Seine Erfolge erreichte Josef Wund nur mit permanentem Durchpowern. Er starb vor acht Jahren bei einem Flugzeugabsturz. Foto: imago/Arnulf Hettrich

Josef Wund hat sich aus ärmlichen Verhältnissen hochgeschafft – bis zum Macher gigantischer Thermen. Ein rastloses Leben, dessen Ertrag jetzt der Allgemeinheit zugutekommt.

Josef Wund starb nicht im Bett. Es scheint, das Schicksal habe entschieden, ihn so aus dem Leben zu nehmen, wie er es führte: Immer in der Bewegung, immer im Vorwärtsgang. Am 14. Dezember 2017 stürzte er nahe Ravensburg mit einer Cessna ab. Die Familie hat dort einen Gedenkstein aufstellen lassen, der dieses Leben mit einem Seneca-Zitat charakterisiert: „Im Hafen ist ein Schiff sicher, aber dafür ist es nicht gebaut.“

 

Die Schiffs-Metaphorik passt nicht nur zu Josef Wunds Leben, das ein ständiger Aufbruch zu neuen Ufern war. Es passt auch zu dem Element, das ihn bekannt gemacht hat: Wund, der Bäderkönig. Ein Ausdruck, den er selber gar nicht mochte, der aber seine Unternehmer-Leistung treffend wiedergab: Josef Wund ist der Initiator der Therme Erding – vor rund 30 Jahren prägte er mit dem Bau der größten Therme der Welt die Epoche der riesigen Badelandschaften in Deutschland, die er meistens selber nach und nach schuf: vom Badeparadies Schwarzwald in Titisee-Neustadt bis zur Badewelt Sinsheim.

Sein Vater ein mittelloser Hilfsarbeiter

Wasser ist sein Vermächtnis. Das hatte er noch vor seinem Tod eingefädelt: Sein Bäder-Imperium wurde Grundstock der Josef-Wund-Stiftung, die zum Beispiel Kindern eine Chance gibt, schwimmen zu lernen.

Denn das wusste Josef Wund aus seiner eigenen Kindheit: Die Chancen für den Start ins Leben sind sehr ungleich verteilt. Und besonders schlecht sieht es für den jungen Josef aus. Der Vater ein mittelloser Hilfsarbeiter. Sechs Kinder. Josef Wund kommt im Jahr 1938 in der Nähe von Friedrichshafen in ärmlichen Verhältnissen zur Welt.

Und die bestimmen den Platz im Leben, das lernt das Kind schon früh: Er freundet sich mit einem Unternehmer-Sohn an. Zu zweit harmoniert das, aber wenn weitere Kinder aus besser gestellten Familien dazukommen, bleibt der Hilfsarbeiter-Sohn außen vor. Der junge Josef mag zwar kein Geld haben, aber er hat Grips. Und erkennt, dass das sein Kapital ist. Schon in der Dorfschule fallen seine Auffassungsgabe und seine enorme Wissbegier auf. Eine Ordensschwester wird zu seiner ersten Förderin.

Der Weg vom Maurer zum Architekt

Und als klar ist, dass die Familien-Not nicht den Besuch eines Gymnasiums zulässt, sondern der Sohn zum Geldverdienen eine Malerlehre beginnen muss, resigniert Josef nicht: Er besucht die Handelsschule und sattelt auf eine Maurer-Lehre um. Mit einem Fernziel im Kopf: Er will Architekt werden.

Ohne Abitur? Josef Wund radelt vom Bodensee nach Stuttgart und macht die Aufnahmeprüfung für die Staatsbauschule. Die Nacht verbringt er unter einer Treppe der Hochschule, weil ihm das Geld für eine Übernachtung fehlt. Von 100 Bewerbern schafft es eine Handvoll, er gehört dazu. Schuhe trägt er nur in der Hochschule, den Weg dorthin macht er barfuß, um sie zu schonen.

Das alles ereignet sich Ende der 50er Jahre. Deutschland ist noch in vielem ein vom Krieg ausgezehrtes Land. Aber die Wende des sogenannten Wirtschaftswunders hat auch machtvoll begonnen. Da kann auch ein Hilfsarbeiter-Kind aufsteigen. Wenn es seine Chancen erkennt – und das tut Josef Wund.

Mit 27 konstruiert er das größte freitragende Beton-Hängedach der Welt

Er verlässt schon bald die finanzielle Sicherheit eines Angestellten-Daseins und macht sich als Architekt selbstständig. Das tun auch andere, aber Josef Wund geht gleich einen Schritt weiter: Statt Häusle zu bauen, entwirft er Industriebauten – und das schon beim ersten Versuch wieder jenseits des Standards: Für die Messe Friedrichshafen konstruiert er das damals größte freitragende Beton-Hängedach der Welt. Da ist er gerade mal 27 Jahre jung.

Bald setzt Josef Wund noch einen drauf: Er entwirft nicht nur große Bauten, sondern verwirklicht sie auch selber: Zu einem festen Preis, zu einem festen Termin, schlüsselfertig – das ist das Angebot des Architekten-Unternehmers Josef Wund, und es wird rege nachgefragt. Gewerbehallen, Sportstätten, Kliniken, Konzerthallen, Hotels – Josef Wund baut quer durch die Republik.

