Vom Streifendienst bis zum Konstanzer Polizeipräsidenten: Jürgen von Massenbach-Bardt erzählt, warum ihn die Polizei reizte – und wo er den Schwarzwald-Baar-Kreis sieht.
Jürgen von Massenbach-Bardt leitet seit Mitte des Jahres das Polizeipräsidium in Konstanz. Mit welchen Herausforderungen er es zu tun hat und wie er persönlich tickt, das ist im Interview zu erfahren.
Herr von Massenbach-Bardt, seit Juli leiten sie das Polizeipräsidium Konstanz – aber warum musste es zu Beginn ihrer Laufbahn, 1985, die Polizei sein?
(lächelt) Ich hatte einen Freund, der damals beim Bundesgrenzschutz angefangen und viel erzählt hat. Das hat mich interessiert, aber ich wollte nicht ganz so weit weg und auch nicht an die Grenze. Ich bin in einer kleinen Gemeinde aufgewachsen im Alb-Donau-Kreis und hatte dort Kontakt zum zuständigen Polizeiposten – da war eigentlich immer schon eine Affinität zur Polizei da. Außerdem habe ich gern Sport gemacht und wollte einen vielseitigen Beruf.
An der Basis waren Sie aber nur die ersten neun Jahre, dann kam Büroarbeit...
Ja, das ist der übliche Weg, wenn es Richtung höherer Dienst geht. Ich habe in Biberach meine Ausbildung gemacht. Mit einem guten Kollegen und Freund aus der Ausbildung bin ich dann schnell in den Streifendienst in Böblingen gewechselt. Ich wollte die Polizei des Großraums erleben und auch mal ungebunden von zu Hause sein. Danach hat sich der weitere Weg ergeben – das Studium an der Hochschule in Villingen-Schwenningen für den gehobenen Dienst, nochmals Streifendienst als Dienstgruppenleiter, und dann gab es schon erste Vorüberlegungen in Richtung höherer Dienst.
Dann haben Sie also Qualifikationen erworben für eine höhere Leitungsfunktion?
Genau. Ich durfte zum Beispiel bei einem Einsatz mitplanen anlässlich eines großen Parteitags der Republikaner in Böblingen-Sindelfingen. Ein Jahr war ich in der Revierleitung in Schorndorf tätig, quasi in der Vorsichtung für den höheren Dienst. Und ich habe in der Landespolizeidirektion in Stuttgart mitgearbeitet. Das Ministerium, nach Abschluss der Ausbildung zum höheren Dienst, war auch eine Station – die möchte ich nicht missen, weil man dort auch lernt, wie strategisch die Polizei entwickelt wird und funktioniert. Ich habe dort zum Beispiel im Bereich Aus- und Fortbildung mitgearbeitet. Dieser Punkt hat sich dann sehr stark verfestigt, indem ich Dozent wurde an unserer Hochschule.
Und schließlich landeten Sie hier. Vermissen Sie das, was Sie einst zur Polizei gelockt hat, manchmal?
Jetzt nicht mehr. Ich bin zwar nicht mehr auf der Straße unterwegs, aber die Themen, die die Polizei unmittelbar betreffen, beschäftigen mich ja auch. Natürlich spielt Personal hier eine ganz große Rolle, und das Budget eines Präsidiums, die Organisation und Liegenschaftsthemen. Aber vor allen Dingen auch die aktuelle Lage. Jeder Morgen beginnt damit, dass ich mir die Lage anschaue – was ist passiert, gibt es besondere Vorfälle, wie kommen wir mit bestimmten Kriminalitätsentwicklungen zurecht?
Welche Rolle hat bei dieser Lage-Sondierung der Schwarzwald-Baar-Kreis?
Der Schwarzwald-Baar-Kreis ist kein Kreis mit ausgeprägten Besonderheiten – in Konstanz beispielsweise haben wir die Grenze zur Schweiz und die Seesituation, das ist eine Konstellation, die den Landkreis Konstanz in gewisser Hinsicht speziell macht.
Wir haben aber bei Blumberg doch auch eine Grenze.
