Der Kleidungsstil der Neonazi-Szene hat sich verändert – und doch sind die Springerstiefel wieder zurück. Foto: Christoph Reichwein

Jugendliche Neonazis, die sich in Gruppen zusammenschließen: Davon hört man jetzt immer öfter. Wie groß das Phänomen ist und woher es kommt, erklärt ein Politikwissenschaftler.

Fünf junge Männer nahm die Polizei fest, als sie gegen die Neonazi-Gruppe „Letzte Verteidigungswelle“ vorging. Manche waren gerade 14 Jahre alt. Der Politikwissenschaftler Kazim Celik erklärt, wie sich die Neonazi-Szene verjüngt und verändert hat – und warum sie gerade für Jugendliche so attraktiv ist.

 

Herr Celik, es gibt immer häufiger Berichte über auffallend junge Neonazi-Gruppen. Wächst da eine junge Generation an Rechtsextremen nach?

Das ist nicht so leicht zu beantworten. Einerseits stimmt es, was Sie beschreiben: In jüngster Zeit scheint eine neue Szene rechtsextremer Jugendorganisationen entstanden zu sein. Ihre Zahl hat zugenommen, dazu zählen etwa Gruppen wie die „Elblandrevolte“ oder die „Letzte Verteidigungswelle“. Da gibt es einen Trend, den auch die Sicherheitsbehörden der Länder beobachten. Andererseits stimmt es nicht, dass rechtsextreme Einstellungen unter Jugendlichen verbreiteter seien als früher. Zumindest sagen unsere Daten etwas anderes.

Nämlich?

Wir untersuchen seit 2002, wie verbreitet rechtsextreme und autoritäre Einstellungen in Deutschland sind. Das Interessante ist: Der Anteil junger Menschen, die ein geschlossen rechtsextremes Weltbild haben, ist auf lange Sicht in etwa konstant. Er liegt seit 2012 recht stabil bei etwa fünf Prozent, 2024 sogar bei nur drei Prozent. Es gab also Phasen, in denen er höher war als jetzt.

Kazim Celik ist Politikwissenschaftler am Else-Frenkel-Brunswik-Institut in Leipzig. Foto: Andrea Rompa / Lichtbildwerkstatt

Wie passt das damit zusammen, dass es zugleich diese neuen jungen Neonazi-Gruppen gibt?

Die organisierte rechtsextreme Szene hat sich verändert. Sie tritt jetzt flexibler auf, sie ist ideologisch nicht so festgelegt und gibt sich auch äußerlich offener. Und sie sucht auf diesem Weg ganz bewusst den Anschluss an gesellschaftliche Debatten und jugendliche Lebenswelten. Wenn man das mit unseren Daten zusammennimmt, kann man davon ausgehen, dass Jugendliche nicht immer ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild haben, wenn sie sich solchen Gruppen anschließen. Oft sind es auch nur einzelne Überzeugungen, die sie besonders ansprechen.

Zum Beispiel?

Unsere Daten zeigen wie gesagt, dass es zwar nicht mehr junge Menschen mit einem geschlossenen rechtsextremen Weltbild gibt. Aber es gibt diese einzelnen Überzeugungen, die teilweise zugenommen haben – und die anschlussfähig für rechtsextreme Ideologien sind. Wir beobachten einen breiteren Zuspruch zu autoritären Haltungen, zu sexistischen oder antifeministischen Ansichten und zur Verschwörungsmentalität. Das alles passt zu den Ideen, die auch die neue Neonazi-Szene prägen. Sie sind wie eine Einstiegsdroge in den Rechtsextremismus.

Wenn es um Neonazis geht, denken viele an Männer mit Glatzen, an Bomberjacken und Springerstiefel. Stimmt dieses Bild?

Die Skinheads, die Sie beschreiben, waren vor allem in den 1980ern und 1990ern prägend für die Neonazi-Szene in Deutschland. Das änderte sich später – obwohl es seit Kurzem wieder vermehrt jugendliche Neonazis gibt, die genau diesen Look aufgreifen. Aber es gibt auch viele, die sich nicht so eindeutig kleiden. Neuere rechtsextreme Jugendgruppen greifen oft auf Musik und Kleidung zurück, die man eigentlich aus anderen jugendlichen Subkulturen kennt.

Zum Beispiel?

2014 ging in den Medien ein Bild herum, das einen jungen Neonazi mit Vollbart, Piercing und Jutebeutel zeigte. Er sah eher wie ein Hipster aus, städtisch und modern. Viele Neonazis wirken äußerlich heute harmloser als früher – was allerdings nichts daran ändert, dass diese Gruppen nach wie vor radikal und gewaltbereit sind. Aber dieser neue Look macht sie womöglich anschlussfähiger.

Was macht Rechtsextremismus für Jugendliche attraktiv?

Da kommt vieles zusammen. Jugendliche erleben diese Lebensphase ja ohnehin als krisenhafte Zeit. Es ist eine Phase des Übergangs, in der sie sich orientieren, eine eigene Identität bilden müssen. Das passiert oft in Abgrenzung zu gesellschaftlichen Normen – und radikalen Ansichten.

Das war ja immer so. Warum entsteht gerade jetzt diese neue rechtsextreme Szene?

Heute könnte man von einer verdoppelten Krise der Jugend sprechen. Wer jetzt jugendlich ist, wächst in einer besonders komplizierten und krisenhaften Zeit auf. In dieser Situation suchen viele Jugendliche nach Halt, nach klaren Ansagen– nach Weltbildern, die einfacher sind als die Realität. Dieses Bedürfnis können rechtsextreme Gruppen gut bedienen. Hinzu kommt: Auch durch die AfD sind rechtsextreme Ideen stärker normalisiert worden. Deshalb erreichen sie mehr Jugendliche.

Zur Person

Politikwissenschaftler
Kazim Celik, Jahrgang 1993, hat Politikwissenschaft in Duisburg studiert. Inzwischen ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Else-Frenkel-Brunswik-Institut für Demokratieforschung und Mitglied des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung an der Universität Leipzig.

Polarisierung
Celik beschäftigt sich insbesondere mit gesellschaftlicher Polarisierung und der Frage, wie wahrgenommene Bedrohung dazu führen, dass junge Menschen sich radikalisieren.