Emily und Lisa Wernz, die Gründerinnen von „Feministisches Dorfgeflüster“, sprechen im Interview darüber, wieso man 2023 noch Feminismus braucht, was konkret für mehr Gleichberechtigung getan werden muss und wie sie gelernt haben, mit Konflikten umzugehen.
Vor drei Jahren haben die Schwestern Emily (23) und Lisa Wernz (27) aus Dunningen (Kreis Rottweil) eine WhatsApp-Gruppe gegründet. Heute hat „Feministisches Dorfgeflüster“ (FDG) mehr als 160 Mitglieder und ist ein eingetragener Verein. Im Interview sprechen die zwei Schwestern darüber, wieso Austauschräume vor allem auf dem Land so wichtig sind und wieso man seine Meinung manchmal auch für sich behalten sollte.
Wie weit sind wir im Jahr 2023 beim Thema Feminismus?
Emily: Wichtig ist, dass Länder und Kontinente unterschiedliche Geschichten, Entwicklungen und einen anderen Zugang haben. Obwohl gemeint werden kann, dass wir ja längst eine Gleichberechtigung haben, blüht der Feminismus ganz schön, ist aktiv, laut und streitet, hat intern selbst unterschiedliche Ansätze und Visionen. Wir sind dankbar für das, was in den letzten Jahrzehnten feministisch erreicht wurde. Gleichzeitig wollen wir weiterhin auf noch bestehende Missstände aufmerksam machen.
Was bedeutet Feminismus für Euch überhaupt?
Lisa: Für mich bedeutet Feminismus im ersten Schritt, anzuerkennen: Ja, da ist noch eine Ungleichheit in den Geschlechterthemen. Im zweiten Schritt würde ein Feminist dann sagen: Ich sehe mich in der Mitverantwortung und möchte mit verändern. Allgemein geht es meiner Meinung nach im Feminismus vor allem darum, eine Wahl zu haben – nicht darum, jemandem etwas abzusprechen.
Warum muss man Menschen heute noch erklären, dass Feminismus auf keinen Fall Männerhass bedeutet?
Emily: In den 1960er- und 1970er-Jahren wurden immer wieder „Kampffrauen“ auf der Straße gezeigt. Das hat ein Bild suggeriert: So sind diese Art von Frauen. Dieses Mittel wurde benutzt, um die Bewegung klein zu halten. Das Bild wurde über Generationen weitergegeben und gibt es heute noch.
Lisa: Das ist auch einfach nicht richtig, wir hassen keine Männer. (lacht)
Ihr habt als Schwestern „Feministisches Dorfgeflüster gegründet. Seid Ihr denn selbst nach einem feministischen Weltbild erzogen worden?
Emily: Unterbewusst. Das Thema ist bei uns früher nie groß zum Vorschein gekommen. Ich denke aber, dass unser Umfeld uns selbstbewusst erzogen hat. Dass wir an unsere Träume glauben sollen, aber auch Dinge hinterfragen sollen.
Was wollt Ihr mit „Feministisches Dorfgeflüster“ konkret erreichen?
Emily: Wir lieben den ländlichen Raum, aber hier fehlen uns die unterschiedlichen Perspektiven. Es fehlt, sich mit Menschen in Verbindung zu setzen, die ähnliche Ansätze haben. Als wir angefangen haben, haben wir schnell bemerkt: Es gibt viele andere Menschen, die die gleichen Dinge bewegt. Wir geben Menschen die Wahl, sich darüber zu informieren. Sie müssen nicht mit uns übereinstimmen, aber es gibt die Möglichkeit, in einen Diskurs zu gehen und neue Perspektiven kennenzulernen- für alle.
Was hat sich seitdem für Euch persönlich verändert? Eckt Ihr irgendwo an?
Lisa: Es gab verschiedene Phasen, wie wir mit Konflikten umgegangen sind. Es war nicht immer einfach. In Rottweil haben wir zum Beispiel eine Fahne zum Weltfrauentag aufgehängt. Die wurde innerhalb von 24 Stunden geklaut. Solche Momente gab es immer wieder. Am Anfang sind wir sehr emotional mit sowas umgegangen. Das hätten wir so nicht lange durchgehalten.
Emily: Heute haben wir gelernt, wie man mit Menschen anderer Meinung spricht und wann wir unsere Meinung teilen. Dadurch ist es mittlerweile friedlicher.
Was habt Ihr mit der Initiative FDG noch vor in der Zukunft?
Lisa: Unser Traum ist es, ein Netzwerk von FDGs in Deutschland aufzubauen. Deutschlandweit kommen immer wieder Nachrichten von Menschen, die sagen: Wir wollen das auch. Wir wollen unser Wissen teilen und Menschen hierfür ausbilden – und hoffen, dass wir irgendwann ganz viele FDGs in Deutschland haben.
Engagieren sich auch Männer bei Euch?
Emily: Ja! Es ist natürlich der kleinere Prozentteil, aber die gibt es auf jeden Fall. Die Gruppe ist für alle geöffnet – für alle Menschen, die darauf Lust haben sich über die Themen zu informieren und neue Perspektiven kennen lernen wollen.
Was muss noch passieren, dass Männer und Frauen in Deutschland gleichberechtigt sind?
Lisa: Es müssen Austauschräume her, wo sich Menschen über diese Themen Gedanken machen können. Natürlich muss die Politik auch strukturelle Programme entwerfen, die diese Probleme aufzufangen versuchen. Aber am Ende muss vieles im Kleinen passieren: Wir müssen in unseren Familien und Freundschaften anfangen diese Themen sichtbar zu machen und darüber zu sprechen.
Dafür müsste man auch die Menschen erreichen, die mit Feminismus bisher nicht zu tun haben. Wie ist das zu schaffen?
Emily: Ich hatte selbst vor einigen Jahren noch nichts mit diesen Themen am Hut. Ich war gegenüber vielen Dingen noch ganz anders eingestellt. Mir hat es geholfen, dass Menschen mit mir gesprochen haben und mir gegenüber Geduld hatten. Darüber bin ich dankbar. Deshalb will ich auch niemandem etwas aufzwingen. Am Ende geht es wieder darum, Räume zu schaffen, in denen auch andere Meinungen akzeptiert werden.