Ja, aber nicht in dieser ausgeprägten Form wie in Konstanz. Das ist eine andere Situation.
Und wie ist im Schwarzwald-Baar-Kreis das Kriminalitätsgeschehen?
Es lässt sich eigentlich für den gesamten Zuständigkeitsgebiet des Präsidiums Konstanz sagen: Wir haben eine relativ stabile Situation. Wenn wir uns die Straftaten pro 100 000 Einwohner anschauen, gibt es keine Riesenschwankungen. Wir leben im Vergleich zu anderen Regionen, also Ballungsräumen, vergleichsweise sicher, haben hier keine Kriminalitätsbrennpunkte und liegen auch in der Häufigkeitszahl eher unter dem Landesschnitt.
In Trossingen strengt man sich diesbezüglich mit einem besonderen Mittel an: Kameraüberwachung. Das wollen auch andere Städte, etwa Villingen-Schwenningen, doch rechtlich ist das schwierig. Aber wäre das nicht aus Polizeisicht wünschenswert?
Für uns gilt in erster Linie das Recht. Eine Kameraüberwachung können wir als Polizei nur auf Basis des Polizeigesetzes und unter Datenschutzgesichtspunkten einrichten. Und das erfordert klar nachweisbare Kriminalitätsschwerpunkte. Der Nachweis muss quasi rechnerisch erbracht werden, ich kann nicht mit Einschätzungen kommen, sondern muss das faktisch beweisen. Aber ja, wenn wir an der einen oder anderen Stelle leichter aufnehmen könnten, würde uns das schon helfen. Das setzt aber voraus, dass bei einer Kameraüberwachung auch Personal am Bildschirm sitzt. Das ist natürlich personalintensiv.
Und zehn Prozent der Stellen bei der baden-württembergischen Polizei sind ja aktuell unbesetzt, die Rede ist auch von Überlastung...
Ja, auch wir haben aktuell nicht alle Stellen besetzt. Hier bedarf es einer kontinuierlichen Entwicklung.
Wie viele sind frei?
Das schwankt. Und wir bauen gerade Personal auf. Natürlich haben wir eine angespannte Personaldecke. Personal können Sie nie genug haben. Und es kamen auch Anforderungen und Aufgaben dazu – etwa das ganze Thema IT-Kriminalität – die bei Personalberechnungen vor Jahren noch nicht in dieser Quantität aufgelaufen sind. Wir stellen ja round about 1300 Polizistinnen und Polizisten pro Jahr ein im Land. Ich hoffe, dass dieser Korridor beibehalten wird.
Und wie viele Polizisten gibt es im Präsidiumsbereich und wie viele im Schwarzwald-Baar-Kreis?
Wir haben jetzt rund 1300 Polizistinnen und Polizisten im Polizeipräsidium in Konstanz. Auf die Landkreise bezogene Zahlen sind schwierig, da wir diverse zentrale Organisationseinheiten haben, die kreisübergreifend im Einsatz sind.
1300 Polizisten im Präsidiumsbereich ist also ihr Ist-Zustand – und was fehlt zum Soll?
Wir müssen uns auf jeden Fall anstrengen. Die Einstellungsoffensive muss weitergehen, das ist gar keine Frage. Aber das kann aus meiner Sicht nur sukzessive passieren.
Wie ist Ihr Eindruck, herrscht auch hier Fachkräftemangel?
Wir hatten Situationen, in denen wir Schwierigkeiten hatten, genügend Personal zu kriegen. Die scheinen jetzt vorbei zu sein. Laut Trendbarometer haben wir ein sehr gutes Standing und gelten als attraktiver Arbeitgeber.
Aber: Auch bei der Polizei wird gespart, das wirkt sich auf die Attraktivität aus. Sorgt die Ankündigung, dass Polizisten bald fürs Parken am Revier zahlen müssen, für Unruhe? Und stimmt die Ausstattung?
