Die Millennials fangen an, ihre Jugend aufzuarbeiten. In Büchern und Podcasts wagen sie sich an die Frage: Wo kommen wir her? Und warum kracht es ständig mit den Boomern?
Wenn Altersgenossen Autobiografien schreiben, merkt man, dass man alt wird. So ergeht es den Millennials, den zwischen 1980 und 1995 Geborenen, dieser Generation, die glaubte, nie erwachsen zu werden – auch wenn einige von ihnen längst 40 sind. In Büchern und Podcasts stellen sie jetzt die Frage: Woher kommen wir eigentlich?
Der Journalist Niclas Seydack, Jahrgang 1990, beschreibt in „Geile Zeit“ (Tropen, 17,99 Euro) sein Erwachsenwerden von der heilen Welt der 90er mit „Wetten, dass?“ und Gameboy über Nine Eleven, Wirtschaftskrisen, Kriege bis zur Isolation aller in der Pandemie. Dabei ist der Titel, der an ein Lied der Band Juli erinnert, zwiespältig. Denn wie sich herausstellt, ist die geile Zeit, wenn es sie je gab, für die Millennials wohl endgültig vorbei.
Millennials fragen sich: Ist die „geile Zeit“ endgültig vorbei?
Sie sind 40, aber wissen längst, ein Haus können sie sich nicht mehr leisten. Vom Status der Dauerpraktikanten sind sie geräuschlos in eine schlecht bezahlte Teamleitung gerutscht, während sich jetzt alle nur noch für die Sonderwünsche der selbstbewussten Aktivisten aus der jüngeren Generation Z interessieren.
Seydack ist nicht der Einzige, der wissen will, wie es so weit kam, in Podcasts wie „hdgdl“ sprechen Moderatoren nostalgisch über ICQ, Moorhuhn, Nachmittagstalkshows, StudiVZ und Eastpak-Rucksäcke. Als könnte man so in dem gemeinsam Konsumierten etwas finden, das erklärte, warum zuerst alles so leicht und dann so schwer war. Im Lied „Geile Zeit“ heißt es: „Hast du geglaubt, hast du gehofft, dass alles besser wird? Hast du geweint, hast du gefleht, weil alles anders ist?“ Bei Älteren gelten Millennials als „Snowflakes“, eine verweichlichte Jammergeneration ohne Visionen.
Egal für wie sinnvoll man diese seit Florian Illies „Generation Golf“ übliche Einteilung von Alterskohorten und entsprechende Zuschreibungen erachtet, der Blick darauf, wie bestimmte Jahrgänge aufwachsen, was sie prägte, erhellt am Ende auch ein wenig die Bedingungen des Zusammenspiels mit jenen, die vor ihnen waren und denen, die nach ihnen kommen.
Katastrophen und Kriege
9/11, die Amokläufe in Erfurt und Winnenden, die Gewalt an der Rütli-Schule, die Killerspiele, von denen das Moorhuhn noch das harmloseste „Ballerspiel“ war – für die Millennials „ist die Welt schon immer kaputt gewesen“, meint Niclas Seydack. „Spätestens seit dem Septembernachmittag, an dem meine Schwester und ich vom Sofa aus zusahen, wie Menschen aus brennenden Häusern sprangen.“ Auch andere Generationen haben Kriege gesehen, der Unterschied aus Sicht der Millennials: „Uns wurde die Welt versprochen, und es stellte sich heraus: Wir waren die Ersten, denen es niemals besser gehen wird als unseren Eltern.“ Die Nachbeben von 9/11, der Terror verunsicherte diese Generation: „Wenn es stimmte, dass Angst entweder müde oder wütend macht, lebten wir im Wachkoma.“
Soziale Netzwerke
Es war tatsächlich einmal etwas Besonderes, ein Profil im Netz zu haben, über das man mit anderen kommunizieren konnte. Mit dem Nokia 3310 konnte man sich zwar noch nicht bei allem, was man gerade erlebte, filmen, aber man begann, daheim am PC zu chatten bei ICQ („ah-oh“). Chats bestanden aus Aneinanderreihungen von Abkürzungen wie „hdgdl“ (Hab dich ganz doll lieb) oder klangen wie in Niclas Seydacks Erinnerung: „na du hurensohn ^^ was machste? – chillen xD und du? – auch chillen – cool“. Man „gruschelte“ einander bei Studi-VZ, wo Studenten anfingen, über Gruppen den eigenen Charakter hervorzuheben, die Gruppen hießen etwa: „Ich leb in meiner eigenen Welt. Das ist OK, man kennt mich dort“ , „Riskiere lieber alles fallen zu lassen als zweimal zu gehen“. Im Rückblick stellt man fest, dass damals wahnsinnig interessante Typen heute in einer Kleinstadt Deutschlehrer sind.
