Die Ortenauer Arbeitsvermittler sind geübt im Bohren dicker Bretter: Teils vergehen Monate oder Jahre, bis Bürgergeldempfänger eine Beschäftigung aufnehmen. Durch den Bund in Aussicht gestellte Kürzungen werden ihre Arbeit ab 2025 weiter erschweren.
„Kommt es so, wie es derzeit aussieht, würden uns rund 2,9 Millionen Euro fehlen“, konstatierte Sozialdezernent Heiko Faller am Dienstagvormittag. Gemeinsam mit Jobcenter-Chefin Silvia Kimpel hatte er zum Quartalsgespräch ins Landratsamt geladen. Neben den aktuellen Zahlen – „nach wie vor auf relativ hohem Niveau“, so Faller – war auch die für 2025 anstehende Budgetkürzung Thema.
Vor allem die Fördermaßnahmen zur Eingliederung von Bürgergeldempfängern in den Arbeitsmarkt wären betroffen. Bislang stehen jährlich 11,2 Millionen Euro zur Verfügung – ab 2025 wohl nur noch 8,3 Millionen.
„Das bedeutet für uns, dass einige Maßnahmen nicht mehr angeboten werden können“, erläuterte Kimpel. Auch die Zahl der Plätze zu reduzieren, sei eine Möglichkeit der Einsparung Rechnung zu tragen.
9020 Haushalte beziehen Ende Juni Bürgergeld
9020 Ortenauer Haushalte haben Ende Juni Bürgergeld bezogen – etwas weniger als am Ende des vorangegangenen Quartals. Insgesamt rund 12 500 sogenannte erwerbslose Leistungsberechtigte zählte das Ortenau-Jobcenter demnach. Von diesen gilt als arbeitslos, wer keiner Tätigkeit mit mindestens 15 Stunden pro Woche nachging, sich in keiner „arbeitsmarktpolitischen Maßnahme“ befand oder an keinem Integrationssprachkurs teilnahm. Das waren zum Quartalsende 5129 Menschen – rund 380 mehr als im Juni 2023.
Bei einem Großteil – laut Faller gar drei Viertel – handelt es sich um „nicht arbeitsmarktnahe“ Klienten. Das heißt mit einer schnellen Zusatzqualifikation ist es bei ihnen nicht getan, viel mehr mangelt es an Grundlegendem. „Sie müssen etwa lernen, früh aufzustehen und einem Tag Struktur zu geben“, erläuterte der Sozialdezernent.
Niederschwellige Angebote sind etwa Kurse zu Umgangsformen, wie man eine Bewerbung schreibt oder auch zur Gesundheitsförderung – vieles diene der „Aktivierung“ der Klienten. Schnelle Erfolge gebe es nicht, weil die meisten mehrere „Vermittlungshemmnisse“ mitbringen. „Von der ersten Maßnahme bis zur Integration in den Arbeitsmarkt kann es Monate dauern, manchmal Jahre“, so Faller.
Rückkehr zu Sanktionen wird positiv bewertet
Erfolge einzelner Maßnahmen zu messen, sei daher schwierig, gab Kimpel zu bedenken. Oft sei es bereits ein Erfolg, wenn der Klient es von einem in das nächste Angebot schaffe. Sowohl Kimpel als auch Faller zeigten sich überzeugt vom Nutzen der Maßnahmen. „Die Wirksamkeit ist glaube ich schon da“, erklärte der Sozialdezernent. Rund ein Fünftel der Bürgergeldempfänger schleppt das Jobcenter seit seiner Gründung 2005 mit. Die anderen 80 Prozent würden laut Faller früher oder später einen Job finden. Im vergangenen Quartal gelang es, 590 Menschen in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
Die Pläne, Sanktionsmöglichkeiten gegenüber unwilligen Leistungsempfängern wieder auszuweiten, begrüßten Faller und Kimpel am Dienstag ausdrücklich. Diese waren bei der Einführung des Bürgergelds deutlich entschärft worden. Die politische Rolle Rückwärts aus „fiskalischen Gründen“ sorge jedoch für „Irritationen“.
255 Ukrainer finden im ersten Halbjahr einen Job
Weniger Flüchtlinge:
Nach wie vor kommen Menschen aus der Ukraine in die Ortenau und beziehen hier Bürgergeld. Der Blick in die Zahlen für das erste Halbjahr zeigt, dass es weniger werden. Aktuell zählt das Jobcenter 2348 erwerbsfähige Leistungsberechtigte aus der Ukraine. Der größte Teil der Flüchtlinge im Bürgergeldbezug – konkret 1556 Menschen – ist zwischen 25 und 55 Jahre alt und weiblich. Allerdings finden sich auch fast 500 Männer darunter. „Es verwundert nicht, das es viele junge Männer gibt, die nicht an die Front wollen und über irgendwelche Wege aus dem Land kommen“, kommentierte Sozialdezernent Heiko Faller.
Chancenmarkt
Gezielt für Flüchtlinge organisiert das Jobcenter „Chancenmärkte“. Bei der Veranstaltung im Juni in Lahr waren 400 Menschen eingeladen, sich mit 20 Arbeitgebern aus der Region auszutauschen. Lediglich 180 Menschen waren erschienen – rund einen Monat später haben drei davon einen Job. „Es ist ein langwieriger Prozess. Zunächst finden weitere Vorstellungsgespräche, manchmal auch Hospitationen statt“, gab Jobcenter-Chefin Kimpel zu bedenken. Das im November gestartete Format sei dennoch ein Erfolg: Im ersten Halbjahr 2024 seien 255 Ukrainer in Arbeit gekommen, im gleichen Zeitraum 2023 seien es nur 183 gewesen.