Jörg Krauss will als neuer Staatsminister in der Regierungszentrale das Prinzip der Eigenverantwortung in der Verwaltung stärken.
Der Ministerrat hat keine Einwände erhoben, Jörg Krauss kann – wie berichtet – Anfang Februar das Amt des Chefs der Staatskanzlei (CDS) antreten. Der dann 67-Jährige springt für den bisherigen Amtschef Florian Stegmann ein. Dieser wird wegen einer Erkrankung in der Familie von Ministerpräsident Winfried Kretschmann in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Kretschmann sagte, Krauss genieße sein volles Vertrauen. „Ich sehe das Staatsministerium bei ihm in besten Händen.“
Der künftige CdS verfügt über eine Reihe von Vorzügen, die Kretschmann bewogen, Krauss aus dem Ruhestand zurückzuholen. Dieser kennt die Landesverwaltung, er ist Mitglied der mit Verwaltungsexperten nicht gerade reich gesegneten Grünen. Bis März 2023 leitete Krauss als Amtschef das Finanzministerium. Zuvor war er als Vizeregierungspräsident in Stuttgart damit beschäftigt gewesen, die Migrationskrise zu bewältigen. Auch kennt er das Staatsministerium von innen. Dabei entstammt er, ungewöhnlich genug für einen Chef der Staatskanzlei, dem Polizeidienst, den er von der Pike auf durchlief. Nach dem Eintritt in den Ruhestand vor knapp zwei Jahren holte ihn Innenminister Thomas Strobl (CDU) prompt zurück. Strobl betraute ihn mit einer Mission von intrikatem Charakter: Im Kontext einer Führungskrise bei der Landespolizei übernahm Krauss eine Stabsstelle für eine moderne Führungs- und Wertekultur.
Nun hilft er dem Ministerpräsidenten aus der Patsche. Beim Chef der Staatskanzlei handelt es sich um einen politischen Beamten. Egal, wer nach der Landtagswahl im März 2026 Kretschmann nachfolgt, ob Cem Özdemir (Grüne) oder Manuel Hagel (CDU): Die Stelle des CdS wird neu besetzt. Ein Karrierebeamter, der jetzt das Amt übernähme, hätte dann ein Problem.
Krauss wird in seiner neuen Aufgabe viel mit Entbürokratisierung zu tun haben. Kretschmann kündigte dies bereits an. Der neue Staatsminister hat einen eigenen Blick auf das Thema. In den Handlungsempfehlungen für einen neue Führungs- und Wertekultur, die Krauss im vergangenen Juli vorlegte, stehen Sätze, die typisch sind für sein Denken. Er weist auf eine „Wie-mache-ich-nichts-falsch“-Kultur hin, die wohl nicht nur in der Polizei, sondern in der gesamten Verwaltung ausgeprägt ist. Er kritisiert: „An Stelle von Verantwortungsübernahme und Gestaltung wird Absicherungsverhalten und Erfüllungsperfektionismus begünstigt.“ Dabei handelt es sich um ein Problem, das für die Funktionsfähigkeit der Verwaltung ebenso gefährlich ist wie die viel beklagte Überbürokratisierung. Regeln werden von Beamten exzessiv ausgelegt, um keinen Ärger zu bekommen – etwa in der Auseinandersetzung mit Bürgern, die vor Gericht ziehen, oder mit Vorgesetzten, die ihre Ruhe haben wollen. Schon in früheren Funktionen, etwa als Amtschef im Finanzministerium, sprach Krauss von einer „positiven Fehlerkultur“, die eingeübt werden müsse. Es sei besser, Fehler einzuräumen, um es künftig besser zu machen, als diese zu vertuschen. Krauss redet nicht dem Regelbruch das Wort, aber er plädiert für das Ausschöpfen von Ermessensspielräumen.
Krauss meint: „Es macht den Menschen Mut, einen Vorgesetzten vor sich zu haben, von dem sie wissen, dass er es schätzt, wenn sie einen neuen Weg beschreiten.“ Es sei zu wenig, den Mitarbeitern zu sagen, „meine Tür steht immer offen“. Ein Vorgesetzter müsse selbst fremde Türen öffnen. Dabei weiß Krauss, welche Schockwellen ein Amtschef auslöst, wenn er plötzlich im Büro eines Sachbearbeiters auftaucht: Prompt fühlen sich Abteilungs- und Referatsleitern übergangen. Als Chef der Staatskanzlei wird Krauss von seinem Schreibtisch indes kaum wegkommen.