In die Schule kommen Kinder aus unterschiedlichen Kulturkreisen.Foto: Uwe Gräbe/ Foto:  

Die Johann Ludwig Schneller Schule in der libanesischen Bekaa-Ebene hat schwäbische Wurzeln und wird von Stuttgart aus finanziell am Leben erhalten.

Auch das kann eine Frage von Leben oder Tod sein: In die Schule gehen oder zuhause bleiben? Eine Frage, die Odette El-Haddad Makhoul in den letzten Wochen tagtäglich quälte. Sie leitet seit kurzem die Johann Ludwig Schneller Schule in Khirbet Kanafar. Aus den Nachrichten kennt man die Region, in der der Ort liegt: die libanesische Bekaa-Ebene.

 

Die Bekaa-Ebene ist nicht nur, aber vielfach Siedlungsgebiet der Schiiten – die politisch wiederum von der Hisbollah dominiert werden. Im Krieg gegen die Hisbollah hat Israel die Bekaa-Ebene in den letzten Wochen deshalb intensiv bombardiert.

Die Schule selbst ist wohl sicher (warum das so ist, lassen wir unerwähnt – nicht jede Information verträgt die Veröffentlichung). Völlig unsicher sind aber die Wege zur Schule – wenn das israelische Militär Autos für verdächtig hält, wird schnell gebombt.

Ein Pietist aus Erpfingen

Andererseits: Eine geschlossene Schule – und am Beginn der massiven israelischen Angriffe wurde die Schule erst mal geschlossen – schadet den Kindern. Und wer sagt denn, dass sie in ihren Dörfern nicht eher Luftangriffen ausgesetzt sind?

Ein Abwägen, für das Odette El-Haddad Makhoul auch täglich nach Stuttgart telefonierte. „Über einen Monat haben wir täglich diskutiert: Was machen wir?“, sagt Uwe Gräbe. Er arbeitet hier als Bereichsleiter Nahost der Evangelischen Mission in Solidarität (die EMS ist ein internationales Netzwerk von 25 Kirchen und 5 Missionsgesellschaften) und Geschäftsführer des Evangelischen Vereins für die Schneller-Schulen. Denn die haben sehr schwäbische Wurzeln.

In Erpfingen kam im Jahr 1820 Johann Ludwig Schneller zur Welt. Pietistisch geprägt, asketisch lebend, führte ihn sein Berufsweg über die Schule und die Leitung einer Strafanstalt in die Mission. Im Jahr 1854 schickte ihn das Basler Missionswerk St. Crischona nach Jerusalem.

Wegweisende Bildungseinrichtung

Seine Versuche, Muslime für das Christentum zu gewinnen, scheiterten, aber im Jahr 1860 beauftragten ihn die Basler mit einer neuen Aufgabe, die sein Lebenswerk werden sollte: das Syrische Waisenhaus. Anlass war ein Bürgerkrieg im Libanon, in dem Zehntausende von Christen starben.

Mit neun Waisenkindern, die erst einmal auf dem Fußboden schliefen, begann ein Aufbau, der zur größten diakonischen Anstalt im Vorderen Orient führte, deren Fläche sogar die der Jerusalemer Altstadt übertraf.

Schnellers Konzept war zeitgebunden. Es gab den Wunsch, neue Protestanten zu gewinnen, und die Nähe zum deutschen Nationalismus war hoch. Aber vieles an dem Waisenhaus war sehr fortschrittlich oder ungewöhnlich. Kinder aller Religionen wurden aufgenommen, sie bekamen auch eine breite Handwerksausbildung, die sogar Mädchen offenstand – und das im Umfeld der arabischen Traditionen. Eine höhere Schule lieferte dazu den Nachwuchs für die Beamtenschaft der Region.

Suche nach einem neuen Standort

Hitlerdeutschland bedeutete das Aus für den Komplex. Die Engländer beschlagnahmten ihn, der Staat Israel erhielt ihn in den Wiedergutmachungsverträgen zugesprochen und nutzte ihn für das Militär (jetzt ist es jüdisch-orthodoxes Wohngebiet).

Die Schneller-Familie, die inzwischen das Waisenhaus über einen eigenen Verein in Eigenregie betrieben hatte, orientierte sich um. Die Gründer-Enkel Ernst und Hermann Schneller gründeten Schulen in Jordanien und im Libanon. Dort hätte Hermann Schneller lieber in Beirut angefangen, aber die Preise waren ihm zu hoch. So kaufte er auf dem Land, in der verschlafenen Bekaa-Ebene, Grundstücke, achtete darauf, eine Wasserquelle zu haben und baute die Johann Ludwig Schneller Schule auf.

Die ist damals schon der Evangelischen Nationalkirche von Beirut übergeben worden, weil Hermann Schneller klar war, wie tief Deutschlands Ansehen gesunken war, und um eine Enteignung zu erschweren. Längst reisen auch keine deutschen Direktoren mehr als Leiter an. Aber nach wie vor ist der Verein wichtig – als Geldgeber.

60 bis 70 Prozent der Schulen im Libanon sind in privater Hand. Nur hier hat man die Chance auf eine vernünftige Ausbildung. Dieses Angebot lassen sich die Schulen aber bezahlen – und ziehen so vor allem die wohlhabenderen christlichen Familien an.

