Das Schramberger Narrenblättle „D’Hoorig Katz“ wird 150 Jahre alt. Seit 25 Jahren leitet Stefan Link die Redaktion.
Stefan Links drei Worte zur Essenz der Hoorig Katz: „Närrisch. Lokal. Gemeinschaft.“ Im Interview spricht er über persönliche Höhepunkte, prägende Geschichten, die besondere Bedeutung der „Hoorig Katz“ für Schramberg und darüber, wie sich das Narrenblättle in digitalen Zeiten behaupten kann.
Herr Link, was bedeutet Ihnen das Narrenblättle „D’Hoorig Katz“ persönlich?
Seit ich denken kann, ist das Narrenblättle ein Thema in meinem Leben. Mein Vater kam 1968 in den Elferrat, da war ich drei Jahre alt. Als kleines Kind saß ich oft mit meinem Vater am Küchentisch und schaute ihm zu, wie er im Klebeumbruch die Seiten montierte, meiner Mutter Texte diktierte oder Fotomontagen von Hand anfertigte. Das hat mich fasziniert. Als Jugendlicher habe ich dann erste Zeichnungen angefertigt. Heute denke ich schon auch daran, dass mein Papa und ich zusammen mehr als 50 Jahre lang das Narrenblättle gemacht haben. Das freut mich sehr und macht mich auch ein bisschen stolz.
Welchen wichtigsten Ratschlag hat Ihnen Ihr Vater für diese Aufgabe mitgegeben?
Alles genau prüfen und niemanden bewusst und absichtlich in die Pfanne hauen. Wobei man ehrlicherweise sagen muss, dass die Redakteure früher – auch mein Vater – deutlich härter formuliert haben als wir das heute tun.
Was waren in Ihren ersten Jahren die großen Titelgeschichten?
Ab 1994 habe ich offiziell als Elferrat mitgearbeitet. Aufgrund meines Berufes als Schriftsetzer und Grafik-Designer war das für mich gleich ein voller Einstieg. Große Themen waren damals der Narrenbrunnen, die Vorstellung des Endivien-Butz 1995 und die Eingemeindung Lauterbachs 1998. Mein Einstieg als Chefredakteur folgte dann 2001 – ausgerechnet im Jahr des 125-Jahres-Jubiläums. Diese Ausgabe wurde komplett zweifarbig gedruckt, wir haben wirklich alle Register gezogen. Ich schrieb zahlreiche Persönlichkeiten aus aller Welt an, um auf den Geburtstag des weltberühmten Schramberger Narrenblättles aufmerksam zu machen. Von vielen kamen freundliche Absagen und Glückwünsche. Vom US-Präsidenten kam nichts – aber ich bin mir sicher, dass uns die CIA damals zumindest auf dem Schirm hatte.
Gibt es eine Geschichte, die für Sie persönlich unvergessen ist?
Mein Highlight waren die Schnupfelfinger Schnoogadatscher 2007. Diese Gruppe hatte sich über Jahre hinweg als Narrenzunft aus „Schnupfelfingen am Rhein“ ausgegeben und sich ganz offiziell für den Umzug angemeldet. Bei uns hat das niemand hinterfragt. Die Truppe bekam sogar Umzugs-Geld. In Wirklichkeit steckte die Schramberger Musikgruppe „Mauldäschle“ dahinter. Sie ließen eigens ein Häs anfertigen und liefen ganz selbstverständlich beim Umzug mit. Der Knaller kam dann am Samstag vor der Drucklegung. Das Narrenblättle war eigentlich schon fertig, freigegeben und druckreif. Da kam Thomas Kuhner, der Schnupfel-Chef, zu mir und fragte trocken, ob ich eigentlich wüsste, wer die Schnupfelfinger wirklich seien. Mir war sofort klar: Diese Geschichte muss rein. In einer echten Nacht- und Nebelaktion habe ich die komplette Titelseite umgeschmissen – alles neu getextet, neu gesetzt, Bilder frisch gescannt, Korrektur gelesen. Am Montagmorgen ging das Ganze in Druck. Der Elferrat wusste von nichts. Das Ergebnis war genau das, was die Fasnet braucht: Alle hatten etwas völlig anderes erwartet – und dann kam das Narrenblättle mit der neuen Titelstory, dass die Schnupfelfinger die Narrenzunft Schramberg sauber an der Nase herumgeführt hatten.
