Rainer Stickelberger, langjähriger Landtagsabgeordneter und Justizminister aus Haltingen, wird am Ostermontag 75 Jahre alt. Foto: Siegfried Feuchter

Nach 20 aufreibenden Jahren als Landtagsabgeordneter und Justizminister genießt Rainer Stickelberger seit fünf Jahren seinen Ruhestand. Am Ostermontag wird er 75 Jahre alt.

Verwaltungsrichter, Bürgermeister der Stadt Weil am Rhein, Rechtsanwalt, Landtagsabgeordneter, davon eine Legislaturperiode Justizminister – Rainer Stickelberger, dem stets der Ruf eines Pragmatikers sowie bürgernahen und integren Politikers der Mitte vorauseilte, kann am Ostermontag an seinem 75. Geburtstag auf ein sehr bewegtes und erfülltes Leben zurückblicken. Welche Wertschätzung und Respekt er bis heute genießt, zeigt auch die Einladung von Ministerpräsident Winfried Kretschmann zu dessen Abschiedsfeier Ende April.

 

Spuren hinterlassen

Der Haltinger, ein volksnaher Sympathieträger, hat während seiner politischen Betätigung Spuren hinterlassen. „In der Politik wird man mit allen Lebensbereichen konfrontiert, man bekommt viele Einblicke, sammelt Erfahrungen und baut Kontakte auf“, sagt der Jurist. Die Politik war sein prägender Lebensinhalt. Den früheren Oberbürgermeister Peter Willmann (CDU) bezeichnet Rainer Stickelbeger als seinen „politischen Lehrmeister“, mit dem er sich bestens verstanden habe. „Hier im Weiler Rathaus habe ich mein politisches Handwerk gelernt. Es war eine lehrreiche Zeit“, blickt der frühere Baubürgermeister auf diese acht Jahre von 1984 bis 1992 zurück.

Höhepunkt ist die Zeit als Minister

Die SPD-Kommunalpolitiker Albert Schmidt und Heinz Intveen waren es Ende der 1990er-Jahre, die den Juristen, der nach seiner Bürgermeistertätigkeit als Rechtsanwalt in eine Lörracher Sozietät gewechselt war, gefragt hatten, ob er nicht für den Landtag kandidieren wolle. Rainer Stickelberger brauchte nicht lange zu überlegen, zu sehr schlug sein Herz für die Politik. Höhepunkt seiner politischen Laufbahn war seine Ministertätigkeit. Als seinen größten Erfolg bezeichnet der Realpolitiker jedoch sein Abschneiden bei seiner ersten Landtagskandidatur, als er damals das Direktmandat und mehr als 41 Prozent der Stimmen geholt sowie landesweit als zweitbester Sozialdemokrat abgeschnitten hat.

Politiker mit Bodenhaftung

Rainer Stickelberger ist ein Mann mit Bodenhaftung, der die Höhen und Tiefen der Politik im Stuttgarter Politikbetrieb hautnah miterlebt hat und der bis heute über ein großes Netzwerk verfügt. Auch die aktuelle Bundesjustizministerin Stefanie Hubig kennt er noch aus Zeiten seiner Ministertätigkeit. Über den parteiübergreifenden Verein ehemaliger Abgeordneter pflegt er weiterhin Kontakte nach Stuttgart. Das gilt auch für frühere enge Mitarbeiter aus dem Justizministerium.

Stolz auf erfolgreiche Zöglinge

Dabei ist der ehemalige Justizminister stolz, dass einige seiner Behördenleiterinnen Karriere gemacht haben und heute beispielsweise als Chefin des Bundesgerichtshofs oder als Generalbundesanwältin tätig sind. Unabhängig politischer Gegensätzlichkeiten hat Rainer Stickelberger auch Politiker anderer Parteien schätzengelernt wie beispielsweise den früheren CDU-Ministerpräsidenten Erwin Teufel. „Er war immer authentisch.“

Rainer Stickelberger ist seit 55 Jahren überzeugter Sozialdemokrat, für deren Werte und Überzeugungen er immer besonnen, maßvoll und zielgerichtet eingetreten ist. Sein politisches Vorbild Willy Brandt hat er schon als Kind an der Seite seines Vaters bei einer Kundgebung in Lörrach erlebt.

„Desaströser“ Absturz

Umso schmerzlicher beobachtet er heute weitgehend aus der Distanz des politischen Ruheständlers den Absturz „seiner“ SPD. „Desaströs“ nennt der profilierte Ex-Politiker die Ergebnisse der beiden jüngsten Landtagswahlen, bei denen die SPD vor allem „die arbeitende Mitte, also die Arbeiter und Angestellten“, verloren habe. Deshalb ist Stickelberger überzeugt, dass an der Spitze der Bundespartei „ein personeller und inhaltlicher Neuanfang“ notwendig ist.

Sein Motto: „Carpe diem“

„Man muss loslassen können“, hatte er vor fünf Jahren zu seinem Abschied aus der Politik gesagt. Rainer Stickelberger hat Wort gehalten, so wie auch während seines Berufslebens als Jurist und Politiker Verlässlichkeit stets Maßstab seines Handelns war. Er hat schnell von der Politik Abstand gewonnen. Mit 75 Jahren weiß der Vater einer erwachsenen Tochter sehr wohl, wie sehr die Zeit davonrennt. Deshalb hält er es trotz aller Widrigkeiten der Politik und einer Weltlage mit kriegerischen Auseinandersetzungen und Konflikten für wichtig, trotzdem nicht in Depressionen zu verfallen, sondern positiv zu denken. „Carpe diem“ (nutze und genieße den Tag) lautet seine Devise.

Die tägliche intensive Zeitungslektüre am Morgen bei einer Tasse Kaffee gehört für den „Nachrichtenjunkie“, wie ihn seine frühere Pressesprecherin einmal bezeichnet hatte, selbstverständlich dazu. Aber auch andere Medien nutzt er und saugt die vielfältigen Informationen über das aktuelle Geschehen mit großem Interesse auf. Und er schätzt es, nun Zeit zu haben, um ein Buch an einem Stück lesen zu können.

Intensiv Spanisch lernen

Auch wenn sich Rainer Stickelberger beruflich noch stundenweise engagiert, gehören seine Joggingrunden am Tüllinger Berg zum Alltag. „In den Reben bin ich daheim“, sagt er schmunzelnd. Aber auch durch regelmäßiges Kampfsporttraining mit Taekwondo hält er sich fit. Und der Fußballfan sowie Altrocker und bekennende Fan von Deep Purple, AC/DC und den Rolling Stones lernt seit seinem Ruhestand eifrig Spanisch. Demnächst wird sein VHS-Kurs bei einer Sprachreise nach Andalusien die Kenntnisse vertiefen. Langeweile kennt der gesellige Haltinger, der mit seiner Frau Yvonne immer wieder gerne Veranstaltungen und Feste besucht, jedenfalls nicht. Zu ausgefüllt ist sein Leben im Ruhestand.