Jodeln kann jeder, der es sich zutraut – Ingrid Hammer zeigte, wie es geht. Foto: Kistner

Nein, ein Diplom wurde am Ende nicht vergeben – doch für die Teilnehmer war der Jodel-Lehrgang im Tieringer Haus Bittenhalde auch ohne Zertifikat eine besondere Erfahrung.

Dem Laien fallen beim Wort Jodeln spontan der Grand-Prix der Volksmusik, das Musikantenstadel und die sportlichen Großtaten jener Tempojodler ein, die es auf über 20 Töne pro Sekunde bringen – der Weltrekord liegt dem Vernehmen derzeit bei 24. Nichts könnte Ingrid Hammer, Jodel-Fachfrau mit steirischen Wurzeln und Wohnsitz in Berlin, ferner liegen als solche Kraftakte. „Leistungsjodeln“ sagt sie, amüsiert und befremdet, und man merkt ihr an, dass sie das Wesen der Musik, die ihr am Herzen liegt, hier so gründlich wie nur möglich verkannt sieht.

 

„Jo lo hu“ – das Silbenrepertoire, dass Hammer und ihre 14 Mitjodler und -jodlerinnen benötigen, ist durchaus überschaubar. Es braucht keinen Text; Jodeln ist reine Musik, zumindest die alpenländische Variante. Gibt es noch andere? Jede Menge, gejodelt wird auf der ganzen Welt: Die Schweden jodeln, die finnischen Samen jodeln, die Baka im zentralafrikanischen Kamerun, die Sioux in den amerikanischen Prärien und die Hillbilly-Sänger in den Appalachen ebenfalls.

Jodeln ist eine universale Form des Gesangs und womöglich auch eine der ursprünglichsten: Musik ist Emotion, sagt Ingrid Hammer, und das fürs Jodeln charakteristische Überschlagen der Stimme ein Signal für eine buchstäblich überbordende Emotion. „Freiheit“, antwortete eine Kursteilnehmerin spontan, als sie gefragt wurde, was für Empfindungen der Jodelgesang in ihrer auslöste. Der reine Brustton und das domestizierte Gefühl dürften jüngeren Datums sein.

Es gibt ein „unteres“ und ein „oberes Register“

Wobei Hammer die Unterscheidung zwischen Brust- und Kopfstimme, die immer gern bemüht wird, wenn vom Jodeln die Rede ist, nicht so „stimmig“ findet – sie spricht lieber vom „unteren und oberen Register“. Zwischen den beiden wird oft und gerne gewechselt; das Jodeln lebt nicht zuletzt von seinen Intervallsprüngen. Entsprechend werden die Silben gewählt: Ein „Jo“ lässt sich nicht gut oben, ein „Hu“ nicht gut unten intonieren. Wenn die mexikanischen Jodler spanische Texte wiedergeben, kann freilich schon mal ein „a“ oder „o“ im oberen Register landen, aber bei allem Respekt vor solcher Stimmakrobatik findet Ingrid Hammer das nicht ganz natürlich.

Der Schädel wird zum Schwingen gebracht

Aber egal, ob unteres oder oberes Register – Jodeln spielt sich oben ab, genauer: im Schädel, der sich von allen menschlichen Knochenstrukturen am ehesten als Resonanzkörper eignet und in dem man deshalb „hineinsingt“. Denn darum geht es letztlich: den Schädel zum Schwingen zu bringen und so ein spezielles Jodel-Vibrato zu erzeugen, das im Idealfall auf den ganzen Körper übergreift. Jodeln ist eine Spielart des Obertongesangs, für den besonders die westmongolischen Sänger aus der russischen Provinz Tuva berühmt sind – Virtuosen können zwei Töne gleichzeitig singen.

Hirschgeweih und Wildschweinkopf schreckten ab

Ingrid Hammer hat in ihrer Grazer Jugend nichts mit Jodeln am Hute gehabt, es vielmehr mit dumpfen Hinterzimmern, Hirschgeweihen und Wildschweinköpfen an der Wand assoziiert. Es bedurfte der Begegnung mit einer tuvinischen Sängerin, um ihr die Welt des Obertongesangs und am Ende auch den ihrer Heimat zu erschließen – der Weg nach Hause führte um die halbe Welt.

Die Schwaben scheinen begabt fürs Jodeln zu sein

Mittlerweile ist sie professionelle Jodellehrerin, die unterrichtender Weise im gesamten deutschsprachigen Raum herumkommt. Im Zollernalbkreis war sie bisher noch nie – aber die knapp 25 Stunden Jodeln im Haus Bittenhalde hat sie als ermutigend empfunden: Auch die Schwaben – von denen einige aus Ulm oder Stuttgart angereist waren – besitzen Begabung fürs Jodeln. „Bringen wir uns gegenseitig zum Schwingen!“, hatte sie ihre 14 Adepten aufgefordert, und tatsächlich ließ sich bald der spezifische „Swing“ des Jodelns vernehmen. Übrigens sehr ruhig, melodisch und getragen – die Rekordversuche im Tempojodeln überlässt Ingrid Hammer anderen.