sie, die Trauer ist ins Gesicht geschrieben. Doch weinen wird sie auch dieses Mal nicht. Sie wird ihrem Ausspruch, vor Gericht vor Jahren geäußert, treu bleiben: „Diese Schweinehunde werden unsere Tränen niemals sehen.“
Als Nawalny 2021 nach seiner Vergiftung mit dem Nervengas Nowitschok und der Behandlung in Deutschland nach Moskau zurückgekehrt und an der Passkontrolle festgenommen worden war, sagte sie auf einer Demonstration: „Das Leben hat meinen Willen gestärkt, denn eine andere Möglichkeit, die Frau meines Mannes zu sein, gibt es nicht.“ Es war diese Vergiftung, die sie ins Rampenlicht rückte. Sie betrat die öffentliche Bühne, weil ihr Mann es nicht mehr konnte. Sie war es, die Putin bat, ihren Mann nach Deutschland ausfliegen zu lassen, sie forderte Dokumente von den Ärzten, gab Interviews. Die stille Frau war laut geworden. „Du hast mir das Leben gerettet“, hatte Nawalny in seinem erstem Post nach dem Koma bei Instagram geschrieben.
Sie hatten sich 1998 im Urlaub in der Türkei kennengelernt, er, der Jurist aus Moskau, sie, die an der Moskauer Plechanow-Universität Internationale Beziehungen studierte und später bei einer Bank arbeitete. 2000 heirateten sie, in dem Jahr, als Putin Präsident wurde. 2001 kam Tochter Darja zur Welt, 2008 Sohn Sachar.
Die Nawalnys führten seit 2010 ein Leben in der Öffentlichkeit, bei seiner Kampagne zur Präsidentenwahl 2018, zu der er nicht zugelassen wurde, waren Julia, Darja und Sachar stets mit dabei. Auch seine Verhaftungen bekamen die Kinder hautnah mit.
Nun leben Julia und Sachar wohl in Deutschland, Darja studiert in Kalifornien. „Ich spüre Zorn und Hass auf die, die es gewagt haben, unsere Zukunft zu töten. Es ist eine Schande, nun nichts zu tun“, sagt Julia Nawalnaja im Video, dessen letzte Bilder Alexej Nawalny zeigen, lächelnd.
Nicht überall kommen die Botschaften der Witwe an. Der Onlinedienst X hat Nawalnajas am Vortag eingerichtetes Konto am Dienstag kurzzeitig gesperrt. Angaben zu den Gründen wurden nicht gemacht.