Also die Reviere habe ich mir jetzt angesehen. Natürlich ist nicht jedes Revier ein Neubau und entspricht den neuesten, vielleicht auch optischen Anforderungen. Aber es lässt sich in den Revieren aus meiner Sicht ganz gut arbeiten. Und wo nötig, stehen wir mit Vermögen und Bau im Kontakt für Verbesserungen. Und klar: Dass das Parken selbst gezahlt werden muss, wünscht sich keiner. Aber es ist eine politische Entscheidung, ein Landeskonzept, dass alle Parkplätze des öffentlichen Bereichs Baden-Württembergs bewirtschaftet und Gebühren erhoben werden.
Wie hoch werden die sein?
Das kann ich Ihnen jetzt nicht genau sagen, aber es sind Beträge, die sich auf den Monat betrachtet schon machen lassen. Etwas günstiger, glaube ich, als das Deutschland-Ticket. Unternehmen der freien Wirtschaft können das anders angehen – das Land steht aber auch in der Pflicht gegenüber dem Steuerzahler.
Andererseits sind die Polizisten ja im Schichtdienst und häufig nachts tätig – konnte man dafür keine Ausnahme erwirken?
Ja, in der Tat könnte man so argumentieren – aber dieser Argumentation wird landesweit nicht gefolgt, das können wir hier in Konstanz nicht ändern.
Kennen Sie als Polizeipräsident für viele Landkreise eigentlich noch alle Sorgen, Nöte und Themen vor Ort?
In Details wäre das sicherlich der falsche Anspruch. Ich muss die Entwicklungen kennen, deswegen bin ich vor Ort gegangen und will das auch weiterhin immer wieder tun. Und es gehört auch dazu, den Kontakt zu den kommunalen Vertretern zu halten. Die Polizei wirkt im öffentlichen Raum, wirkt in der Stadt, im Ort, im Dorf, wird dort wahrgenommen. Ich kann nicht über jedes Detail Bescheid wissen. Dafür gibt es nicht ohne Grund 13 Polizeireviere mit Revierleitungen und 18 Polizeiposten.
Wie sprechen Sie sich ab?
Wir besprechen uns regelmäßig auf verschiedenen Ebenen. Der Präsidiumsbereich umfasst 110 Kilometer in der Länge – deshalb machen wir viele Besprechungen hybrid.
Wenn er abends all die Besprechungen hinter sich hat und die Uniform am Nagel hängt – was macht der Freiherr von Massenbach-Bardt dann in seiner Freizeit?
Abendessen beispielsweise! (lacht) Ja, ich versuche tatsächlich auch mal nicht zu arbeiten. Ich möchte nicht das Signal geben, dass ich nachts irgendwann Mails verschicke, es gibt auch einen Teil des Tages außerhalb der Arbeit. Dann lese ich gerne Zeitung oder etwas anderes, schaue Nachrichten oder auch mal einen Film.
Aber keinen Krimi, oder?
Doch! Ich glaube, viele Polizisten gucken den Tatort oder Krimis. Das ist ganz normal, man will ja unterhalten werden, auch wenn es vielleicht nicht viel mit der Realität zu tun hat.
Ihre Arbeit erkennen Sie darin also nicht wieder?
In vielen Fällen hat es wirklich nichts mit der Realität zu tun. Also mir persönlich geht es so: Je länger man dabei ist, desto weniger guckt man sich das an, weil es meistens hinten raus, in der entscheidenden Phase, zu wenig an der Realität dran ist. Ich habe versucht, mich also auch mit vielen anderen Themen zu beschäftigen und ein bisschen abzuschalten – also lese ich gerne, oder hier am Bodensee kann man auch gut schwimmen gehen, und ich fotografiere gerne – den Kopf frei zu machen für den nächsten Tag, das ist wichtig.
Der Interviewte
Jürgen von Massenbach-Bardt
Im Juli übernahm der 59-Jährige die Leitung des Polizeipräsidiums Konstanz und damit Verantwortung für rund 1500 Mitarbeiter. Er bekleidete bereits mehrere Spitzenämter bei der Polizei in Baden-Württemberg und war in der Hochschule für Polizei als Leiter des Stabs, Leiter des Instituts Fortbildung und zuletzt als Vizepräsident tätig. IN den Polizeidienst eingetreten ist er 1985.