Klaus Meusel (Jobclub VS, hinten von links), Abdul Aziz Lowe, Saja Jallow, Ryan Giggs Leukoue Tcheffa (vorne von links) mit Tochter Daphne, Cinene Bisso und Bernhard Stern (Jobclub VS) hoffen, dass die Flüchtlinge sich in der Region eine langfristige Existenz aufbauen können. Foto: Eich

Sport verbindet – dass das keine abgedroschene Floskel ist, zeigt das Beispiel von drei fußballbegeisterten Flüchtlingen, die vom Jobclub VS betreut werden.

Villingen-Schwenningen - "Kein Witz: Ryan Giggs wechselt in die Kreisliga!" So titelte das DFB-Portal fussball.de vor mehr vier Jahren, als der TuS Oberbaldigen einen vermeintlich spektakulären Transfer zu vermelden hatte. Ein walisischer Superstar auf der Baar?

Der damalige Trainer und Jobclub-VS-Mitglied Bernhard Stern lacht, als er diese Geschichte erzählt. Denn "Ryan Giggs" ist der Vorname eines Flüchtlings, den Stern betreut. "Sein Vater ist so fußballverrückt, dass er ihm diesen Namen gegeben hat", erzählt er über Ryan Giggs Leukoue Tcheffa, wie der 23-jährige Kameruner vollständig heißt. Er ist einer von drei fußballbegeisterten jungen Männern, die aus ihrer Heimat geflohen sind und hier über die Jagd nach dem runden Leder zueinander gefunden haben.

Großes Risiko bei der Flucht

Abdul Aziz Lowe, Saja Jallow und Ryan Giggs Leukoue Tcheffa, gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Cinene Bisso mit ihren drei Kindern, verbindet eins: Sie sind aus ihrer Heimat geflohen – aufgrund unterschiedlichster Probleme und Perspektivlosigkeit. Für ihre Flucht sind sie große Risiken eingegangen, was die Verzweiflung der damals jungen Menschen deutlich macht.

Lowe (26) flüchtete als 18-Jähriger aus Gambia über die Sahara, Libyen und das Mittelmeer nach Europa – ebenso wie Jallow, der als 23-Jährige mit dem Schlauchboot in Italien ankam. Leukoue Tcheffa und Cinene Bisso (26), die gemeinsam drei Kinder haben, flohen aus Zentralafrika über den Landweg – über die Türkei ging es nach Griechenland.

Flüchtlinge bilden Team in Donaueschingen

Am Ende ihrer Flucht landeten sie in Deutschland und später schließlich in Donaueschingen. Genau dort begann für sie ein neues Lebenskapitel, denn sie trafen auf Bernhard Stern. Dieser übernahm 2015 beim damals krisengebeutelten FV Donaueschingen, der mittlerweile aufgelöst ist, das Traineramt – musste jedoch Aufbauarbeit betreiben. Und hier kamen die Geflüchteten ins Spiel. Stern: "In der Mannschaft waren überwiegend Flüchtlinge."

Die Auflösungserscheinungen des Vereins sorgten schließlich dafür, dass der Villinger Unternehmer zum TuS Oberbaldigen wechselte und dort die komplette Mannschaft unterbrachte. Neun Afrikaner und zwei Oberbaldinger sorgten bereits in der ersten Saison für den Aufstieg – und die Zugkraft der begeisterungsfähigen Fußballer führte zu einem "Bärenerfolg", wie Stern erklärt: Neben der ersten Mannschaft wurden auch die Teams von der zweiten Mannschaft bis zur D-Jugend Meister.

"German time" musste gelernt werden

Der damalige Trainer berichtet aber ebenso von Hürden – insbesondere zu Beginn des Engagements. "Sie mussten erstmal die ›german time‹ kennenlernen", erinnert sich Stern und erzählt grinsend: "Wenn ich sie um 11 Uhr abholen wollte, dann haben sie da erst angefangen zu frühstücken." Der Fußball habe deshalb beim Lernen der Gepflogenheiten geholfen.

Die damalige Zeit war jedoch auch von der Sorge einer Abschiebung geprägt, jenes Schicksal war mehreren Teamkameraden widerfahren, andere zog es in das europäische Ausland. Die drei Kicker sind der Region im weitesten Sinne aber verbunden geblieben: Lowe hinderte zwar ein Kreuzbandriss von einer weiteren Karriere als Fußballer, er arbeitet jedoch seit drei Jahren in Bad Dürrheim. Jallow hat sich als Torgarant beim FC Pfaffenweiler einen Namen gemacht, er jobbt in Furtwangen. Und Leukoue Tcheffa wohnt und spielt in Singen, seine Arbeitsstätte ist in Gottmadingen.

Flüchtlinge sollen den Wohlstand sichern

Alle in Lohn und Brot? Das ist laut Klaus Meusel vom Jobclub VS keine Ausnahme und hat auch nichts mit Barmherzigkeit zu tun. "Die baden-württembergischen Firmen brauchen die Flüchtlinge", betont er gemeinsam mit Stern. Es herrsche außerdem eine Notwendigkeit. Meusel rechnet vor: "1,2 bis 1,3 Millionen Menschen gehen jedes Jahr in Rente, es rücken aber nur 650 000 nach – das reißt ein brutales Loch in den Arbeitsmarkt!"

Auch man wenn Flüchtlingshelfer oftmals als "humanitär bewegte Seelen" ansehen würde, seien diese Ehrenamtlichen durchaus "eigennützig", erklärt Meusel gewollt provokant. Denn ohne Einwanderung könnten die Renten nicht gezahlt und der Wohlstand nicht gesichert werden. "Als ›satte Einheimische‹ wollen wir helfen, diese Menschen zu unterstützen, um ihnen hier eine dauerhafte und gute Existenz zu bieten." Dauerhaft sei dies aber nur möglich, wenn nach einer Beschäftigungsduldung ein Aufenthaltstitel beantragt werden kann – die entweder zu einem Daueraufenthalt oder einer Einbürgerung führt. Das würde nicht nur die Flüchtlinge freuen, wie Stern erklärt: "Keiner der Arbeitgeber möchte auf sie verzichten!"

Info: 138 Nationalitäten in VS

50 Jahre alt wird die Doppelstadt Villingen-Schwenningen in diesem Jahr. Ein halbes Jahrhundert, dessen Geschichte auch viele Zuwanderer mitgeschrieben haben. Die Mischung ist beachtlich, denn so vielfältig war Villingen-Schwenningen noch nie. Die Zahl der in Villingen-Schwenningen vertretenen Nationen stieg von 14 auf heute 138 Nationalitäten seit Gründung der Doppelstadt vor 50 Jahren. Menschen aus vielen anderen Ländern also haben die 50-jährige Geschichte der Stadt Villingen-Schwenningen mitgeschrieben – als Gäste, Zuwanderer, Flüchtlinge, Gastarbeiter und vieles mehr. Vor allem Rumänen, Italiener, Kroaten, Türken und Syrer bildeten 2021 die Top Fünf in der Stadt.