Vom Dorfbott bis zur 1000. Einwohnerin, vom Schriftrollenspiel bis zur Tracht: Das Festbankett zum 800-jährigen Bestehen Dörlinbachs war ein voller Erfolg. Die gut 300 Gäste in der voll besetzten Festhalle wurden am Samstagabend gut unterhalten und hatten Gelegenheit, selbst in Erinnerungen zu schwelgen.
„An Tagen wie diesen“, sang der Chor Lauschangriff zum Einstieg, „wünscht man sich Unendlichkeit“. Dass genau dies eintritt an jenem Samstagabend, an dem die Dörlinbacher das 800-jährige Bestehen mit einem Festbankett feiern, war der Wunsch von Bürgermeister Matthias Litterst.
Und er dürfte in Erfüllung gegangen sein. Einige der gut 300 Gäste in der „wahnsinnig vollen“ Turn- und Festhalle, so Litterst, harrten noch bis 1 Uhr nachts – weit über das offizielle Ende der Veranstaltung hinaus – aus, schwatzten, stießen an und lachten über eigene Geschichten und über das, was sie beim Festbankett zu hören bekommen hatten. Denn das bot ihnen reichlich Stoff für launige Gespräche.
Das Konzept
Es sollte kein Abend mit trockenen historischen Fakten werden, hatte der Rathauschef bereits im Vorfeld der Veranstaltung betont und dies am Abend noch einmal bekräftigt. Dass Dörlinbach über das Kloster Ettenheimmünster besiedelt wurde, dass dort einst eine Kirche abgerissen wurde – „das wissen die Menschen“. Stattdessen war es Litterst wichtiger, selbst zu betonen, was für eine Ehre es sei, ein Dorfjubiläum miterleben zu dürfen. „Nicht jeder Bürgermeister hat dieses Glück.“
Litterst sprach ein „Riesenkompliment an alle Jubiläumsmacher“ aus, die mit ihren Ideen und ihrem Einsatz einen Veranstaltungskalender auf die Beine gestellt haben, „der vielfältiger und einfallsreicher kaum sein könnte“. „Geschichte“, hob Litterst hervor, stehe zwar im Falle Dörlinbach auch in Büchern, genauer im 1995 erschienenen Heimatbuch, lebe aber vor allem „in den Herzen der Menschen“. Fünf Beispiele bekamen die Gäste anschließend auf der Bühne zu Gesicht.
Der Dorfbott
Klingeling, Klingeling – plötzlich läutete es in der Halle. Ein junger Mann mit offiziell wirkender Uniform, Helm und Glocke zieht die Aufmerksamkeit auf sich. „Wer bist denn du?“, fragte Litterst. „Na ich bin der Dorfbott“, antwortete der Uniformierte, der sogleich auf die Bühne marschierte. Die Geschichte des einstiegen „Ortspolizisten und Ortsdieners“ verkörperte Marius Griesbaum. Er berichtete, dass der Dorfbott noch bis in die 1950er-Jahre mit „Helm, Säbel und Glocke“ im Dorf unterwegs war und als „lebendiges Mitteilungsblatt“ fungierte. Er verlas aus dem Rathausfenster heraus die Bekanntmachungen der Gemeinde.
Adolf Billharz und später dessen Sohn Karl Billharz seien es gewesen, die diese Rolle einst ausübten. So wichtig diese auch war, beliebt war der Dorfbott nicht immer, schilderte Griesbaum. Denn er war es abends auch, der die Sperrstunde in den Gasthäusern einläutete. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe das Ansehen der Uniform abgenommen, der Dorfbott schließlich die Glocke an den Nagel gehängt. Heute, so Litterst, gebe es freilich das Mitteilungsblatt, das Internet und Social Media. Beim Festbankett jedoch lebte die Rolle des Dorfbotts wieder auf und Griesbaum war noch einige Male als Assistent auf der Bühne gefragt.
Der Dorffotograf
Spannendes zu erzählen hatte Thomas Rothweiler über seinen Großvater Josef Rothweiler auch bekannt als „Schninder-Sepp“. Der war nämlich Dorffotograf und hatte die Leidenschaft von seinem Vater geerbt, der als Schneider ein gefragter Mann in Dörlinbach war. Thomas Rothweiler berichtete, dass viele Dörlinbacher einst zu seinem Großvater gingen, um Familienfotos anfertigen zu lassen – oder auch Passbilder. „Er hat dann immer den Meter genommen, um die Menschen auf den richtigen Abstand zu stellen“, erklärte der Enkel und machte das mithilfe eines Zollstocks und des Bürgermeisters vor. Auch die Original-Kamera von früher hatte Rothweiler dabei.
