Jeden Abend Rambazamba und öfter mal die Polizei im Haus: Der ehemalige Fördervereinsvorsitzende Matthias Cramer (von links), Siegfried Kögel vom Kinder- und Jugendreferat und Volker Schmitz. Quelle: Unbekannt

Turbulente Zeiten begleiteten die Anfänge des F23, ehemals Kijuz. Volker Schmitz war damals mit dabei und erinnert sich an eine Hausbesetzung und Streitigkeiten.

Freudenstadt -

Herr Schmitz, vor 50 Jahren waren Sie als damals 19-Jähriger bei der Gründung des Kijuz mit dabei. Wie kam es dazu?

Ich war schon vorher mit dabei, Ende 1970, Anfang 1971 haben wir hier angefangen. Damals gab es den Kreisjugendring. Der wollte ein Angebot für Jugendliche schaffen und hat uns als Jugendliche angesprochen, ob wir uns daran beteiligen. Oben im Haus, neben der Küche. Und wir haben das dann als Jugendliche toll gefunden. Das war ein Raum für uns, da können wir was machen. Damals war oben, wo jetzt die Küche ist, die Wand noch geschlossen. Da haben wir eine kleine Bar aufgebaut mit einem Holztresen. Ich war damals Schüler am Gymnasium.

Gab es vorher Angebote für Jugendliche?

Eigentlich gar nicht. Wir waren auf der Straße. Damals hat man gemeint: Was sollen die Jugendliche ein Haus haben? Die sollen was schaffen. Da hat man auf den Acker zu gehen. Das war ja total anders wie heute.

Nun hatten Sie also den Raum oben im heutigen F23 eingerichtet, gemeinsam mit dem Kreisjugendring. Hat das dann gut funktioniert?

Nun, es ging dann zum Beispiel um die Frage nach dem Alkohol. Darf man Bier trinken? Darf man kein Bier trinken? Und wenn man dann 18 ist, will man vielleicht doch ein Bier trinken. Und dann ist der Vorsitzende vom Kreisjugendring dagestanden, der damals schätzungsweise 45, 50 war, und dann immer gesagt hat: "Ihr müsst das so machen, ihr müsst das so machen." Das haben wir uns nicht gefallen lassen. Wir haben da oben einen Getränkebereich gehabt. Die Leute sind dort hingekommen. Aber dann hat es immer geheißen: Um 21 Uhr ist Schluss. Und da haben wir dann aufbegehrt. Wenn wir dort schon geschafft haben, dann wollten wir auch wirklich was dort machen. Wir haben gesagt, das kann nicht sein. Wir haben das da oben gebaut, und dann wollen wir das auch öffnen und zwar nicht nur zwei Stunden, sondern auch vier Stunden und nicht nur mittags. Das haben wir dann auch gemacht und haben da eine kleine Revolution aufgebaut.

Eine Revolution?

Wir sind in den Kreisjugendring gegangen und haben uns dort in den Vorstand wählen lassen und haben den Vorsitzenden abgesetzt. Ich war auch mal als Vorsitzender dabei – es wurden alle rausgeschmissen, im Grund genommen. Wir haben praktisch den Verein übernommen. Aber dann kam schließlich wieder ein anderer Jugendlicher als Vorstand, der mit uns nichts mehr zu tun haben wollte. Und dann haben wir das hier besetzt.

Sie haben das Haus besetzt? Einfach so?

Ja. Eigentümer war damals die Stadt. Begeistert war sie nicht. So was geht ja gar nicht. Aber was wollte sie machen, wenn wir da oben drin sind? Wir haben dann einen gehabt, der hat dann immer hier geschlafen und geöffnet und gemacht – in der Zeit – und das sind solche Dinge, die die Stadt nicht hinkriegt. Unten war damals noch eine Behindertenschule drin. Oben haben wir alles gerichtet, mit bunten Türen, und hatten dort auch unseren Raum für die Schülerzeitung Sik. Dann gab es da noch ein paar andere Jugendliche, die haben was anderes gemacht. Aber das war okay, man hat das hingekriegt.

