Walter Sittler und Lea Sittler ehren Erich Kästner. Foto: East News/bridgeman images/S. Nimmesgern, K. Szczecinski

Im Theaterhaus steht Walter Sittler zum ersten Mal mit seiner Tochter Lea, einer ausgebildeten Sängerin, gemeinsam auf der Bühne – und gratuliert Erich Kästner zu einem doppelten Jubiläum.

Kästner und kein Ende: Das Werk dieses Autors scheint unerschöpflich. Schon vor mehr als zehn Jahren hat sein amtlich zertifizierter Stellvertreter auf Erden, Walter Sittler, angekündigt, nicht mehr mit ihm auf Tournee zu gehen. Es reichte, schließlich war der Stuttgarter Schauspieler mit seinen drei Kästner-Programmen in Hunderten von Vorstellungen landauf, landab gefeiert worden.

 

Sittler und Kästner sind zurück!

Aber war es wirklich genug? Hatte uns der Dichter, dessen Bücher 1933 in Berlin verbrannt wurden, nichts mehr zu sagen? Hatte er als Chronist der größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts ausgedient? Eben. Sittler und Kästner sind zurück, zurück mit ihren musikalischen Begleitern von den Sextanten, aber auch zurück mit einer Sängerin, die erstmals mit von der Partie ist. Lea Sittler, die Tochter von Walter, schlank und hochgewachsen wie er, hat vor Jahren ihr Elternhaus verlassen, um in Schweden zu studieren und dort zu bleiben.

Mit Federboa um die Schultern steht die Sängerin als glitzerndes Revuegirl auf der Bühne und präsentiert mit warmer, unangestrengter Stimme die Schellack-Schlager der Zeit und dazu eigens von den Sextanten vertonte Kästner-Gedichte. Babylon Berlin im randvollen Theaterhaus, wo 1100 Zuschauer das Programm „Prost, Onkel Erich!“ feiern: In zwei Wochen wäre Kästner 125 Jahre alt geworden, wäre er nicht vor 50 Jahren gestorben.

Kästner über die Nazizeit: „So groß war die Dummheit noch nie“

Das Jubiläumsfest beginnt und endet im Himmel, wo die doppelten Sittlers weiße Engelsflügel tragen, die sie aber schnell an den Nagel des Garderobenständers hängen. Das Leben ruft. Kästner kommt nach dem Ersten Weltkrieg in ein Berlin des Hungers und der Not, der Schieber und Hochstapler, er reüssiert als Journalist und Autor und stürzt sich in ausschweifende Sex- und Kokspartys, aus denen „man morgens von der Putzfrau rausgeschafft wird“. Er wundert sich über „Sensationen, die nach zwei Tagen sterben“, Kurzmoden in Kleidung, Musik, Tanz, Gastronomie, denn plötzlich geht man statt chinesisch nur noch amerikanisch essen. Die Metropole, erfährt man, war hip, bevor es den Begriff gab.

Doch dann, im zweiten Teil des Abends, der Kater nach dem Rausch: Die Nazis prügeln sich an die Macht. „Ein Volk versinkt in geistiger Umnachtung. So groß war die Dummheit noch nie“, auch das erfährt man bei Onkel Erich.

Seinen Humor hat der Mann nie verloren

Mit Jazz, Swing und Chanson lassen Lea Sittler und die Sextanten die Vergangenheit aufleben. Vor der reinen Show-Kulinarik schützt sie die klare, kluge und scharfe Kästner-Prosa. Vater Walter spricht sie unprätentiös gradaus, unterstreicht mit Rhythmus und Tonfall das Wichtige, all die Analysen und anti-militaristischen Mahnungen eines Mannes, der seinen Humor, sei er auch noch so bitter, nie verloren hat.

Bei der Bücherverbrennung brüllte Goebbels die Namen der Verfemten der Reihe nach heraus, aber er war „als einziger persönlich erschienen“ und sah dem Höllenspektakel zu. Echt Kästner!

Und wenn sich sein kongenialer Stellvertreter auf Erden aus gegebenem Anlass wieder politisch einmischt, etwa beim „Fest gegen rechts“ im Mai auf dem Stuttgarter Schlossplatz, dann tut er gewiss noch mehr: Er applaudiert ihm, diesem Walter Sittler, der mit Onkel Erich schon längst in einer eingetragenen Partnerschaft lebt.