Aufführungen von Bachs Johannespassion in der Fassung von 1725 erlebte das Publikum in Neuenbürg und Alpirsbach.
Angespannt lauscht das Publikum dem Passionsbericht des Johannes in der musikalischen Übersetzung Johann Sebastian Bachs, um nach der zweistündigen Aufführung und kurzem Innehalten in tosenden Beifall auszubrechen. Dabei ist wohl nur wenigen bewusst, welche Leistung hinter einer derart ergreifenden Wiedergabe mit einem so großen Ensemble tatsächlich steckt.
Rund 80 Mitglieder der Bezirkskantorei Neuenbürg und deren Kinderchor sowie der Kantorei Alpirsbach, vier Solisten und die Instrumentalisten des Karlsruher Barockorchesters fanden sich für die Darbietung der an Karfreitag 1725 aufgeführten zweiten Fassung der Johannespassion in der voll besetzten Stadtkirche in Neuenbürg ein. Bereits einen Tag zuvor hatten die Sänger dasselbe Konzert in der Klosterkirche Alpirsbach dargeboten.
Fast opernhaft
Das Werk ist schlichter und zugänglicher als die ein Jahr zuvor uraufgeführte erste Fassung. Die hohe Gewichtung der Choräle und Chorpartituren im Wechsel mit fast opernhaften Arien verlangt den Sängern viel Konzentration ab.
Unter der Leitung der Neuenbürger Bezirkskantorin Sun Kim und ihrem Ehemann, dem Alpirsbacher Kantor Christian David Karl, gelingt den Ausführenden eine dramatisch dichte und musikalisch sinnfällige Darbietung.
Schärfe der Stimmen
In den Turba-Chören kommt das erregte Volk durch polyphone Überlagerung und deklamatorische Schärfe der Stimmen ausführlich zu Wort, während in den eingängig fließenden Chorälen aus Kirchenliedstrophen teilnehmende Reflexion ausgedrückt wird.
Mit der von Bach eingefügten Arie „Zerschmettert mich“ lässt Tenor Erik Grevenbrock-Reinhardt die Verzweiflung und Selbstvorwürfe Petrus’ nach der Verleugnung Jesu schmerzhafte Realität werden. Auch seine Rezitative ließen das Geschehen von der Festnahme Jesu bis zu seiner Kreuzigung und Grablegung durch passende Modulationen bei angenehmem Timbre wirkungsvoll lebendig werden.
Hoheitsvolle Ausstrahlung
In der Arie „Von den Stricken meiner Sünden“ zu Jesu Fesselung kann Altistin Lea Krüger koloraturtechnisch nur wenig überzeugen, während ihr später in der Trauerarie „Es ist vollbracht!“ eine sehr innige, ergreifende Wiedergabe gelingt. Sonja Grevenbrock zeigt mit ihrem hellen Sopran eine erstaunliche Geläufigkeit in den virtuosen Passagen ihrer Arie „Ich folge dir gleichfalls mit freudigen Schritten“.
Makitaro Arima (Bass) verleiht den Christusworten eine Aura hoheitsvoller Ausstrahlung. Mit der Arie „Eilt ihr angefochtnen Seelen“ führt er die „Wohin?“ fragende Gemeinde nach Golgatha. Und tänzerisch anmutend entwickelt er kurz darauf in der Arie „Mein teurer Heiland“ einen Gegenpol zum darin verwobenen andächtigen Choral.
Individuelles Kolorit
Die besonderen Klangwirkungen des in historischer Aufführungspraxis musizierenden Barockorchesters Karlsruhe – unterstützt von Sun Kim und Christian Karl an Cembalo und Truhenorgel – verleihen den Arien ein individuelles Kolorit und sorgen für Spannung in der Konfrontation zweier Welten, die auch den heutigen Menschen noch zu fesseln vermag.