Wie ging es dann weiter? Heute ist das F23 ein etabliertes Jugendzentrum.

1972 war es dann so, dass ich zur Bundeswehr musste. Dann war ich hier weg und habe nicht viel mitbekommen, was hier passiert ist. In dieser Zeit kamen dann Gemeinderäte und engagierte Bürger und haben das in die Hände genommen. Dann war das hier der Treffpunkt für alle möglichen Leute, das fand ich eigentlich auch ganz gut. Es gab dann ja den Verein, der das ganze organisiert hat. Damals hieß er noch Förderkreis, später wurde der Förderverein daraus. Das Jugendamt hat dann auch Sozialarbeiter gestellt. Aber eineinhalb, zwei Jahre hatten wir das in den Händen und haben das auch gut ohne Förderkreis geschafft. Da haben wir keinen gehabt, der uns geholfen hat, das haben wir schon selbst gemacht. Dann war dort das Jugendzentrum, und das war auch ganz gut. Da ist viel gemacht worden, man hatte sehr viele Veranstaltungen in dieser Zeit. Das war wirklich ein Bereich, wo Kultur gemacht worden ist. Wir hatten hier beispielsweise Theater und Kino.

Gehen wir ein wenig weiter. Nachdem das Jugendzentrum gegründet war und der Förderkreis die Verantwortung übernommen hatte, waren Sie weiter aktiv?

Dann war ich ja beim Förderkreis mit drin. Man brauchte Leute, die Veranstaltungen mitmachen. Donnerstags, freitags und samstags. Und da war noch die linke Partei, die waren eben mehr freitagabends da. Und wir haben für das Jugendzentrum eben samstags was gemacht. Es gab eben viele junge Leute mit 20,25, die das hier abends gemacht haben. Bei uns ging es bis morgens um 4 Uhr. Wir haben zwischen 24 und 1 Uhr zugemacht. Für die Leute hinter der Bar galt grundsätzlich: kein Alkohol, bis wir zumachen. Danach haben wir bis 4 Uhr hier gesessen und unser Bier getrunken. Aber es war wichtig, dass immer jemand da war, der einen klaren Kopf bewahrt hat.

Hat es den gebraucht?

Das Problem war immer, wenn es hier Alkohol gegeben hat, gab es auch die Leute, die da über die Stränge geschlagen haben. Wir haben Schlägereien gehabt und alles – wir haben da mit der Polizei zu tun gehabt. Es gab immer wieder Turbulenzen, weil Betrunkenen reingekommen sind, angefangen haben zu krakeelen und zu schlagen. Wir haben natürlich die Polizei geholt. Die Betrunkenen sind sofort weggegangen, wenn wir die Polizei gerufen haben. Dann haben wir die Beamten gebeten, von unten hochzulaufen, dann haben sie sie noch erwischt. Ich bin auch als Zeuge vor Gericht gestanden. Die Schlägereien haben wir innen drin aber nicht so gehabt. Wir haben sie sofort genommen und nach draußen gebracht. Von 1992 bis 2015 habe ich hier Veranstaltungen mitgemacht.

Warum haben Sie so lange weitergemacht?

Wenn wir als Jugendliche dabei waren, dann mit Herzblut für diese Dinge. Es ging auch darum, dass man abends mit Jugendlichen was machen kann, rumsitzen, einen Film schauen. Ich bin da eben reingewachsen. Und nicht allein, es waren auch andere dabei. Mittlerweile bin ich Opa und passe nicht mehr so recht ins Jugendzentrum. Das F23 – den Namen finde ich nicht gut. Der hat keinen Aussagebereich. Mir wäre "Murgtäler Hof" lieber gewesen. So hieß das Haus ganz früher, als hier noch ein Hotel drin war.

n Die Fragen stellte Wiebke Jansen