Die Arbeitsagentur Offenburg rechnet aufgrund herausfordernder wirtschaftlicher Rahmenbedingungen mit einem deutlichen Anstieg der Kurzarbeit im Kreis. Foto: Sina Schuldt/

Arbeitsagentur und Jobcenter vermelden für 2024 mehr Arbeitslose, mehr Kurzarbeiter und mehr Leistungsempfänger. Und, da sind sich die beiden Behörden sicher: Im laufenden Jahr wird es noch ungemütlicher auf dem Ortenauer Arbeitsmarkt werden.

Zum ersten Mal überhaupt haben das Ortenau-Jobcenter und die Agentur für Arbeit Offenburg eine gemeinsame Pressekonferenz abgehalten. Möglicherweise hat diese Bündelung der Kräfte ihren Grund in der gegenwärtig angespannten Lage auf dem Arbeitsmarkt. Denn die für die Ortenau präsentierten Zahlen und Prognosen entsprechen den Herausforderungen, denen der gesamte deutsche Arbeitsmarkt momentan ausgesetzt ist.

 

Deutlich mehr Haushalte beziehen Bürgergeld

Gleichzeitig seien, wie Sozialdezernent Heiko Faller zu Beginn der Konferenz ausführte, die besonderen Strukturen des Ortenaukreises – Ausdehnung oder große Unterschiede zwischen den Städten und den ländlich geprägten Regionen – für im Einzelnen dem Bundestrend mal mehr, mal weniger ausgeprägte Entwicklungen verantwortlich.

Ein Beispiel dafür ist die im bundesweiten Vergleich deutlich gestiegene Anzahl der Bedarfsgemeinschaften, die das Jobcenter vermeldete: Insgesamt wurde in 9118 Ortenauer Haushalten Bürgergeld bezogen, das sind 322 Haushalte mehr als 2023 und entspricht einer Zuwachsrate von 3,7 Prozent (deutschlandweit: 2,2 Prozent). „Die hohen Zahlen sind auch zurückzuführen auf die hohe Zahl ukrainischer Flüchtlinge“, erläuterte Faller. Diese seien überwiegend weiblich, zwischen 25 und 55 Jahre alt und brächten ihre Kinder mit.

Ebenfalls auffällig: Die Kurzarbeit kommt wieder zurück, wenn auch nicht so dramatisch wie in den Jahren der Pandemie. Zwar sind die Zahlen für 2024 bisher nur teilweise verfügbar. Fest steht allerdings ein deutlicher Anstieg der Auszahlungen von sechs Millionen Euro, die die Arbeitsagentur im letzten Jahr leisteten (2023: knapp vier Millionen Euro).

Die Agentur registrierte darüber hinaus ein steigendes Interesse an Beratungsfragen zur Kurzarbeit und rechnet aufgrund „der aktuell herausfordernden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen“ mit einem deutlichen Anstieg der Zahlen bereits im Januar. Mehr Kurzarbeit sei ein Indikator für eine sich verschlechternde wirtschaftliche Lage, so Denzer-Urschel. Positiv zumindest für die Arbeitsagentur: Kurzarbeiter kommen in der Arbeitslosenstatistik nicht vor.

In vielen Betrieben herrscht zurückhaltende Stimmung

Die Arbeitslosenzahlen werden allerdings laut der Agenturchefin insbesondere durch die Entlassungen zum 31. Dezember in der Ortenau sehr bald deutlich steigen: „Die kommen in die Januarstatistik“, so Denzer-Urschel. Im Dezember belief sich die Arbeitslosenquote im Ortenaukreis auf 3,9 Prozent. Damit waren 10 091 Ortenauer arbeitslos.

Zwar bewertete Denzer-Urschel die Entwicklung für das Jahr 2024 noch als relativ moderat. Aber, ganz gleich ob Langzeitarbeitslose, ältere Menschen oder Berufseinsteiger: Für 2025 prognostiziert die Arbeitsagentur, was die Arbeitslosenzahlen betrifft, einen Anstieg in allen Bereichen. „Da ist keine Entspannung zu erwarten. Es wird anspruchsvoll“, resümierte Denzer-Urschel. Umso wichtiger seien deswegen, wie die Jobcenter-Chefin Kimpel betonte, die Maßnahmen zur Neu- und Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt.

Die Integrationen in den Arbeitsmarkt erhöhten sich laut Kimpel im vierten Quartal 2024 im Vergleich zum Vorjahresquartal um 20 Prozent. Allerdings, ergänzte Faller, sei feststellbar, dass die Betriebe mittlerweile vorsichtiger agierten. Im Hinblick auf die ukrainischen Flüchtlinge betreffe dies vor allem diejenigen Erwerbslosen, die der deutschen Sprache nicht oder nur teilweise mächtig seien. Spracherwerb bleibe deswegen ein wichtiger Part der Eingliederungsmaßnahmen. In diesem Kontext kritisierte Faller die Überlegungen im Bund, die Mittel für Sprachkurse zu kürzen.

Was ist die „Qualifizierungsoffensive“?

Der sich wandelnden Arbeitswelt möchten die beiden Behörden mit einer „Qualifizierungsoffensive“ begegnen. „Wir haben mittlerweile deutlich mehr Leute im Bestand, die es zu vermitteln gilt“, erklärte Agenturchefin Theresia Denzer-Urschel. Ziel sei es, zögerliche Arbeitgeber dazu zu bringen, auch Menschen, die für die Betriebe nicht die „Champions League“ darstellten, als Beschäftigte in Betracht zu ziehen. Denn: „Es wird schwieriger, Stellen passgenau zu besetzen.“ Zu dieser Offensive gehören auch die sogenannten Chancenmärkte, die im vergangenen Jahr viermal in der Ortenau stattfanden. Dieses „Speed Dating“-Format sei durch den persönlichen Kontakt eine Win-Win-Situation für alle.