Villingens-Schwenningens Oberbürgermeister Jürgen Roth spricht im Jahresinterview über seine Meilensteine, den fehlenden direkten Bürgerkontakt und die Doppelstadt in 50 Jahren.
Villingen-Schwenningen - Seit bald drei Jahren ist Jürgen Roth Oberbürgermeister von Villingen-Schwenningen. Im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten gibt der 58-Jährige einen Einblick in die aktuellen Herausforderungen.
Herr Roth, wie lautet ihre Bilanz des "Andersjahres" 2021?
Ständige Veränderungen von konkreten Situationen waren unser tagtägliches Brot – meistens lief das am späten Abend oder nachts und am Wochenende. Deswegen waren wir in einer ständigen Hab-Acht-Stellung, wann die Verordnungen des Landes kamen, die es vor Ort umzusetzen galt. Das ganze Jahr und die Situation war geprägt von vielen Gesprächen und Runden, die wir gemacht haben – beispielsweise mit dem internen Stab der Stadtverwaltung oder dem Pandemiestab. Es war ein ständiges Abschmelzen der Informationen, um zu klären, wie die Kommunikation und Organisation intern sowie extern ablaufen soll.
Ich habe in diesem Jahr ebenso gemerkt, dass sich einige Bürger komplett einigeln. Mir fällt auf, dass man sich um ein Vielfaches aggressiver ausdrückt, die Umgehungsmotivation wächst gefühlt täglich mit neuen Einschränkungen, beispielsweise mit gefälschten Bändern im Handel oder gefälschten Impfpässen.
Mich hat ebenfalls belastet – auch wenn es mich nicht überrascht hat –, dass die Pandemie im Klinikum angekommen ist. Die Mitarbeiter dort gehen bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit – nicht nur körperlich, weil sie überlastet sind und es Ausfälle gibt, sondern auch seelisch, weil sie täglich den vielfachen Kampf ums Überleben verlieren oder die Ungeimpften auf Station erleben müssen. Das passiert in einer derartigen Häufigkeit weswegen auch die Sterberate ungewöhnlich hoch ist. Das war für mich bezeichnend für das "Andersjahr 2021".
Haben Sie denn erwartet, dass die Pandemie noch mal mit voller Wucht zuschlägt?
Erwartet hat es irgendwie keiner, aber es war zumindest mal schon im Sommer durch das RKI prognostiziert worden. Klar, jeder hat im Sommer ein wenig aufgelebt. Aber die Realität spiegelt sich für mich im Klinikum wieder. Das habe ich so im Geheimsten befürchtet.
Sind Sie enttäuscht von der Impfquote?
Ja, bin ich – bezogen auf den Vergleich zu anderen. Aber ich merke jetzt auch in den Berichten, wie viele auch zum ersten Mal geimpft werden. Es hat offenbar bei vielen Klick gemacht – und hoffentlich nicht nur aufgrund der Beschränkungen, die man umgehen möchte.
Wie anders ist der Beruf eines Oberbürgermeisters in diesem Jahr geworden, was konkret hat sich verändert?
Ich bin im Krisenmodus und muss oftmals direkt und kurzfristig entscheiden. Langfristige Planungen oder Strategieprozesse sind hinsichtlich der Coronapandemie kaum so möglich, wie ich es mir wünschen würde. Im Normalbetrieb würden wir anders vorgehen. Ein Großteil meiner Entscheidungen kreist eben auch um dieses Thema Pandemie.
Wir haben andere Punkte, die wir ganz normal angehen, aber beispielsweise eine Bürgerbeteiligung in der gewohnten Art und Weise geht halt nicht. Nicht alle sind digital affin und könnten sich einem Zoom-Workshop zuschalten. Hier gibt es große Einschränkungen, was einige Leute unglücklich macht. Ich kann auch den Kontakt nicht mehr erleben. Ich denke da an das Jahr 2019 zurück, als ich auf den Festen mal kurz was erklären oder klarstellen konnte und auch Feedback bekommen habe. Das verändert den Beruf des Oberbürgermeisters.
Trotzdem liegen viele Aufgaben vor Ihnen – welchen Meilenstein möchten Sie allen anderen voran in dieser Amtszeit noch setzen?
Grundsätzlich werde ich das in zwei Klausuren mit dem Gemeinderat besprechen. Das sind diejenigen, die gemeinsam mit mir die Meilensteine festlegen.
Aber es gibt ja sicherlich Themen, die Sie grundsätzlich nennen können.
Ich denke ein Großteil dürfte den meisten bewusst sein. Das Projekt Nummer eins wird der Obere Brühl als Verwaltungsstandort und mit der Schaffung von Wohnraum sein. Wir werden die Fortführung im Bereich Schulen den Brandschutz und die Digitalisierung vorantreiben. Das Thema der notwendigen Plätze im Kindergarten habe ich übernommen und werde ich fortführen – ich hoffe, dass ich da am Ende meiner Amtszeit einen großen Schritt vorangekommen bin. Das Bürk-Areal wird ein Thema sein, das hat viele Facetten für unsere Stadt.