Sein Meisterstück macht er mit dem Deutschen Pavillon auf der Expo in Hannover. Ein Projekt, das die Vorgänger nicht in den Griff bekamen. Josef Wund springt ein und liefert termingerecht. „Der Retter vom Bodensee“ titelt unsere Zeitung damals: „Ohne ihn hätte sich Deutschland als Gastgeberland unsterblich blamiert.“

Besonders erfolgreich werden seine Thermen. Ein Geschäftsfeld, das andere eher verlassen. Für die Therme Erding wollen die Banken anfangs nicht einmal Kredite geben. Am Ende, so hat es das „Handelsblatt“ einmal ausgerechnet, „schwitzt ganz München einmal im Jahr in einer von Wunds 30 Saunen oder surft auf einer der 26 Rutschen“.

Ungeduldig, schlitzohrig und hemdsärmelig

Das alles erreicht man nicht mit Stuhlkreis-Methoden, zumal im rauen Baugewerbe, in dem so manches Wundprojekt – und Josef Wund sprudelt nur so von Projektideen – finanziell desaströs endet. Gerade von seiner Management-Ebene fordert er viel. „Es gibt manche, die sein Tempo nicht mithalten können. Und gehen (müssen)“, heißt es in der offiziellen Biografie der Stiftung.

Ungeduldig, schlitzohrig, hemdsärmelig – das sind einige der Beschreibungen von seinen Weggenossen (die alle hohen Respekt vor Josef Wunds Lebensleistung zeigen). Und dann ist da auch noch der Prozess vor dem Stuttgarter Landgericht wegen Bestechung und Steuerhinterziehung. Am Ende: keine Verurteilung, aber eine Einstellung des Verfahrens gegen eine Zahlung von einer Million Euro.

Seine Erfolge erreicht Josef Wund nur mit permanentem Durchpowern. „Mein Vater hat keine Nacht durchgeschlafen“, sagt seine Tochter Petra Wund. Sie hat immer noch dieses Bild vor Augen: Der Schlafzimmerboden übersät mit Zetteln, auf denen nächtliche Ideen und Gedanken notiert sind.

Seine Kinder hat Josef Wund ausbezahlt

Zwei Herzinfarkte hatte Josef Wund, einem dritten entging er nur mit einem rechtzeitigen Besuch der Notaufnahme. „Ein Workaholic, der seit 60 Jahren nur die Arbeit kennt“, schreibt der Handelsblatt-Journalist Christian Wermke, der ihn ein Jahr vor seinem Absturz besucht. Und das Bild einer Familie skizziert, in der Sohn und Tochter ein anderes Leben führen möchten. „Da waren mein Vater und ich uns einig, dass ich nicht so ein Unternehmen leiten könnte“, sagt Petra Wund, die zum Studieren nach Tübingen gegangen ist, dort heute ihre eigene Familie hat, als Lehrerin arbeitet – und glücklich in ihrem Lebensentwurf ist.

Und so hat Josef Wund die Kinder ausbezahlt (der Sohn bekam auch noch zwei Bäder). Die Bäder im Schwarzwald, in Sinsheim und Euskirchen vermachte der Patron seiner Stiftung. Die zählt gleich mal zu den 50 größten in Deutschland. Vom Bäderbetrieb erhielt die Stiftung zuletzt 3,5 Millionen Euro im Jahr, um ihre Projekte zu finanzieren.

Zum Beispiel das Stipendienprogramm „Talent im Land“. „Für das einzige, was wir Nordeuropäer noch haben: Bildung“, hat Josef Wund dem Handelsblatt gesagt. „Mein Hauptziel ist es, an die talentierten Kinder zu kommen, sie zu entdecken.“ So, wie ihn die Ordensfrau und andere entdeckt und gefördert haben. Ein solches Programm hätte ihm als jungem Kerle enorm geholfen, sagte Josef Wund, als er die Stiftung initiierte.

Schwerpunkt der Stiftung: das Thema Wasser

Jetzt profitiert zum Beispiel Lazkin Habo. Ein Syrer, der schon als Kinderarbeiter im Libanon schuften musste, bis seine Familie die Flucht über das Mittelmeer wagte. Heute studiert er Physik in Konstanz und möchte in die Forschung gehen.

Schwerpunkt der Stiftung ist das Thema Wasser. Der hoch dotierte Undine Award fördert zum Beispiel Projekte, die auf die zunehmende Dürre reagieren oder etwas gegen Mikroplastik in Flüssen tun. Und dann ist da noch die Wundine Schwimmakademie, die mobile Lehrschwimmbecken gebaut hat. Ein Projekt ganz im Sinne der Stiftung, sagt Petra Wund, die als stellvertretende Vorsitzende des Stiftungsrates mitentscheidet: „Wir wollen nicht nur Geld geben, sondern vor allem eigene Projekte angehen.“

Arbeiten für den guten Zweck

Bei den mobilen Lehrschwimmbecken hatte sie plötzlich Erfahrungen wie ihr Vater: „Es hieß: Das klappt nie. Es gab nur Wenn und Aber. Wir haben es dennoch gewagt – vielleicht hat mir mein Vater das mitgegeben. Und mittlerweile gibt es Anfragen aus vielen Bundesländern.“

Und so leitet Petra Wund zwar kein Unternehmen, agiert für einen guten Zweck doch wie eine Unternehmerin: „Ich habe das nie bereut, dass ich nicht ins väterliche Unternehmen eingestiegen bin. Die Stiftung ist für mich eine schöne Aufgabe – und das verbindet mich unglaublich mit meinem Vater.“