Lücke im Lebenslauf
Vor nichts wurde diese Generation so oft gewarnt wie vor der Lücke im Lebenslauf. Lehrer und Eltern bläuten den Schülern der Nullerjahre ein, sich anzustrengen für die „besten Chancen auf dem Arbeitsmarkt“, idealerweise sollten jetzt alle Chinesisch lernen. Sonst würde man in einer RTL-Reality-Soap oder auf dem Sofa von Stefan Raab landen und ein Versagerleben führen. Daher war die Studienzeit der Millennials rastlos, sie sind so gut gebildet wie kaum eine andere Generation: Freiwilligenarbeit, mehrere Studienabschlüsse, politisches Engagement und unzählige Praktika sind Standard. Ironie des Schicksals: Heute ist die Lücke für Personaler der interessanteste Teil eines Lebenslaufs.
„Komasaufen“ und Pornos
Was musste man sich um diese Jugend sorgen! Enthemmt wendete sie sich dem „Komasaufen“ zu – trank auf Parkbänken, womit die Industrie sie netterweise an den Alkohol heranführte, süß und klebrig: Alkopops. Sex kennen Millennials von Portalen wie YouPorn. Pornos gab es überall im Internet. Niclas Seydack schreibt: „Für mich war es ein ungewohnter Gedanke, dass es beim Sex auch um die Frau gehen könnte. Sex lernte ich als Vergnügen für Männer kennen. Bei YouPorn hatten Frauen vor allem Spaß daran, unterwürfig zu sein.“ Mädchen präsentierten Brüste auf dem Schulhof plötzlich in üppigen Push-up-BHs, aus jeder Jeans blitzte ein Stringtanga hervor: immer sexuell verfügbar. Erst Charlotte Roches Buch „Feuchtgebiete“ veränderte 2008 etwas und zeigte Sex anders: offener, ehrlicher, aus weiblicher Sicht.
Arbeitsleben und geplatzte Rententräume
Die Jugend der Millennials war lang, viele haben erst mit 30 angefangen zu arbeiten. Man hörte nichts so oft wie die Frage: „Weißt du schon, was du danach machen willst?“ Im Arbeitsleben angekommen fühlen sich viele heute noch als Hochstapler. Was man praktiziere, sei eine „ziemlich reale Simulation eines erwachsenen Berufslebens“, schreibt Niclas Seydack. Dabei sind die Millennials trotzdem in ein bürgerliches Leben gerutscht, dem sie mit Tischkicker, Skaterhosen und Urlauben mit dem Nachtzug wie damals mit Interrail zu entfliehen versuchen. „Wir haben nicht die Welt verändert, wir haben nur aufgehört, Hemden zu bügeln“, schreibt Seydack. Traurig wird der Millennial beim Blick auf den Rentenbescheid: „Ich sah die Summe, von der ich einmal leben sollte. Es war nicht einmal so viel wie meine aktuelle Monatsmiete.“
In der Arbeitswelt sind die Boomer, die schon als Lehrer nervten, der größte Feind der Millennials: „ Wir arbeiten für Chefs, die sechsstellig verdienen, aber uns brauchen, um den Anhang einer Mail auszudrucken.“ Von ihnen werden Millennials verspottet für ihren nachhaltigen Lebensstil. Was schließen Millennials daraus? „Wir können für die Jüngeren die werden, die wir nie hatten: die besten Chefs, Lehrer und Eltern, die wir sein können.“