Wann beginnt für Sie die Hoorig-Katz-Saison?
Im Prinzip sammeln wir das ganze Jahr über Geschichten. Richtig los geht es aber erst im Spätherbst oder im Advent. Die meisten Beiträge kommen traditionell nach Dreikönig. Besonders wichtig, vor allem für die Titelgeschichten, sind die Themen, die die Menschen kurz vor der Drucklegung beschäftigen. Es bringt nichts, über Sommer-Themen zu schreiben. Am Ende wird es dann immer sehr hektisch. Bei 16 Seiten pro Ausgabe steckt enorm viel Arbeit dahinter. Pro Seite sind das etwa sechs bis zehn Stunden, bis alles komplett druckfertig steht. Die 150er-Jubiläumsausgabe hat stolze 24 Seiten – wir haben ordentlich gerödelt (lacht).
Warum ist die historische Seite des Stadtarchivars so wichtig?
Es ist eine sehr wichtige Seite. Neben dem närrischen Klamauk bringt sie einen historischen und inhaltlich wertvollen Beitrag ins Narrenblättle. Carsten Kohlmann recherchiert hier sehr intensiv. Dadurch erhält das Blättle zusätzliche Substanz und Wertigkeit.
Hat sich der Humor verändert?
Im Grunde haben sich die Themen gar nicht so stark verändert. Es ging schon immer um Kritik an der Obrigkeit – an der Stadtverwaltung, an Bürgermeistern und an Gemeinderäten. Sehr oft waren es finanzielle Fragen und teure kommunale Projekte, bei denen sich die Bürger fragten, wie sie überhaupt bezahlt werden sollen. Die Dinge, über die auch an Stammtischen, in der Presse oder in den sozialen Medien gesprochen wird.
Verändert hat sich vor allem die Art des Humors. Früher wurde auch über kleine, liebevolle Alltagsgeschichten gelacht – etwa, wenn jemand ein kaltes Bier bestellte und ein warmes bekam. Die Themen waren überschaubarer und näher am Alltag. Heute braucht es mehr. Die Menschen sind reizüberflutet, vieles wird in den sozialen Medien schon zigfach „kommentiert“, bevor es im Narrenblättle ankommt.
Ist die Konkurrenz der Sozialen Medien die größte Herausforderung?
Ganz klar. Das Narrenblättle funktioniert aber bewusst anders: Dinge reifen in Ruhe, sie sind liebevoll konstruiert, gezeichnet, selbst gemacht und als solche auch erkennbar.
Wie können die Schramberger das Narrenblättle unterstützen?
Für mich ist das Narrenblättle ein Stück Zeitgeschichte, ein echtes Kulturgut. Im Blättle erwähnt zu werden, ist keine Bloßstellung, sondern eine Ehre. Toll wäre, wenn es auch einen 200. Geburtstag geben wird – mit anderen Themen, aber mit derselben Idee. Ich wünsche mir, dass die Menschen ihre Missgeschicke wieder aufschreiben und mit einem Augenzwinkern einreichen.Die Grenzen zwischen Realität und Karikatur müssen immer erkennbar sein, auch wenn die Bilder in Zukunft die KI liefern wird. Wir wollen durch den Kakao ziehen – aber nicht durch den Dreck. Also alles nach unserem bewährten Motto: „Jedem zur Freud, niemand zu Leid“.
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kann an den Tankstellen BFT-Bühler (Sulgen und Schramberg), Toto Lotto Bihl, Tabakshop Spohn im Kaufland, Buchlese, Brantner-Bäck (Sulgen-Mitte, bei Möbel Neininger, Filiale Spittel und am Rathausplatz), Bäckerei Menrad, Lix Barbershop, Kunst Stube, Foto Löffer, Edeka-Lustig und der Tankstelle Heim erworben werden.