Jüdisches Leben ist keineswegs nur Geschichte. Wie die Gegenwart von Juden in Lörrach heute aussieht, zeigt ein Blick in den Alltag der Israelitischen Gemeinde.
Eine Woche nach dem 9. November, der in Deutschland für die Zerstörung der Synagogen in der Reichspogromnacht im Jahr 1938 steht, feiert die neue Israelitische Kultusgemeinde in Lörrach ihr 30-jähriges Bestehen. Der zeitliche Zusammenhang macht deutlich, dass jüdisches Leben in Lörrach nicht nur eine Geschichte, sondern auch eine Gegenwart hat. Und die Gemeinde hat einen ganz normalen Alltag mit Begegnungen und Zusammensein auch außerhalb der religiösen Anlässe. Eben so, wie jede andere religiöse Gemeinde auch. „Wir sind keine Ausnahme“, sagt Hanna Scheinker, die Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde Lörrach mit ihren etwa 500 Mitgliedern.
Wer in die Synagoge kommt, ist willkommen
Wie genau sich jüdisches Leben im Alltag entfaltet, lässt sich im Fall der Lörracher Gemeinde nicht pauschal sagen. Der Grund: Die Gemeinde ist eine Einheitsgemeinde. Gebetet wird zwar traditionell, dennoch ist die Gemeinde offen für andere Haltungen. Mehr säkular lebende Gemeindemitglieder treffen hier mit Juden zusammen, die ihren Glauben strenger auslegen. „Wir sind heterogen, jeder soll sich hier wohlfühlen“, sagt Moshe Flomenmann. Vielfalt ist generell ein wesentlicher Faktor. „Die Gemeinde lebt von der Zusammenkunft unterschiedlicher Menschen“, sagt Rabbiner Flomenmann.
Das gilt zum Beispiel für grundlegenden Alltagsfragen wie Wohnen. Idealerweise leben Juden nahe bei ihrer Synagoge, so dass sie an Schabbat die Gottesdienste ohne Zuhilfenahme von Maschinen erreichen können. Bei einer Gemeinde, deren Gebiet sich bis in den Kreis Waldshut erstreckt, ist das schwierig. Doch niemand frage, wie man zur Synagoge gekommen sei. Wer da ist, sei willkommen, erklärt der Rabbiner.
Angebote sind auch offen für Gäste
Ebenso verhält es sich hinsichtlich der Arbeit. Wem es wichtig ist, die Ruhezeiten an Schabbat einzuhalten, wird sich eine Arbeit suchen, bei der die Samstage frei sind. Ähnlich verhält es sich anlässlich hoher Feiertage unter der Woche. Wer es für sich einrichten möchte, nimmt an diesen Tagen frei. Das funktioniert gut, sagt Flomenmann. Jedenfalls sei noch niemand aus solchen Gründen entlassen worden. Die jüdische Gemeinde in Lörrach gleicht in vielerlei Hinsicht den Gemeinden anderer Religionen. Es gibt spezielle Angebote für Senioren, je nach Alter Kinder- oder Jugendclubs, derzeit eine Malschule, es gibt soziale Beratung und Fürsorge innerhalb der Gemeinde sowie kulturelle Veranstaltungen. Prinzipiell, so betont Moshe Flomenmann, seien die Angebote der Gemeinde offen für Gäste. Aus Sicherheitsgründen ist es jedoch nicht möglich, einfach zu kommen. Anmeldungen sind erforderlich.
Für jüdische Kinder besteht neben den Tora-Stunden in der Synagoge die Möglichkeit, an einem regulären staatlichen Religionsunterricht teilzunehmen. Dieser findet zentral im Hans-Thoma-Gymnasium statt und unterliegt den Bildungsplänen des Landes, einschließlich der Notengebung. Normalität dieser Art ist dem Rabbiner wichtig.
Versorgung mit koscheren Lebensmitteln
Ein wichtiger Aspekt des Alltags ist die Versorgung mit koscheren Lebensmitteln. Nachdem Heiners Backparadies den Betrieb eingestellt hat, gibt es in Lörrach kein frisches koscheres Brot mehr zu kaufen. Moshe Flomenmann bedauert das, doch sei es unabhängig von den Belangen seiner eigenen Gemeinde ein „Ausdruck dieser Zeit“, dass nicht mehr vor Ort gebacken wird. Einkaufsmöglichkeiten für koschere Produkte gibt es in Basel, Saint-Louis und Straßburg, zuweilen führt die Gemeinde auch Sammelbestellungen durch.
Die von der Gemeinde angebotenen Deutschkurse haben nicht mehr die Bedeutung vergangener Jahre. Das ist ein Beleg für die Integrationsleistung der Gemeinde, die viele Mitglieder aus der früheren Sowjetunion hat. Ihnen war es erst in der Lörracher Gemeinde möglich, jüdischen Alltag zu leben und mit dem Alltag der Gemeinde in einer neuen Welt anzukommen. „Die Gemeinde lebt und gedeiht“, sagt deshalb Rabbiner Flomenmann.