Ein weiterer Meilenstein wird die Solarkonzeption der Stadt sein – die alternative Energie soll erlebbar gemacht werden. Nutzbare Flächen sollen mit der Stadt verbunden werden, um Strom aus Villingen-Schwenningen zu produzieren – den will ich haben! In diesem Zusammenhang lässt mich auch das Wasserstoffthema nicht locker. Alleine die Vorstellung davon, mit eigenem Wasserstoff das Gasnetz zu entlasten, macht mich sehr zufrieden. Mit der SVS haben wir da einen guten Player.
Ich möchte darüber hinaus die Digitalisierung auch im Bereich der Verwaltung und des Handels vorantreiben, um dort eine Transformation zu schaffen. Wir müssen eine neue Art von Einkaufen schaffen – angelehnt an die Online-Versandhäuser. Grundsätzlich möchten die Leute bummeln und zwar nicht nur von Café zu Café, sondern sie wollen auch Schaufenster anschauen. Unsere Bürger müssen zudem begreifen, dass wir eine Hochschulstadt mit 6000 Studierenden sind – und die Studierenden müssen dies erleben. Wir haben da noch ein bisschen was zu arbeiten, dass das für beide Seiten erlebbar wird. Studierende sind schließlich etwas Wertvolles.
Darüber hinaus müssen wir das Flair innerhalb der Innenstädte verstärken. In Schwenningen allerdings verstärkter, weil Villingen den Flair aufgrund der Stadtmauer und der historischen Innenstadt hat. Das schaffen wir aber nur im Team mit dem Citymanager, den Einzelhändlern und Gastronomen. Hierzu gehört auch, dass wir den Muslenplatz aufwerten. Es ist mir wichtig, dass wir dort wieder einkaufen gehen wollen. Das Rössle-Areal wird bis dahin sicherlich in Betrieb sein.
Gibt es denn zum neuen Einkaufszentrum Neuigkeiten?
Wir sind da nur Zuschauer. Der Investor ist derjenige, der den Zeitplan bestimmt. Und er sagt zurecht, dass sich der Einzelhandel derzeit verändert. Viele große Ketten gehen nicht mehr in dieser Größe in die Kaufhäuser.
Und dann wäre da noch der städtische Haushalt.
Der Haushalt ist bis zum Ende dieser Amtsperiode saniert – so ist jetzt einfach mal der Meilenstein (lacht). Ich habe das aber auch zu Beginn meiner Amtszeit gesagt: Die 1,2 Milliarden Euro Defizit an der Infrastruktur kriege ich in dieser Zeit nicht ausgeglichen, auch nicht in einer zweiten Amtszeit. Wir können das nur Schritt für Schritt machen. Derjenige, der eine Holperpiste vor seiner Haustüre hat, wird halt leider unzufrieden sein. Aber wir gehen da jetzt strukturierter vor, zumal es mit dem Gemeinderat abgestimmt ist.
Das sind jetzt aber nur die Meilensteine. Ich habe vieles vor und ich weiß, dass die Verwaltung Mühe hat, da Schritt zu halten.
Und was sind ganz aktuell die größten Herausforderungen für VS?
Corona und die Senkung der Infektionslage. Wir wollen Corona hinter uns bringen, entstandene Gräben zuschütten und wieder zusammenfinden. Ich bin dafür nicht verantwortlich, aber ich muss es irgendwie begleiten. Da habe ich mit dem Jubiläum der Stadt Hoffnung. Eine Herausforderung sind zudem die Rückstände in den Infrastrukturbereichen. Das ist scheinbar ein einfaches Thema, aber es hat viele Folgen, wenn ich mich in der Stadt nicht wohlfühle. Und als weiterer Punkt: Die Haushaltskonsolidierung trotz steigender Forderungen der Lobbyisten. Diese werden wir vorantreiben müssen, weil es uns sonst die Luft nimmt.
Mit Blick auf die Kritik an steigenden Gebühren für das Parken oder die Nutzung der Sportstätten sowie der gleichzeitigen Einschränkung des Winterdienstes dürfte es nicht so einfach sein, die Bürger von den Sparmaßnahmen zu überzeugen.
Das klappt normalerweise im direkten Kontakt: bei einer Bürgerversammlung in der Neuen Tonhalle, beim Neujahrsempfang oder bei einem Markt der Möglichkeiten. Auf diesem Weg kriegt man einen Wissenstransfer – und wir erfahren, was beispielsweise die steigenden Gebühren für manche Vereine bedeuten. Ich weiß ja nicht alles! Klar muss aber auch sein, dass die Pandemie nicht als der Bremser für alles gelten kann. Notfalls werden Maßnahmen halt in den Sommer verschoben. Aber es ist ja nicht alles vom Rathaus entschieden, sondern breit diskutiert und als Paket verabschiedet worden.
Wenn wir schon bei den schwierigen Themen sind: Was sind in Ihren Augen die zermürbendsten Angelegenheiten in VS?