Die Grundidee ist über die Jahre hinweg dieselbe geblieben

Die einkommensschwächste Gruppe sind die Schiiten, die klassischen Underdogs im Land. In diesen Familien gibt es viele Waisen – solche im Wortsinn, aber auch Kinder, die zwar Eltern haben, aber Vernachlässigung durch Armut erfahren oder Gewalt, vor allem von den Vätern.

Nach wie vor ist dies die klassische Schneller-Klientel. „Die Grundidee ist über die Jahre hinweg dieselbe geblieben: Kinder vom Rande der Gesellschaft werden hier aufgenommen, die sonst wenig Bildungschancen hätten“, sagt Uwe Gräbe. „Für manchen jungen Menschen stellen die Schneller-Schulen die vermutlich letzte und einzige Möglichkeit dar, aus der Spirale von Chancenlosigkeit und Armut auszubrechen.“ Gerade im Libanon, seit Jahren ein immer mehr kollabierendes Land: „Die Not wird gerade unter den ärmeren Familien zunehmend unerträglich. Eine kirchliche Internatsschule ist oft die letzte Rettung.“

Und diese Möglichkeit finanziert Uwe Gräbe von Stuttgart aus. Während die jordanische Schule sich immerhin zu zwei Dritteln selbst trägt, wird die libanesische Schule komplett von Deutschland aus finanziert. Das waren im Jahr 2023 rund 434 000 Euro.

Die Schule liegt im Kriegsgebiet

Kürzlich sind erst 20 000 Euro für Lebensmittelkäufe überwiesen worden. Die Schule legt jetzt einen Vorrat an. Die Idee ist: Wenn wieder Kämpfe ausbrechen, bleiben die 300 Kinder (womit die Schule übrigens deutlich überbelegt ist) in der Schule. Dank der Quelle und einer Photovoltaikanlage wäre sie eine Zeit lang autark.

Wie nah der Krieg war, hat Uwe Gräbe immer wieder in etlichen Rundmails geschildert: „Es gab in den letzten Nächten und Tagen erhebliche israelische Bombardements am Karaoun-Stausee, wo die Hisbollah offenbar sehr präsent ist. Die Druckwellen und der Lärm der Explosionen sind auf dem Schulgelände deutlich zu spüren. Zum Schuljahresbeginn strömten die neuangemeldeten Kinder aus bitterarmen Familien nur so. Dann kam die Anweisung des Bildungsministeriums, den Betrieb auszusetzen. Die Schule liegt im Kriegsgebiet, aus dem die Menschen fliehen. Vorgestern kamen die Einschläge einmal relativ nah, als das israelische Militär das Haus eines Scheichs im benachbarten Ort Jub Jenine durch Raketenbeschuss zerstört hat. Dabei wurde auch das Haus eines Mitarbeiters der Schule beschädigt und ein Auto der Familie zerstört.“

Mittlerweile hat die Schule wieder offen – und kann sich wieder einem ihrer weiteren Ziele widmen: ein Beispiel für friedliche Koexistenz zu sein. In die christliche Schule kommen Kinder aus drusischen, christlichen und muslimischen Dörfern, zudem hat die Schule syrische Flüchtlingskinder integriert. Eine multireligiöse Gemeinschaft also.

Erziehung zur Toleranz ist eine ständige Herausforderung in einem kriegerischen Umfeld. Uwe Gräbe erinnert sich noch an die IS-Zeit, als die Lehrerinnen und Lehrer die Videos von Christen-Hinrichtungen, die auf dem Schulhof zirkulierten, auffangen mussten. Aber da hatte der langjährige Schulleiter George Haddad immer ein Auge drauf, sagt Uwe Gräbe: „Niemand durfte bei ihm einen Keil zwischen christliche, muslimische und drusische Kinder treiben.“ Gerade das gemeinsame Lernen sei ein unschätzbarer Beitrag zum zukünftigen Frieden.

Uwe Gräbe fühlt sich zwischen den Mühlsteinen

Dieses Ziel wird die Schule weiterhin anstreben. Was Uwe Gräbe viel mehr umtreibt, ist das drastisch konfrontativere politische Klima in der ganzen Region. Seit 35 Jahren ist er im Nahen Osten unterwegs, war zum Beispiel in Jerusalem sechs Jahre Probst (Repräsentant der Evangelischen Kirche Deutschlands), unterstützt aber auch über die EMS das einzig noch funktionierende Krankenhaus in Gaza-Stadt: „Ich bin auf allen Seiten zu Hause“, sagt der kommunikative Mann, der über die Jahrzehnte ein dichtes Netz an Freundschaften in allen Ländern geknüpft hat.

Aber seit dem 7. Oktober fühlt er sich, wie er einmal geschrieben hat, zwischen den Mühlsteinen, erlebt er Verhärtungen auf beiden Seiten: „Das sind alles liebe, charmante Leute, aber ein Diskurs schließt sich aus. Das kann einen wahnsinnig machen und lässt mich nachts aufwachen, weil die Gespräche noch mal vorüberziehen.“

Mit ihren Ansprüchen, einer Seite bedingungslos Recht zu geben und die andere komplett zu verurteilen. Also genau das Gegenteil von dem zu tun, was die Schnellerschulen anstreben: „Für alle, die unsere Schulen durchlaufen haben, ist es selbstverständlich, dass sie später den interreligiösen Kontext weiterleben.“ Sein dringendster Wunsch momentan ist deshalb: „Dass der Wahnsinn ein Ende findet.“