Jürgen Habermas hat die Rolle des öffentlichen Intellektuellen wie kein anderer geprägt. Ein Adieu von Reiner Ruf
Es schmerzt, dass er tot ist. Dass er geht, war zu erwarten gewesen, das schon. 96 Jahre zählte er, da verengt sich der Horizont. Dennoch hatte der Gedanke etwas Tröstliches, dass er noch da war, Jürgen Habermas, der geistige Repräsentant der alten Bundesrepublik. „Der Philosoph“ – so lautet der Titel einer jüngsten Biografie über Habermas, eine teils spöttische, teils respektvolle Anspielung auf dessen Status als Deutschlands erstem Denker. „Der Philosoph“: Das war für die mittelalterlichen Scholastiker Aristoteles gewesen - neben Platon der größte der großen Philosophen des klassischen Altertums.
Für Habermas-Enthusiasten entfaltet seine Sprache einen ganz eigenen Reiz. Auf alle andere wirkt sie hermetisch. Habermas lebte ein Leben im Elfenbeinturm der Wissenschaft. Umso erstaunlicher ist der enorme geistige Einfluss, den der Abkömmling der „Kritischen Theorie“ auf Politik und mehr noch auf das gesellschaftliche Klima in der Bundesrepublik nahm. 1986 brach er den Historikerstreit vom Zaun, mit dem er den Versuch (rechts-)konservativer Historiker vereitelte, den Blick auf die NS-Diktatur einer wohlwollenden Revision zu unterziehen. Ein Jahr zuvor hatte Bundespräsident Richard von Weizsäcker seine reinigende Rede zum Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1945 („Ein Tag der Befreiung“) gehalten. Weizsäcker und Habermas: Beide haben enormen Anteil an einer Erinnerungskultur, die aus dem moralischen Zusammenbruch Deutschlands unter der NS-Herrschaft normative Handlungspostulate ableitet.
Habermas hat immer wieder den politischen Streit gesucht. Er kämpfte für universelle Menschenrechte und gegen den „DM-Nationalismus“ der Nachwendezeit; dies mit dem von Dolf Sternberger zuerst vorgetragenen „Verfassungspatriotismus“ im Herzen und der Westbindung Deutschlands im Verstand. Vernunft galt ihm als strukturierendes Prinzip der Weltbearbeitung.
In seinem Buch „Faktizität und Geltung“ von 1992 entwirft er das Konzept einer deliberativen, also einer auf den Austausch von Argumenten ausgerichteten Demokratie, um die sich Winfried Kretschmann als Ministerpräsident in der politischen Praxis bemüht hat. Merkwürdig ist nur, dass sich Kretschmann so gut wie nie auf diesen Ideengeber beruft. Vielleicht, weil ihm Habermas als irgendwie links gilt.
Habermas’ Rolle in der Geschichte der Bundesrepublik verhält sich im Widerspruch zum unheilvollen, antidemokratischen Einfluss eines Carl Schmitt in der Weimarer Republik und zu Beginn der NS-Diktatur. Heute werden Schmitts Aphorismen („Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“) wieder begierig rezipiert. Habermas’ Schriften stellen das Gegengift zu diesem Autoritarismus bereit. Mit der Säkularisierung der Staatsgewalt, schreibt er in seinem letzten großen Werk über Glauben und Wissen, falle die Aufgabe der Legitimation von Herrschaft der Philosophie zu. „Sie übernimmt in liberalen Demokratien die vernunftrechtliche Begründung der Verfassungsnormen – und damit für die politische Integration eine lebensnotwendige, wenn auch ideologieanfällige Funktion.“
Als Intellektueller war Habermas eine einzigartige Gestalt. Intellektualität wird in Deutschland – anders als in Frankreich – wenig geschätzt. Sportler werden bejubelt, Künstler beklatscht, Unternehmer respektiert. Wer einen geraden Satz zu schreiben vermag, gilt als arrogant. Als Politiker ist der Intellektuelle chancenlos. Die Folge: ein Richard David Precht erklärt uns die Welt. Habermas wird fehlen. Vor dem, was da kommt, hat er gewarnt. Rat geben seine Bücher.