Sein Opa sei ein humorvoller Mensch gewesen, erzählte Thomas Rothweiler weiter. Wenig zu lachen habe er als Enkel nur gehabt, als er als kleiner Junge in die Dunkelkammer spaziert ist, wo sein Großvater gerade die Bilder entwickelte. Und noch einen „Funfact“ gab es: Der Hobbyfotograf war nämlich gelernter Wagner und hatte seine Ausbildung in Welschensteinach absolviert – beim „Lenze-Paul“, dem Urururopa von Marion Gentges, wie die eingeladene Justizministerin in der ersten Reihe erfreut feststellte.
Die Tracht
Nachdem Gentges selbst einige Worte auf der Bühne sprach – sie betonte anlässlich des Dorfjubiläums und des Programms, dass Heimat in schnellen Zeiten stets Orientierung gebe – stand die Mode im Mittelpunkt. Genauer: die Tracht. Im ganzen Ort hängen Jubiläumsfahnen mit Bildern der jungen Damen und Herren, die sich historisch korrekt in Schale geworfen haben.
Eine von ihnen, Virginia Griesbaum, stand auf der Bühne Matthias Litterst Rede und Antwort. Eine Gruppe von etwa 20 Mädchen und jungen Frauen habe sich anlässlich des Jubiläums zusammengeschlossen und über die historische Mode informiert, erklärte sie. Ihre Tracht mit blauen Ärmeln und schwarzem Tuch, sei die Alltagstracht gewesen. Sie wurde sonntags getragen. „Eine dunkle Tracht gab es für Festtage“, so Griesbaum. Die jungen Frauen zeigen sich nicht nur auf den Fahnen im Ort, sie haben auch ein Fotoshooting für einen Jubiläumskalender absolviert, den es zu kaufen gibt.
Die 1000. Einwohnerin
Dörlinbach, hatte einst mehr Einwohner als heute – zwischenzeitlich sogar mehr als 1000, erklärte Bürgermeister Litterst. Das Übertreffen der Marke sei einst ein großes Thema in der damals noch eigenständigen Gemeinde gewesen, so groß, dass regelrecht daraufhin gefiebert wurde. Eine entscheidende Rolle spielte dabei Sabine Lutz, die die Zuhörer mit in den Sommer 1969 nahm. Dörlinbach zählte damals 998 Einwohner. Wer würde der 1000. sein?
„Drei Familien waren im Rennen“, erklärte Lutz. Eine Mutter brachte Ende Juli eine Tochter auf die Welt – Nummer 999, eine andere war mit der Geburt „zu spät“ dran. So war es der 4. August 1969 als Sabine Lutz als Sabine Kaspar geboren wurde und zur 1000. Einwohnerin wurde. „Es gab sogar eine kleine Prozession vom Kindergarten bis zur Kirche“, berichtete Lutz, deren Mutter ihr diese Geschichte immer wieder gern erzähle. Zudem gab es ein besonderes Geschenk der Gemeinde: Ein Sparkassenbuch mit 100 Mark.
Das Dorforiginal
Höhepunkt des Abends war zweifellos der Auftritt des 82-jährigen Hermann Fischer, der von seinem gleichnamigen Vater, einem echten „Dorforiginal“, erzählte: „Er liebte seine Pfeife, seinen Schnupftabak und seine Mütze. Aus seinem Alter machte er ein Geheimnis, er war im Schaltjahr geboren.“ Aufgrund eines regierungskritischen Witzes sei er kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs noch einmal eingezogen worden, doch viel bekannter war er für ein Spiel, mit dem er einst von Feier zu Feier zog.
Und das, genauer die Original-Schriftrolle, hatte Hermann Fischer am Samstagabend natürlich mitgebracht. Schwein zum Mästen, Leierkästen, alte Schraube, Damenhaube – das Publikum wiederholte die gezeigten Begriffe, die sich reimten, begeistert, bis es am Ende stets hieß „O, du schöner Leutenant“. Ein gelungener Abschluss für ein gelungenes Festbankett.
Die Musik
Die musikalische Einleitung („Tage wie diese“) war dem Chor Lauschangriff vorbehalten, der sich, zur Überraschung einiger Gäste, aus dem Publikum heraus erhob. Auch den Abschluss setzten die Sänger unter der Leitung von Simon Göppert mit „Hinterm Horizont“. Weitere Musik kam von der Trachtenkapelle Dörlinbach. Die Musiker gaben zunächst „Book of Love“ zum Besten und spielten später am Abend ein Arrangement mit Melodien von „Santiano“.