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Autoindustrie mit Rekordumsätzen -dennoch kündigt Allgaier 110 seiner Beschäftigten.

Stuttgart - Die Wirtschaft braucht dringend Fachkräfte, predigt Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt seit Jahren. Dennoch entlässt sein eigenes Unternehmen, die Uhinger Allgaier Werke, 110 Mitarbeiter. Der Aufschwung in der Autoindustrie komme nicht in ausreichendem Maße bei dem Zulieferer an, heißt es zur Begründung.

Betriebsrat und Beschäftigte haben gut anderthalb Jahre gekämpft. Im Sommer 2009 kündigte das Uhinger Unternehmen erstmals an, am Firmensitz jedes Jahr zwölf Millionen Euro sparen zu wollen. Nach Rechnung der IG Metall entspricht das in etwa Kosten für 300 Arbeitsplätze, gegen den drohenden Jobverlust gingen die Beschäftigten im vergangenen Jahr auf die Straße. Daraufhin verwarf das Unternehmen, das zu 50 Prozent dem Arbeitgeberpräsidenten gehört, seine Streichungspläne zunächst. Stattdessen verlängerte Allgaier die Kurzarbeit, die 1240 Menschen zählende Belegschaft in Uhingen verzichtete im Gegenzug auf Teile ihres Gehalt und auf Sonderzahlungen. Verhindern konnten Betriebsrat und Belegschaft den Abbau indes nicht. Auf einer Betriebsversammlung informierte die Geschäftsleitung gestern über die Kündigung von 110 Uhinger Mitarbeitern zum 1. Januar 2011. Betroffen sind vorwiegend Beschäftigte im Allgaier-Kerngeschäft, der Automobilsparte.

Das verwundert umso mehr, da die Autoindustrie in Deutschland zurzeit von Rekord zu Rekord eilt. Noch 2009 litt die Branche unter massiven Auftragseinbrüchen, Hunderttausende Beschäftigte bundesweit machten monatelang Kurzarbeit. 2010 hingegen verkaufen vor allem die deutschen Premiumautobauer mehr als je zuvor, auf Kurzarbeit folgten Überstunden und Sonderschichten. Allgaier beliefert die Autohersteller mit Karosserieteilen, einbaufertigen Komponenten sowie Umformwerkzeugen - beispielsweise Türen, Kotflügeln und Kraftstofftanks. Knapp 70 Prozent des Umsatzes erwirtschaften die Uhinger mit der Autoindustrie. Zu den Kunden des Traditionsunternehmens zählen alle großen Hersteller im Süden Deutschlands, die Stuttgarter Daimler und Porsche ebenso wie Audi und BMW in Bayern.

Zu viele Beschäftigte an Bord

Dennoch "gehören wir nicht zu jenen, die über den Aufschwung jubeln", sagte ein Firmensprecher. Zwar habe sich das Geschäft seit der Krise belebt, und man verzeichne ein "stetiges, langsames Wachstum". Nach wie vor seien aber zu viele Beschäftigte an Bord, allein der anziehenden Konjunktur sei es zu verdanken, dass statt der befürchteten 300 nur ein Drittel so viele Arbeitplätze wegfallen. "Die jetzt vereinbarten Personalanpasungen sind zur nachhaltigen Sicherung des Standortes Uhingen leider nicht zu vermeiden", zitiert eine Firmenmitteilung den Allgaier-Chef Helmar Aßfalg.

Bereits im Frühjahr hatte Letzterer angedeutet, dass man um Kündigungen wohl nicht herumkommen werde, auch noch im Herbst rechne er mit einer Unterauslastung, sagte Aßfalg im Februar. Wie groß diese ist beziehungsweise wie stark das Geschäft wieder anzieht, sagte der Sprecher nicht. Zahlen für das 2010 legt das Unternehmen im Januar vor, im Vorjahr sank der Umsatz der Gruppe um 24 Prozent auf knapp 196 Millionen Euro. Erstmals seit 35 Jahren schrieb Allgaier 2009 wieder rote Zahlen. Bis Jahresende werde sich der Umsatz "gegenüber 2009 wahrscheinlich verbessern", kündigte der Unternehmenssprecher an.

Mitarbeiter wechseln in Transfergesellschaft

Für die gekündigten Mitarbeiter ist das ein schwacher Trost. Sie können zum 1. Januar in eine Transfergesellschaft wechseln. Dort beziehen sie bis zu zwölf Monate rund 80 Prozent ihres Gehalts und können sich weiterbilden. Nach Firmenangaben wurden die Bedingungen für den Jobabbau in elf Verhandlungen mit Betriebsrat und der Gewerkschaft IG Metall ausgearbeitet, die Entscheidung "kommt nicht aus heiterem Himmel". Allerdings hat die Belegschaft in der Hoffnung, Kündigungen abwenden zu können, in der Vergangenheit schon Verzicht geübt. Die Tariferhöhung von 2,1 Prozent für das Jahr 2009 wurde statt im Mai erst im Dezember ausbezahlt, darüber hinaus arbeiteten die Mitarbeiter pro Woche bis zu zwei Stunden ohne Gehalt. 2010 erhielt jeder Beschäftigte in Uhingen statt eines 13. und 14. Gehalts pauschal 500 Euro. Konzernweit beschäftigt Allgaier rund 1700 Menschen, davon 1240 am Firmensitz. Ursprünglich war die dortige Belegschaft über einen Beschäftigungssicherungsvertrag bis Ende 2012 vor Kündigungen geschützt, dieser wurde im Zuge des Sparpakets aufgekündigt. Weder der Betriebsrat noch die IG Metall waren gestern für eine Stellungsnahme erreichbar.

Die Allgaier Werke sind ein baden-württembergischer Traditionsbetrieb, 2006 feierte die Firma 100-Jahr-Jubiläum. Dieter Hundt, der aktuelle Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), rückte 1975 als erster familienfremder Manager an die Firmenspitze. Dort blieb er 32 Jahre. 2008 wechselte Hundt an die Spitze des Aufsichtsrats. Seither warnt er regelmäßig vor einem drohenden Fachkräftemangel und fordert einen erleichterten Zuzug qualifizierter Fachkräfte.