Was zehrt ist die mangelnde Bereitschaft, sich mit Entscheidungen, die von den Zuständigen getroffen wurden, einfach mal abzufinden. Man ringt um eine Meinung und die ist aber nicht überzeugend – dann muss aber auch irgendwann mal gut sein. Sonst kommen wir nicht vorwärts, schließlich habe ich nur endlich Kapazität in meiner Verwaltung. Oftmals zerredet man sich und geht ins Detail, das bindet sehr viel Kraft. Auch diese kompromisslose Herangehensweise an Themen ohne nach links und rechts zu schauen. Ich habe in dieser Zeit gelernt, dass man in Gesamtzusammenhängen denken muss, beispielsweise bei den Sportstätten. Das sind für mich so ein paar Soft-Themen, welche die Arbeit für mich anstrengend machen – zermürbend würde ich es aber nicht nennen.
Sie haben das Jubiläum 50 Jahre Villingen-Schwenningen bereits angesprochen. Wo sehen Sie die Doppelstadt denn in einem halben Jahrhundert?
Wenn ich es genau wüsste, würde ich jetzt zum Lotto-Geschäft gehen (lacht). Ich denke wir werden Zentrum der Region sein und bleiben sowie uns als solches weiterentwickeln. Dann werden wir auch Innovationsimpulsgeber der Region sein. Wir werden die Lücke zwischen den großen Stadtbezirken geschlossen haben und eine attraktive Stadt für Arbeitgeber und durch die neuen preiswerten Wohnungsangebote auch für Arbeitnehmer sein. Und in 50 Jahren sind wir eine große Stadt mit mehr als 100.000 Einwohnern, mitten in der Natur, bestens angebunden und hilfreich digital.
Mit Seilbahn zwischen den Stadtzentren dann, wie es ihr Vorgänger Rupert Kubon mal vor Augen hatte?
(lacht) Keine Ahnung, ob das im 51. Jahr dann kommt. Wenn es nach mir geht, ist der ÖPNV dann tatsächlich zum Großteil digitalisiert und autark.
Schauen wir mal in die Region und über die Grenzen hinaus. Rottweil, Tuttlingen, Konstanz - diese drei Städte werden immer wieder in Vergleichen mit VS genannt und häufig als besseres Beispiel ins Feld geführt. Wo haben wir denn die Nase vorn in diesem Vergleich?
Grundsätzlich haben Rottweil und Tuttlingen aufgrund ihrer Größe und Lage viele Einmaligkeiten, ich schätze die Kollegen und die Städte sehr. Ich werde mich nicht mit Konstanz vergleichen können, weil die einen See, eine Universität und eine Fachhochschule mit einer ganz anderen Geschichte und Prägung haben. Das sind viele Dinge, die ich hier nicht habe. Gefühlt ist dort natürlich alles toller.
Aber: Wir sind im digitalen Ausbau voraus, wir sind eine prosperierende Stadt, die doppelt so groß wie Rottweil und größer als Konstanz ist und wir setzen andere Schwerpunkte. Das meine ich nicht vergleichend, ob besser oder schlechter. In unserer Größenordnung können wir manche Dinge nicht so agil machen, wie eine kleinere Stadt – aber wir können manche Themen auch anders anpacken, weil wir die Kraft haben. Gleichzeitig darf man hier unsere Vielschichtigkeit mit den elf Stadtbezirken nicht außer Acht lassen – die müssen sich alle wiederfinden.
Deshalb sage ich: Wir sind vielfältig im Angebot, haben 6000 Studierende, drei Hochschulen sowie fünf Bundesligavereine – damit werden wir in ganz Deutschland bekannt. Und wir haben Hidden Champions mit Weltruf auf dem Markt. Ich glaube wir waren bisher immer etwas württembergisch, also bescheiden. Das ist nicht schlimm und hat seinen Charme. Aber die anderen haben da mal kurz was rausgelassen und das wird wahrgenommen. Wir haben viel zu bieten und ich scheue den Vergleich nicht.
Jetzt wollen wir aber auch wissen, was unser OB privat so macht – wie haben Sie sich in der Schwenninger Espanstraße eingelebt?
Gut. Also die Zeit, die ich – natürlich jobbedingt – überhaupt daheim bin.
Gibt es dort denn auch einen Christbaum?
Da werde ich mich mal umgucken, sobald ich die Kraft und Zeit dafür habe. Ich bin in der Regel aber nicht mit Weihnachtsbaum beseelt. Da habe ich keine Zeit für. Aber es wird dekoriert. Außerdem habe ich meinen Weihnachtsbaum hier vor dem Rathaus – ich muss nur noch die Kugeln hinhängen...
Wie werden Sie Weihnachten feiern?
Ich habe da immer meinen Ablauf mit meinen Verwandten zusammen, man trifft sich jeweils tageweise. Mir tut das gut, weil man dann vieles etwas ruhiger angehen oder sich um Dinge kümmern kann, für die sonst nicht die Zeit bleibt. Lesen zum Beispiel.
Und wie sieht das Weihnachtsmenü aus?
Da werde ich mir noch was ausdenken müssen.
Und für Ihre Katzen?
Da gibt es sicherlich eine Leckerei, aber die sind da sehr bescheiden. Die sollen sich ihren Festbraten außerdem selbst suchen (lacht).