Jonathan Sedlmayer gehört beim Fußball-Landesligisten SC Geislingen zu den Stammkräften. Der Verteidiger trägt aber auch das Trikot mit dem Bundesadler.
Geislingen - Trainer Tobias Flitsch muss schmunzeln, wenn er auf seinen Außenverteidiger Jonathan Sedlmayer angesprochen wird: „Der Joni hört mehr und besser, als die Spieler, die richtig hören.“ Richtig hören heißt in diesem Fall: Hören ohne Hörgerät. Denn Jonathan Sedlmayer trägt bei den Spielen des Fußball-Landesligisten SC Geislingen ein Hörgerät. Mit dem meistert er seit seinem zweiten Lebensjahr den Alltag. Trägt er es nicht, nimmt der 22-Jährige nur etwa 20 Prozent der Laute und Geräusche um sich herum wahr. „Ich kam mit einem Hörfehler zur Welt, der mit eineinhalb Jahren festgestellt wurde“, erzählt Sedlmayer.
Seine Fußballkarriere im Amateurbereich bremste die Behinderung nicht. In der Jugend spielte er zunächst in seinem Heimatort für den VfR Süßen, dann für den VfL Kirchheim, in der B-Jugend ging’s zum VfR Aalen. Zuvor war er in der achten Klasse auf eine Gehörlosenschule nach Schwäbisch Gmünd gewechselt. Schulkollegen ermunterten ihn, nebenher auch für die Gehörlosen-Sportgemeinschaft Stuttgart am Ball zu sein. Dort wiederum stach er 2017 Scouts der Gehörlosen-Nationalmannschaft ins Auge. Inzwischen hat er zehn Einsätze mit dem Adler auf der Brust hinter sich. Bei der EM 2019 auf Kreta holte er mit Deutschland Silber und qualifizierte sich für die WM 2020, die jedoch wegen der Coronapandemie bisher nicht stattfand.
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Bei den Spielen der Gehörlosen-Mannschaften müssen sämtliche Spieler ihre Hörgeräte ablegen. Was sich dadurch im Vergleich zum normalen Spielbetrieb ändert? „Es geht härter und aggressiver zur Sache“, sagt Sedlmayer. Da die verbalen Provokationen wegfallen, gibt es mehr körperliche Sticheleien. „Vor allem die Spieler aus kleineren Ländern kommen stark über die Emotionen. Es wird geschubst und gezwickt“, sagt der Sportler. Doch das sind die Ausnahmen. Sedlmayer spielt sehr gerne in der Gehörlosen-Nationalmannschaft unter Coach Frank Zürn. „Das ist wie eine große Familie, in der jeder jeden kennt.“ Im Gegensatz zu den Profifußballern gibt es allerdings nichts zu verdienen. Im Gegenteil: Bei Auslandsspielen muss sogar ein geringer Anteil der Reisekosten (15 Euro pro Nacht) von den Spielern selbst übernommen werden.
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Da kann der Lehramtsstudent an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd den Nebenverdienst beim ambitionierten Landesligisten SC Geislingen gut gebrauchen. Ins Eybacher Tal war er 2020 nach den Stationen TSV Essingen und TSG Hofherrnweiler gewechselt. Keinerlei Einschränkungen bewirke die Tatsache, dass er ein Hörgerät trägt, bestätigt sein Coach Flitsch. Ein dünner Schlauch führt von dem ans Ohr angepassten Hörgerät aus Gummi direkt ins Innenohr. Und wenn die Technik doch mal streikt, finden die Absprachen „eben nonverbal“ statt, meint Mitspieler Lukas Kling, der genauso wie Flitsch schon bei den Stuttgarter Kickers unter Vertrag stand.
Zu große Feuchtigkeit tut den Mikrofonen und Lautsprechern nicht gut und kann die Funktionstüchtigkeit beeinträchtigen. „Wenn es heiß ist und ich viel schwitze oder bei Starkregen gab es schon Probleme“, erklärt Sedlmayer. Es kam auch schon vor, dass er das Hörgerät in der Halbzeit unter den Föhn hielt. Die Batterie ging dagegen während eines Spiels noch nie leer. Vor jedem Spiel schaut er genau danach.
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Kompromissloser Außenverteidiger
Sein persönlicher Akku ist ohnehin immer aufgeladen: Als kompromissloser Außenverteidigers mit guter Technik und Antreiber auf der Außenbahn hat er einen Stammplatz beim SC Geislingen. Das Ziel heißt Aufstieg in die Verbandsliga. Und mit der Gehörlosen-Nationalmannschaft hat er das Ticket für die „Deaflympics“, die Sommerspiele für Schwerhörige, gelöst. Diese sollten im Dezember in Brasilien über die Bühne gehen, wurden nun aber auf Mai 2022 verschoben.
In Sachen Abstellung gibt es keine Probleme: „Wir sind doch stolz, einen Nationalspieler in unseren Reihen zu haben“, sagt Flitsch über seinen Schützling, der ansonsten für ihn und für die Teamkollegen ein Mitspieler wie jeder andere ist. Mit einer Ausnahme: „Wenn wir Witze unter der Dusche machen, muss Joni Lippen lesen“, sagt Lukas Kling mit einem Schmunzeln.